merken
PLUS Dresden

"Mädels, spendet eure Haare!"

Meistgelesen: Wie zwei Schülerinnen ihre abgeschnittenen Zöpfe abgeben und damit damit krebskranken Mädchen und Frauen helfen.

Haare ab für einen guten Zweck: Die 12-jährige Lea (l.) und die 13-jährige Aila wissen, dass ihr Haar nicht nur für sie allein so lange und schön gewachsen ist.
Haare ab für einen guten Zweck: Die 12-jährige Lea (l.) und die 13-jährige Aila wissen, dass ihr Haar nicht nur für sie allein so lange und schön gewachsen ist. © Marion Doering

Dresden. Alte Zöpfe passen nicht zu jungen Mädchen. Zwar sind schöne lange Haare keineswegs aus der Mode gekommen. Doch es gibt gute Gründe, sie abzuschneiden, auch wenn die Bewunderung für wallende Mähnen meist groß ist.

"Aber meine Haare waren so lang und schwer, dass ich sie einfach nur noch loswerden wollte", sagt Aila. Die 13-Jährige trägt nun einen flauschigen Bob und fühlt sich regelrecht befreit.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Lea kann das gut verstehen. Auch ihre Haare reichten ihr kürzlich noch bis zur Hüfte. "Das mag toll aussehen, doch ich habe meine Haare nie offen getragen. Das war viel zu unpraktisch", sagt die 12-Jährige. An das leidige Haarewaschen mag sie gar nicht mehr zurückdenken. Es dauerte ewig und nervte.

Außerdem wuchs mit dem Haar Woche um Woche ein Wunsch: Teenager wollen sich verändern, sie suchen nach neuen Stilen und trauern besagten alten Zöpfen nicht nach. Lea freut sich nun über ihren Bob. Der ist gerade sehr modern. Aber was sollte sie mit ihren Haaren tun, sobald die Schere sich mit kräftigen Schnitten durch die Strähnen gekämpft hat?

Patientinnen zwischen elf und 95 Jahren

Zum Wegwerfen fanden beide Mädchen ihr Haar zu schade. So kamen sie auf die Idee, dass es doch toll wäre, wenn sie damit einem anderen Menschen helfen könnten. Ganz unabhängig voneinander machten sie sich schlau und entdeckten die Möglichkeit, ihre Haare zu spenden.

Wenig später lässt Mandy Hofmann-Höfer drei geflochtene Zöpfe und einen dicken Pferdeschwanz durch ihre Hände gleiten. Die Friseurmeisterin ist Zweithaarspezialistin und Kooperationspartnerin des Brustkrebszentrums am Universitätsklinikum Dresden. In ihrem Lockwitzer Studio versorgt sie Mädchen und Frauen, die aufgrund einer schweren Krankheit ihr Haare verlieren. "Rund 80 Prozent der Patientinnen leiden an einer Krebserkrankung. Doch auch beispielsweise Stoffwechselerkrankungen können zu Haarverlust führen", sagt sie.

In der Regel kommen jede Woche fünf Kundinnen zu ihr. Sie sind zwischen elf und 95 Jahre alt, und alle haben die Hoffnung, mit einer Perücke die optischen Folgen der Therapie verhüllen zu können. Neben der immensen Belastung, einer lebensbedrohlichen Krankheit ausgesetzt zu sein und all die dazugehörigen körperlichen Strapazen aushalten zu müssen, leidet auch die Seele. Das weiß Mandy Hofmann-Höfer nur zu gut.

Mandy Hofmann-Höfer freut sich über Ailas tolle Haarspende. Auch Leas Pferdeschwanz hat die 13-Jährige ihr mitgebracht.
Mandy Hofmann-Höfer freut sich über Ailas tolle Haarspende. Auch Leas Pferdeschwanz hat die 13-Jährige ihr mitgebracht. © Marion Doering

Zweimal ist sie selbst an Krebs erkrankt. Als sie ihre erste Diagnose erhielt, war sie 28 Jahre alt. Sechs Jahre später kam der Brustkrebs zurück. Da waren ihre Zwillinge gerade drei Monate alt. "Aus meiner eigenen Erfahrung heraus habe ich einen besonderen Zugang zu den Mädchen und Frauen, die zu mir kommen", sagt sie.

