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Galopp auf den VEB Vollblutrennbahnen

Früher war die Pferderennbahn in Seidnitz vor allem ein Ort für gut betuchte Bürger. Dann wurde sie volkseigen. Vor 130 Jahren wurde eröffnet.

Galopprennbahn in Seidnitz
Galopprennbahn in Seidnitz © Archiv

Freunde rassigen Pferdesports können derzeit wegen der Corona-Pandemie nur per Live-Stream und Internet bei Rennen auf der Galopprennbahn in Dresden-Seidnitz dabei sein. In normalen Jahren kamen allerdings etwa 50.000 Besucher. Der Auftakt der diesjährigen Saison war für den 7. Mai angekündigt. 130 Jahre zuvor, 1891, galoppierten auf den Tag genau das erste Mal Pferde über die Bahn.Rund 20.000 Zuschauer sollen damals zur Eröffnung gekommen sein, wie die „Dresdner Nachrichten“ berichteten. Das Blatt lobte die günstige Wahl des Terrains sowie das prächtige Sportwetter, welches nach einem kleinen Vormittagsregenschauer leicht bedeckten Himmel und wohltuende Kühle gebracht habe. Die vornehme Dresdner Gesellschaft sei erschienen, der österreichische Gesandte sowie „Leipziger Herren und Damen, bekannte Erscheinungen des dortigen Rennplatzes“. Eine Musikkapelle spielte, Sekt wurde geschlürft, Sieger des Eröffnungsflachrennens wurde die Halbblutstute Sycorax des Papierfabrikanten Hugo von Hoesch.

Faire Linienführung und gepflegter Zustand

Erste Hürdenrennen, soll es in Dresden schon 40 Jahre zuvor gegeben haben, auf einem Exerzierplatz, der genaue Ort ist nicht mehr bekannt. Die ersten Galopprennen nach dem Vorbild des englischen Rennsystems wurden schon 1822 in dem kleinen Ostseeort Doberan bei Heiligendamm ausgetragen.Für eine Pferderennbahn in Dresden wurde 1890 auf Initiative des Premierleutnants der Ölser Husaren a. D., Walter von Treskow, ein neuer Anlauf gestartet. Seit er die Erbin der Musikinstrumentenfabrik F. A. Glier geheiratet hatte, war Treskow ein gemachter Mann. Der Pferdeliebhaber führte das sorgenfreie Leben eines Privatiers und leistete sich einen Rennstall mit privaten Pferderennen auf Dresdner Exerzierplätzen. Er gründete 1890 zusammen mit befreundeten Militärs und Industriellen, wie dem Papierfabrikanten Hugo von Hoesch, den Verein „Dresdner Reiterheim“, der 1893 in „Dresdener Rennverein 1890“ umbenannt wurde.

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Die Galopprennbahn in Seidnitz wurde nach Treskows Vorstellungen mit Tribüne, Pavillon und ersten Stallanlagen gebaut. Dafür hatte er zuvor von acht Bauern eine Fläche von zusammen fast 33 Hektar gepachtet. Auf der neuen Anlage wurden vor meist gut betuchten Besuchern regelmäßig Rennen gelaufen. Das Seidnitzer Geläuf erfreute sich wegen seiner fairen Linienführung und des stets gepflegten Zustandes eines guten Rufes. Es gehörte bald zu den bedeutendsten Rennbahnen in Deutschland.Treskow ließ weitere Verbesserungen vornehmen. Zur Eröffnung der neuen Renntribühne 1893 erschien König Albert, der gleich einen Ehrenpreis stiftete: Die „Große Dresdner Armee-Steeple-Chase“. Mitglieder der königlichen Familie gehörten fortan zu den regelmäßigen Gästen.Einen weniger glücklichen Verlauf nahm die Ehe des Pferdeliebhabers. Nach einer skandalträchtigen Ehebruchsaffäre verließ er 1897 Dresden und ging nach Frankreich. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er nach Deutschland zurück und lebte bis zu seinem Tode 1923 auf dem kleinen Gestüt seines Bruders Alexander von Treskow in Giesenbrügge (heute das polnische Gizyn).

Betriebsteil des VEB Vollblutrennbahnen

1898 stand der Rennverein durch eine arg strapazierte Vereinskasse das erste Mal fast vor dem Aus, das nur durch das private finanzielle Engagement einiger Vereinsmitglieder verhindert wurde. Wieder mit dabei: Hugo von Hoesch, außerdem Bruno Naumann, der Gründer und Inhaber der Fabrik Seidel & Naumann.Nach dem Ersten Weltkrieg waren es mehr reiche Bürger, Politiker und Künstler, die nach Seidnitz kamen. Mancher unterstützte den Verein finanziell – wie vor dem Krieg. Der Zerstörung der Stadt während des Zweiten Weltkrieges im Februar 1945 fielen in der Rennanlage „nur“ ein Stall und das Totogebäude zum Opfer. Jedoch gingen das Vereinsarchiv und das Sekretariat in der Prager Straße in Flammen auf. Den Dresdener Rennverein 1890 gab es nicht mehr. Er wurde aus dem Vereinsregister gestrichen. Doch schon am 14. Oktober 1945 genehmigte die russische Stadtkommandantur wieder Pferderennen. Später ging die Rennbahn als VE Rennbetrieb Dresden in Staatseigentum über, von 1974 bis 1990 als Betriebsteil Dresden des VEB Vollblutrennbahnen Hoppegarten.

1990 schließlich wurde der Rennverein 1890 neu gegründet und 2013/14 die denkmalgeschützte Haupttribüne aus dem Jahr 1891 mit ihren markanten Schnörkeln und Türmen rekonstruiert. 1993 übernahm die Stadt die Rennbahn. 1995 wurde dann ein Erbbaurechtsvertrag zwischen der Stadt und dem Rennverein geschlossen.

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