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Dresdner Avantgarde der Weimarer Republik

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden ist ein ungewöhnlich schönes Haus. Vor 75 Jahren eröffnete die erste Schau nach dem Krieg.

Monumentale Optik: Experten loben die kühle Schönheit des 1930 eröffneten Hygiene-Museums. Vorn die Plastik Ballwerfer Richard Daniel Fabricius.
Monumentale Optik: Experten loben die kühle Schönheit des 1930 eröffneten Hygiene-Museums. Vorn die Plastik Ballwerfer Richard Daniel Fabricius. © Robert Michael

Nachdem das Coronavirus das Deutsche Hygiene-Museum in einen zeitweiligen Winterschlaf versetzt hat, kehrt am 16. März das Leben in das Haus zurück. Die Besucher können unter anderem die neu konzipierte Abteilung „Sexualität“ der Dauerausstellung in Augenschein nehmen. Das Thema ist für das Haus nicht neu. Bei der ersten Ausstellung nach dem Krieg, die vor 75 Jahren am 9. März 1946 eröffnet wurde, ging es um die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. In „normalen Jahren“ kommen heute zwischen 280.000 und 300.000 Besucher. Das Museum war bei der Zerstörung der Stadt im Krieg schwer getroffen worden. Der Nordflügel lag nahezu vollständig in Trümmern. Doch relativ rasch wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, und schon 1946 war der Rohbau hochgezogen. „Hier ist mit viel Fleiß, Geschick und Tatkraft gearbeitet und mit den vorhandenen Mitteln eine eindringliche Schau zustande gebracht worden“, berichtete die Sächsische Volkszeitung von der Eröffnung der damaligen Ausstellung.

Bakterien, Geschlechtskrankheiten und Sport

Einige Zeit zuvor hatte das Blatt von den Aufbauarbeiten berichtet. Viele fleißige Arbeiterhände seien damit beschäftigt, dass Hygiene-Museum neu erstehen zu lassen, hieß es. Ehe es vollständig wieder hergestellt sei, würden jedoch noch etwa drei Jahre vergehen. Die Idee zu dem Museum geht auf den Industriellen und „Odol-König“ Karl August Lingner (1861-1916) zurück, der mit der Produktion von Mundwasser vermögend geworden war. Er war auch einer der Initiatoren der I. Internationalen Hygiene-Ausstellung von 1911 in Dresden. Von Anfang Mai bis Ende Oktober hatten damals mehr als 5,5 Millionen Menschen die Schau besucht, die für die hygienische Volksaufklärung als bahnbrechend galt. Die Besucher konnten Bakterien unterm Mikroskop sehen, es gab Informationen zu Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten und Sport. „Die populäre Abteilung“ mit dem zentralen Pavillon „Der Mensch“ in einem überkuppelten, säulenumstellten Rundbau war so umdrängt, dass Berichten zufolge die Polizei einschreiten musste. Die Ausstellung erwirtschaftete einen Reingewinn von einer Million Goldmark.

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Star des Hauses: die Gläserne Frau. Karl August Lingner, 1861geborene Erfinder des Odol-Mundwassers, organisierte im Jahr 1911 die erste Internationale Hygieneausstellung, aus der das heutige Museum hervorging.
Star des Hauses: die Gläserne Frau. Karl August Lingner, 1861geborene Erfinder des Odol-Mundwassers, organisierte im Jahr 1911 die erste Internationale Hygieneausstellung, aus der das heutige Museum hervorging. © dapd

Dieser Erfolg ließ den Plan für ein „National-Hygiene-Museum“ reifen, und so beschlossen die Stadtverordneten im April 1914 das Projekt zu unterstützen und kostenlos den Baugrund zur Verfügung zu stellen. Der Krieg und der Tod Lingners sowie die Inflation stoppten das Vorhaben. Bei einem Wettbewerb des Kultusministeriums wurden 192 Entwürfe eingereicht. Schließlich kam mit Wilhelm Kreis einer der Stararchitekten der Kaiserzeit und der Weimarer Republik zum Zug, der sich unter anderem mit Verwaltungsgebäuden, Villen, Kaufhäusern und Bismarck-Türmen einen Namen gemacht hatte. In Dresden geht unter anderem die neue Augustusbrücke von 1910 auf ihn zurück. Mit dem Entwurf der Rheinhalle in Düsseldorf hatte er Erfahrungen mit großen Kulturbauten gesammelt.

Attraktion Gläserne Frau

Experten rechnen heute das von Kreis geschaffene Deutsche Hygiene-Museum zu den bemerkenswerten architektonischen Leistungen der 1920er-Jahre. Gelobt wird etwa die funktionale Architektur sowie die kühle Schönheit des Baus. Der Mittelbau mit den vier Pfeilern verleiht ihm eine monumentale Optik. Um ihn herum gruppieren sich wie bei einem Ehrenhof zweigeschossige Flügelbauten mit Büroräumen und Werkstätten. Die Innenarchitektur mit den Lichtdecken und einem ausgeklügelten Heizungssystem galt für Museen als wegweisend. Mit dem monumentalen Bau präsentierte sich das Deutsche Reich der Weimarer Republik bei der Eröffnung 1930 – zeitgleich mit der II. Internationalen Hygiene-Ausstellung – als selbstbewusst und avantgardistisch. Der Star dieser Schau und für lange Zeit die größte Attraktion des Hauses war die Gläserne Frau.

Doch in dem modernen Museum brach 1933 eine dunkle Zeit an, als es in den Dienst nationalsozialistischer Rassenideologie gestellt wurde. In der DDR stand dann die Gesundheitserziehung von Kindern und Jugendlichen im Vordergrund. 1957/58 wurde ein Kongress- und Konzertsaal für 1100 Plätze eingebaut, der bis 1970 Heimstätte der Dresdner Philharmonie war. Er galt als eine der originellsten Raumschöpfungen nach dem Krieg. Bei der Generalsanierung von 2001 bis 2010 wurde er wieder entfernt. Jetzt versteht sich das Haus als „Museum vom Menschen“, als Forum für Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft.

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