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Wie sich Dresdens Ex-OB einen Orden verdiente

Der frühere Oberbürgermeister Herbert Wagner will die Stasi-Gedenkstätte stärker ins öffentliche Bewusstsein holen. Seine eigene Biografie steht symbolisch dafür.

"Freiheit ist nicht selbstverständlich": Noch immer führt Herbert Wagner Besucher durch das frühere Stasi-Gefängnis an der Bautzner Straße.
"Freiheit ist nicht selbstverständlich": Noch immer führt Herbert Wagner Besucher durch das frühere Stasi-Gefängnis an der Bautzner Straße. © Sven Ellger

Dresden. Mit einer Notiz auf dem Tisch verabschiedete sich Herbert Wagner an jenem denkwürdigen Tag von seiner Frau Pia. "Bin bei der Stasi. Könnte heiß werden. Bitte bete für mich. Dein Herbert."

Und es wurde heiß an diesem 5. Dezember 1989. Als Sprecher der Gruppe der 20 hatte Wagner für diesen Abend gemeinsam mit Arnold Vaatz zu einer Demonstration vor der Stasi-Zentrale an der Bautzner Straße aufgerufen. Die Dynamik des Moments nahm ihren Lauf. Als Stasi-General Horst Böhm das Tor öffnen ließ, wurde die Zentrale von Demonstranten gestürmt und besetzt. Wenig später gab Böhm seine Pistole ab und fuhr nach Hause. Der Rest ist Geschichte.

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"An diesem Abend hatte ich die größte Angst, denn niemand konnte wissen, welche Reaktionen uns erwarten würden", sagt Wagner, während er in der Gedenkstätte Bautzner Straße vor dem Foto steht, das den Moment der Besetzung zeigt.

Ein Bild wie ein Symbol: Am denkwürdigen 5. Dezember 1989 war Herbert Wagner selbst bei der Besetzung der Stasi-Zentrale dabei.
Ein Bild wie ein Symbol: Am denkwürdigen 5. Dezember 1989 war Herbert Wagner selbst bei der Besetzung der Stasi-Zentrale dabei. © Sven Ellger

Er, der damals 40-jährige Elektroingenieur, wurde als Organisator der Montagsdemos zu einem der Gesichter der Friedlichen Revolution in Dresden - und nicht ganz zufällig wenig später zum Stadtoberhaupt.

Heute ist klar: Ohne Wagner und sein Engagement würde es die Gedenkstätte in der heutigen Form nicht geben. Zehn Jahre lang leitete der 72-Jährige den 1997 gegründeten Trägerverein "Erkenntnis durch Erinnerung". Seit 2020 ist er Ehrenvorsitzender - und seit wenigen Tagen zudem Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

"Diese Auszeichnung kam für mich völlig überraschend", sagt Wagner. Bei der feierlichen Übergabe am 16. Juni im Festsaal der Staatskanzlei würdigte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ihn als Revolutionär, der aus der Geschichte für die Zukunft gelernt habe. "Sie haben sehr dazu beitragen, dass die Gedenkstätte zu einem wichtigen Akteur in der Erinnerungskultur der Stadt Dresden wurde und ihre Arbeit heute überregional hoch anerkannt ist." Auch Spenden und Fördermittel wären ohne sein Wirken nicht in dem Maße geflossen, wie es für die denkmalgerechte Sanierung nötig war.

Die Ereignisse überschlugen sich

Herbert Wagner freuen sowohl die Worte als auch das Verdienstkreuz. Vor allem aber will er die Aufmerksamkeit für die Sache nutzen. Für seine Sache.

Noch immer führt er regelmäßig interessierte Besucher durch das frühere Gefängnis und hält Vorträge im großen Veranstaltungssaal der Gedenkstätte. Die Fernseher, die hier hängen, gehören zu den letzten in der DDR entwickelten Modellen. Wagner selbst steuerte als Entwicklungsingenieur am Zentrum für Wissenschaft und Technik einige Teile bei.

Niemals habe er geglaubt, irgendwann mal Karriere als Politiker zu machen. "Ich wollte ein guter Ingenieur sein und mehr nicht." Die Ereignisse 1989/89 rissen aber auch ihn mit. "Damals ist ja an einem Tag mehr passiert als heute in einem Jahr." Wagner wurde Mitglied der CDU und nach den ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990 von der Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister gewählt.

