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„Fürchtet euch nicht“

Ist das noch Weihnachten? Auch Heiligabend steht diesmal in Dresden im Zeichen von Corona. Warum wir ihn trotzdem brauchen.

Die leere Markus-Kirche in Dresden. Hier und in anderen Kirchen findet zu Weihnachten wegen des Corona-Virus kein Gottesdienst statt. Es geht auch anders. Foto: Sven Ellger
Die leere Markus-Kirche in Dresden. Hier und in anderen Kirchen findet zu Weihnachten wegen des Corona-Virus kein Gottesdienst statt. Es geht auch anders. Foto: Sven Ellger © Sven Ellger

Ein Gastbeitrag von Gisela Merkel-Manzer

Karina ist acht Jahre alt. Seit September freut sie sich schon auf Weihnachten. Warum? In diesem Jahr wird sie das erste Mal bei einem Krippenspiel am Heiligen Abend in der Kirche mitspielen. Sie darf ein Engel sein. Ganz laut soll sie sagen: „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Das ist aufregend.In diesem Jahr hat auch Oma Edda aus Köln versprochen, Weihnachten in Dresden zu sein. Schließlich war sie die letzten beiden Jahre zu Weihnachten krank und konnte nicht kommen. Aber in diesem Jahr, da wird es klappen. Sie will auf keinen Fall verpassen, wenn ihre Enkelin den Menschen ihr „Fürchtet euch nicht!“ zuruft. Im Oktober beginnen die Proben für das Krippenspiel. „Das wird so spannend“, denkt Karina, „wenn ich am Heiligen Abend den Hirten sage, dass sie schnell nach Bethlehem gehen sollen, weil Jesus, Gottes Sohn, geboren ist“.

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An einem Dienstag geht Karina wieder zur Probe in die Kirche. Alle Kinder sitzen mit Abstand im großen Kreis. „Leider muss in diesem Jahr unser Krippenspiel ausfallen“, sagt plötzlich Herr Martin, der mit den Kindern probt. „Wir müssten jetzt auch unter euch Kindern wieder große Abstände halten. So viel Platz haben wir gar nicht in der Kirche, um Maria und Josef, die Hirten, Könige und die Engel auf Abstand zu halten. Wir dürfen uns auch als Kindergruppe nicht mehr treffen. Es tut mir leid.“ Karina geht traurig nach Hause. Sie hat sich so auf das Krippenspiel gefreut. Bevor sie etwas sagen kann, sagt ihre Mutter: „Karina, sei nicht traurig. Oma Edda kann in diesem Jahr leider wieder nicht zu Weihnachten kommen. Wegen des Coronavirus. Es ist es zu gefährlich. Ich soll dich lieb grüßen. „Alles abgesagt“, sagt Karina. „Das Krippenspiel und Oma Edda“. Wie soll es denn da noch Weihnachten werden?

Dann schwand die Hoffnung

Wie soll es denn da noch Weihnachten werden? Vielleicht ist das auch das Gefühl, das viele Menschen in diesen Tagen empfinden. Abgesagt sind vielerorts die Krippenspiele in den Kirchen und die Verwandtenbesuche. Wir haben Angst, uns gegenseitig zu gefährden. „Alle Jahre wieder“ singen wir sonst so fröhlich. Nur in diesem Jahr ist plötzlich alles anders, und selbst das Singen ist gefährlich.Seit Wochen beschäftigt die Kirchen in ganz Deutschland die Frage, wie wir mit unseren Gottesdiensten am Heiligen Abend umgehen sollen. Normalerweise sind unsere Kirchen an diesem Tag ganz besonders besucht. Die weihnachtliche Atmosphäre und die Krippenspiele zu erleben, gehört für viele Menschen an diesem Tag dazu. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer bemühen uns ganz besonders, etwas von der Weihnachtsfreude den Menschen ans Herz zu legen.

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Im Sommer und Herbst hofften wir wie Karina noch, Krippenspiele einüben zu können und mit der Heiligabendgemeinde Christvespern zu feiern. Die Texte für Krippenspiele wurden ausgesucht. Vorsorglich haben wir die Anzahl der Christvespern erhöht, damit wir den Menschen Plätze anbieten können. Doch Woche für Woche schwand die Hoffnung dahin. Wie soll man mit so viel Abstand proben? „Dann halten wir eben nur kurze Besinnungen an diesem Heiligen Abend“, so dachten wir. Vielleicht die Weihnachtsgeschichte mit Bildern erzählen oder Gottesdienste an der Krippe im Freien feiern? Und zwischendurch immer wieder die Frage: „Ist es überhaupt verantwortlich, am Heiligen Abend in die Kirchen einzuladen?“ Wir haben viele Diskussionen geführt.Dann haben wir eine Entscheidung getroffen. In unserer Laurentiuskirchgemeinde, in der ich Pfarrerin bin, wird es in allen Kirchen zwischen 14.00 und 18.00 Uhr jeweils „Offene Kirchen“ mit besinnlichen Momenten an der Krippe geben. Schauen Sie doch bitte einmal auf die Internetseite der Kirche in Ihrem Stadtteil oder an die Kirchentüren, was am Heiligen Abend bei Ihnen stattfindet.

"Ich habe noch eine Überraschung"

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“, so heißt es. Tröstlich ist für mich, dass Gott uns in Jesus Christus nahekommt, auch wenn in diesem Jahr zu Weihnachten viele aus Vorsicht heraus vielleicht nicht in die Kirche kommen. Damals kam Gott den Menschen in einem Stall nahe. Warum nicht in diesem Jahr bei einer Online-Andacht in Ihrem Wohnzimmer? Auch hierfür finden Sie vielleicht auf den Internetseiten Ihrer Gemeinde einen Hinweis.Karina feiert in diesem Jahr Weihnachten nun ganz anders als sonst. Mit ihren Eltern wird sie am Nachmittag in die Kirche gehen. Sie wird sich die Krippe und den Christbaum ansehen. Sie wird die Weihnachtsgeschichte hören. Zu Hause dann wird sie mit ihrer Familie die Online-Andacht ihrer Gemeinde sehen.

Nach dem Abendbrot haben sie mit Oma Edda verabredet, gemeinsam zu feiern. Und wie? Per Zoom am Computer. Sie werden gemeinsam die Geschenke auspacken, sich Geschichten vorlesen. Und vielleicht wird Karina dann plötzlich sagen: „Ich habe noch eine Überraschung.“ Vielleicht schlüpft sie dann in ihr Engelkostüm. „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren“, wird sie ihren Eltern und Oma Edda zurufen. Es sind diese Worte, die wir in diesen Tagen ganz besonders brauchen, lieber Engel. Frohe Weihnachten.

Gisela Merkel-Manzer ist seit fast drei Jahren Pfarrerin der Ev.-Luth. Laurentiuskirchgemeinde Dresden-Trachau. Zuvor war sie Pfarrerin in Leipzig, danach Löbtau.

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