Das schlimme Erlebnis hat sie auch bewogen, ehrenamtlich für die DKMS, bekannt als Deutsche Knochenmarkspenderdatei, zu arbeiten. "Ich besuche Patientinnen in sächsischen Kliniken und zeige ihnen, wie sie sich in der Zeit des Haarverlustes, der ja auch Wimpern und Augenbrauen betrifft, geschickt schminken können." Manchmal gehe es auch einfach nur um Zuwendung und darum, den Frauen eine kleine Auszeit von ihren Sorgen und Ängsten zu bescheren.

Als Zweithaarspezialistin weiß Mandy Hofmann-Höfer auch, was mit den Haaren passiert, die Aila und Lea ihr gebracht haben. Dass daraus direkt eine Perücke für eine Patientin geknüpft werde, ist jedoch eine Vorstellung, die die Friseurin revidieren muss. Damit verhält es sich nämlich etwas komplizierter. "Aber die Haarspenden helfen auf jeden Fall kranken Mädchen und Frauen", versichert sie.

Dafür sorgt der Bundesverband der Zweithaar-Spezialisten. Ein Jahr lang sammelt der Verein gespendetes Haar und lässt es im Rahmen der Messe "Die Zweithaar" in Fulda versteigern - das nächste Mal am Wochenende vom 27. und 28. März 2022.

Toller Erlös aus Haar-Versteigerung

"Bei der letzten Versteigerung sind 70.000 Euro zusammengekommen", sagt Mandy Hofmann-Höfer, die sich gerade ganz besonders freut. Denn der Erlös der Haarspenden kommt jedes Jahr einem Projekt zugute, das sich um kranke Menschen kümmert. "2022 wird das die DKMS-Life sein. Das ist eine Tochtergesellschaft der großen DKMS und unterstützt ausdrücklich junge Krebspatientinnen", erklärt sie. Die Mädchen und Frauen erhalten Beratung für Gesundheit und Entspannung, Seminare im Schminken, Anleitung im Umgang mit ihrer Perücke und Hilfe zur Selbsthilfe.

Diesen Umweg zu den Betroffenen muss das Spenderhaar nehmen, weil Krebspatientinnen in der Regel keine Echthaarperücken erhalten. "Die Krankenkassen zahlen einen Beitrag, der das nicht zulassen würde, denn Perücken aus echtem Haar sind sehr teuer", so Mandy Hofmann-Höfer. In ihrem Studio steht ein Modell, dessen Haar in Farbe und Struktur Ailas Haar sehr ähnelt. Es kostet weit über 2.000 Euro. Die spendabelste Kasse zahle jedoch 404,60 Euro. Um mit einem Perückenmodel, das möglichst echt wirkt, die Zeit der Therapie zu überbrücken, zahlen viele Patientinnen aus eigener Tasche zu. "Es gibt wirklich sehr, sehr gute Kunsthaarperücken", sagt die Zweithaarspezialistin.

Echtes Haar zu echtem Haar: Ailas abgeschnittener Zopf hat fast die gleiche Farbe wie diese Perücke aus Spenderhaar.
Echtes Haar zu echtem Haar: Ailas abgeschnittener Zopf hat fast die gleiche Farbe wie diese Perücke aus Spenderhaar. © Marion Doering

Betroffenen Frauen rät sie, sich an eine Friseurin mit dieser besonderen Spezialisierung zu wenden, noch bevor die Haare ausgehen. Meist beginne der Haarverlust schon nach der ersten chemotherapeutischen Behandlung. Ob sich die Patientinnen dafür entscheiden, mit geschickten Haarschnitten einen Übergang vom eigenen Haar zur Perücke zu schaffen oder direkt zum Zweithaar übergehen, sei ganz individuell. "Manche wollen auch gar keine Perücke und tragen lieber ein Häubchen oder Tuch."

"Corona hat auch den Markt für Zweithaar sehr belastet", weiß Mandy Hofmann-Höfer. Perücken werden überwiegend in Asien geknüpft. Dort konnte lange nicht gearbeitet werden, Lieferketten wurden unterbrochen und auch Echthaarspenden ließen auf sich warten, weil die Friseursalons geschlossen blieben. Deshalb: Jede Spende zählt. Vorausgesetzt, das Haar ist unbehandelt und mindestens 30 Zentimeter lang.

Aila und Lea möchten andere Mädchen aufrufen: "Werft eure Haare nicht einfach weg, wenn ihre euch für eine neue Frisur entscheidet. Spendet eure Zöpfe, sie helfen Mädchen, die es gerade sehr schwer haben."

Mehr zum Thema Dresden