"Dresden in ein Mieterparadies verwandelt"

Und was erwarteten die Dresdner von ihm? "Schmeiß alle roten Socken aus dem Rathaus und bring uns sofort auf West-Niveau", erinnert sich Wagner. Ganz so einfach war es dann freilich nicht.

Dennoch erinnert er sich an eine "Umbruch- und Aufbauzeit voller Chancen". Gefragt nach seinen Erfolgen, nennt er die Siemens-Ansiedlung als Grundstein für den heutigen Mikroelektronik-Standort, die Autobahn nach Prag und die Vorbereitungen zum Bau der Waldschlößchenbrücke.

Auch an die Wohnungsnot nach der Wende erinnert er sich gut. "Innerhalb von elf Jahren haben wir Dresden in ein Mieterparadies verwandelt, das es heute nicht mehr ist." Der komplette Verkauf der städtischen Wohnungen sei für ihn nicht der richtige Weg gewesen. Da hätte er eher den Bau des Dynamo-Stadions nach hinten geschoben, wohl wissend, dass er sich damit den Groll der Fans zugezogen hätte.

Im Juni übergab Ministerpräsident Michael Kretschmer (r.) Herbert Wagner den Verdienstorden.
Im Juni übergab Ministerpräsident Michael Kretschmer (r.) Herbert Wagner den Verdienstorden. © Sven Ellger

Das sei nun mal sein Stil gewesen. Keine Schauspielerei, sondern ehrliche Arbeit. "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich eine Sache versprochen habe, die ich nicht gehalten habe", sagt er mutig.

Nach seinem plötzlichen Abschied aus der Politik 2001 wurde Wagner für sieben Jahre Geschäftsführer eines Netzwerkunternehmens und baute das kommunale Datennetz auf. Auch als Pensionär ist er noch immer vielseitig engagiert, unter anderem als Vorsitzender der Stiftung Volkssolidarität - und natürlich bei der Gedenkstätte Bautzner Straße.

Seit seine drei Kinder flügge geworden sind, wohnt er nur noch mit seiner Pia im Haus in Bühlau. Hier gräbt er gern den Garten um und setzt sich wenn möglich täglich aufs Fahrrad.

Das Geschehen in der Stadt verfolgt er weiter aufmerksam. Angesichts der guten wirtschaftlichen Entwicklung Dresdens stellt er seinem Nach-Nach-Nach-Folger Dirk Hilbert (FDP) insgesamt ein gutes Zeugnis aus. Für die Rolle des alten Mecker-Onkels taugt Wagner nicht.

Elf Jahre lang war Herbert Wagner Oberbürgermeister von Dresden. Hier enthüllt er 1992 eine Bronzetafel im Rathaus.
Elf Jahre lang war Herbert Wagner Oberbürgermeister von Dresden. Hier enthüllt er 1992 eine Bronzetafel im Rathaus. © SZ Archiv/Gunter Hübner

Noch während seiner Amtszeit trat Wagner 1999 dem Verein "Erkenntnis durch Erinnerung" bei, dessen Wirken er bereits seit der Gründung begleitet hatte. Kein Wunder, ist dieser Ort doch eng mit seiner eigenen Biografie verbunden.

Im Gefängnis an der Bautzner Straße waren zeitweise unter anderem die Schwester seiner Frau und ihr Mann eingesperrt. "Für mich war das ein schrecklicher Ort, wo ich nicht hin wollte", erinnert er sich. Manchmal habe er heimlich über die Mauer geschaut, aber das Terrain sei immer geheimnisumwittert geblieben.

Bis zu jenem Dezembertag 1989, an dem er eigentlich mit einer Demo die Ermittlungen der Volkspolizei gegen die Stasi unterstützen wollte. Lange Zeit hatte er befürchtet, dass es ein Blutbad geben könnte, sobald sich aufgebrachte Demonstranten dieser Einrichtung näherten. Als die Zeit reif war, bewies er das richtige Maß an Mut.

"Ich möchte daran erinnern, dass Freiheit und Demokratie nichts Selbstverständliches sind", sagt Wagner heute. Allzu leicht könne das in Vergessenheit geraten.

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