merken
PLUS Dresden

"Ich bin dankbar für mein Leben und für euch alle"

Als Diakonisse erlebte Margarete Herold die Schrecken der Euthanasie und die Zerstörung ihres Krankenhauses. Ihren Glauben hat sie in 100 Jahren nie verloren.

Oberin Schwester Esther Selle (l.) gratulierte Schwester Margarete zum Ehrentag.
Oberin Schwester Esther Selle (l.) gratulierte Schwester Margarete zum Ehrentag. © Diakonissenkrankenhaus

Dresden. Am Anfang stand der Wunsch, Kindergärtnerin zu werden. Im August 1939 trat die damals 17-jährige Margarete Herold ihre Ausbildung an der Kinderpflegerinnenschule der Diakonissenanstalt Dresden an. 1921 zur Zeit der Weimarer Republik geboren, hatte sie als junges Mädchen die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erlebt.

Sie erinnert sich noch an die vielen Soldaten, die sie ab September 1939 auf der Bautzner Straße direkt vor dem Gelände der Diakonissenanstalt sah. Ein Jahr nach Kriegsbeginn schloss Schwester Margarete ihre Ausbildung ab und entschied sich, ihr Leben ganz in den Dienst für Gott und an den Menschen zu stellen und Diakonisse zu werden.

Anzeige
#endlichwiedergemeinsam - Das Adventskonzert ist ein Fest für alle!
#endlichwiedergemeinsam - Das Adventskonzert ist ein Fest für alle!

Das große Adventskonzert am 17. Dezember im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion - mit einzigartiger Besetzung!

Zu ihrem 100. Geburtstag an diesem Montag gratulierte ihr Oberin Schwester Esther Selle gemeinsam mit ihren Mitschwestern sowie Rektor Stephan Siegmund. Dazu sangen sie das Lied „Befiel du deine Wege“ und hielten eine kurze Andacht, bevor sie die Jubilarin mit einem Glas Sekt hochleben ließen.

Schwester Margarete Herold mit britischen Jugendlichen aus dem Aufbaulager.
Schwester Margarete Herold mit britischen Jugendlichen aus dem Aufbaulager. © Diakonissenkrankenhaus

In mehr als acht Jahrzehnten als Diakonisse habe sie unzählige Momente des Glücks aber auch unvorstellbare Grausamkeiten erlebt, sagt sie. Sie war dabei, als man das Diakonissenkrankenhaus für die Wehrmacht räumen musste, die es ab 1939 als Reservelazarett nutzte.

1940 wechselte Schwester Margarete ins heutige Epilepsiezentrum Kleinwachau, das zu dieser Zeit eine Einrichtung der Inneren Mission war. „Ich habe viel Freude in Kleinwachau gehabt und gerne dort gearbeitet. Es war einfach schön mit den Kindern.“

Nur ein paar Monate später erlebte sie jedoch hautnah, wie die ersten Bewohner der Epilepsieeinrichtung von den Nationalsozialisten abgeholt wurden. Man ordnete die Verlegung von 50 Menschen mit Behinderung nach Arnsdorf an. Später kamen sie von dort nach Großschweidnitz. „Ich musste den fertig angezogenen Kranken einen Pflasterstreifen mit ausgeschriebenen Namen auf die Kleidung kleben“, erinnert sie sich. "Das war das Schlimmste in meinem ganzen Diakonissenleben." Fünf Wochen danach trafen in Kleinwachau die ersten Todesnachrichten ein.

"Wir sind alle rausgekommen"

Diese Erlebnisse begleiteten sie ein Leben lang. 1941 rief die Hausleitung Schwester Margarete nach Dresden zurück, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Bis 1945 versorgte sie im Krankenhaus verwundete Soldaten. Auch die Bombenangriffe erlebte sie hier. „Wir waren im Untergeschoss. Soldaten, Schwestern, Pflegepersonal, Ärzte. Alle, die im Diakonissenkrankenhaus gearbeitet haben. Wir haben unten gesessen, wo heute die Röntgenabteilung ist. Da waren wir dicht gedrängt beieinander. Wir sind alle rausgekommen.“

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Nach dem ersten Angriff wurden die Soldaten aus dem Lazarett verlegt, das zivile Personal samt Diakonissen blieb zurück. Der größte Teil der Diakonissenanstalt wurde in diesen Stunden zerstört. Dass niemand ums Leben kam, gleicht einem Wunder.

Nach ihrem Examen arbeitete Schwester Margarete Herold in der Verwaltung der Diakonissenanstalt. 1949 folgte ihre Einsegnung zur Diakonisse. Der Wiederaufbau des Krankenhauses ging unterdessen zunächst nur schleppend voran. Vor und nach ihrem regulären Arbeitstag putzte sie zu dieser Zeit mit den anderen Diakonissen Ziegel und räumte Schutt aus dem Weg.

Ruhestand im Schwanenhaus

Weil die Kirche im englischen Coventry 1965 ein Zeichen der Versöhnung setzen wollte, machten sich englische Studenten in Dresden an den Wiederaufbau des Diakonissenkrankenhauses. Mit der Betreuung der jungen Menschen im Aufbaulager wurde Schwester Margarete beauftragt. Viele Kontakte und Freundschaften blieben bis heute bestehen.

Ab den 70er-Jahren übernahm sie die Leitung von Haus Salem in Radebeul, wo sie sich um die älteren und hilfsbedürftigen Schwestern kümmerte. Erst 1992 ging mit 70 Jahren in den Ruhestand. Heute lebt Schwester Margarete im Altenzentrum Schwanenhaus und zog vor wenigen Wochen in ein neues Zimmer im Neubau.

"Ich bin dankbar. Dankbar für mein Leben und für euch alle", sagte Schwester Margarete nun in ihrer Geburtstagsrunde, die in der Corona-Pandemie etwas kleiner ausfiel. Aber mit 100 Jahren kann ein bisschen weniger Aufregung ja auch nicht schaden.

Mehr zum Thema Dresden