merken
PLUS Dresden

"Ich entscheide, wann ich Perücke trage"

Durch eine Autoimmunerkrankung hat Pauline Göldner aus Dresden alle Haare verloren. Verstecken will sie sich deshalb aber nicht.

"Ein Stück Weiblichkeit": Katharina Gemeinhardt (l.) aus der Dresdner Haarwerkstatt Capilli setzt Pauline Göldner ihre frisch frisierte Perücke auf.
"Ein Stück Weiblichkeit": Katharina Gemeinhardt (l.) aus der Dresdner Haarwerkstatt Capilli setzt Pauline Göldner ihre frisch frisierte Perücke auf. © Sven Ellger

Dresden. In ihrer trotzigen Phase hat sie sich diese Blicke nicht lange gefallen lassen. Diese ungenierten, starrenden Blicke in der Straßenbahn. Das Getuschel. "Ich bin dann oft hingegangen und habe gefragt: "Ist was? Habe ich was an der Nase?', sagt Pauline Göldner. Damit war die Sache für sie geklärt. 

Heute weiß die 28-Jährige, dass es okay ist, wenn die Menschen verwundert und neugierig auf sie reagieren. "In dem Moment, wenn ich keine Perücke trage, ist das ja auch meine eigene Entscheidung." Als Pauline noch in Berlin wohnte, zeigte sie öffentlich häufig ihre Glatze. In Dresden seltener. "Ich liebe diese Stadt, aber was die Toleranz angeht, gibt es hier noch großen Nachholbedarf."

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Pauline Göldner leidet an Kreisrundem Haarausfall, einer Autoimmunerkrankung, deren Ursachen noch weitgehend unerforscht sind. Auch Behandlungsmöglichkeiten gibt es bislang keine. Das einzige, aber dafür auffällige Symptom: Pauline hat all ihre Haare verloren, nachdem ihr Körper die Haarwurzeln abgestoßen hat. Vererbt wird die Fehlfunktion offenbar nicht. Ihre Eltern sind Ende 50 und haben beide volles Haar.

Das erste Anzeichen erlebte Pauline als Elfjährige, als kurz nach dem Tod ihrer Oma plötzlich ihre Wimpern ausfielen. Die Eltern beruhigten sie. Das sei wie bei einem Bienenstich und werde alles wieder gut. Von einer Erkrankung war damals noch keine Rede. Bald wuchsen die Wimpern nach und der Vorfall geriet in Vergessenheit. 

Maxi Mahnert zog in diesem Jahr mit ihrer Haarwerkstatt auf den F.-C.-Weiskopf-Platz.
Maxi Mahnert zog in diesem Jahr mit ihrer Haarwerkstatt auf den F.-C.-Weiskopf-Platz. © Sven Ellger

Pauline wurde Bühnentänzerin in Berlin und studierte Ernährungswissenschaften auf Lehramt, bis sie vor sieben Jahren ein Schicksalsschlag aus der Bahn warf. "Drei Monate später hielt ich beim Kämmen plötzlich ein Büschel Haare in den Händen", erinnert sie sich. Zunächst seien sie nur stellenweise ausfallen. "Zeitweise sah ich so gefleckt aus wie eine Kuh."

Mit der Zeit wurde der Haarausfall schlimmer. Pauline rannte von Arzt zu Arzt und wurde enttäuscht. "Besonders an der Charité habe mich wie ein Versuchskaninchen gefühlt." Heute wolle sie von der Schulmedizin nichts mehr wissen. Nur die Psychotherapie habe ihr geholfen.

"Auf der Bühne stehen, funktionierte nicht mehr für mich"

Der emotionalste Moment sei gewesen, als sie irgendwann ihre Schwester bat, ihr die letzten verbliebenen Fussel vom Kopf zu rasieren. "Das fühlte sich für mich wie ein Abschied an."

Hinter sich brach Pauline nun alle Brücken ab: Sie schmiss ihr Studium, hing ihre Tanzkarriere an den Nagel und zog nach Dresden, in die Heimat ihrer Eltern. "Ich konnte und wollte nicht mehr auf der Bühne stehen. Das funktionierte nicht mehr für mich. Rückblickend war es genau der richtige Schritt", sagt sie heute. 

In Dresden arbeitet sie heute als Physiotherapeutin und gibt außerdem freiberuflich Tanzunterricht. Ihr Nachbar im Haus ist inzwischen zu ihrem neuen Freund geworden.

"Es war ein langer Prozess, aber heute bin ich mit mir im Reinen", sagt Pauline. Wenn nach dem Tanzen ein Kind zu ihr käme, und sie fragt, warum sie denn eine Mütze trage, dann sage sie ihm: "Weil ich keine Haare habe." Statt sich zu verstecken, will Pauline aufklären. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene. Würde sie ohne Mütze nicht so schrecklich schwitzen, dürfte auch jeder Kursteilnehmer ihre Glatze sehen.

Mit verschiedenen Perücken, hier in der Haarwerkstatt Capilli, könnte Pauline nach Belieben die Rollen wechseln. Doch sie will sie selbst bleiben.
Mit verschiedenen Perücken, hier in der Haarwerkstatt Capilli, könnte Pauline nach Belieben die Rollen wechseln. Doch sie will sie selbst bleiben. © Sven Ellger

Die meisten Leute hätten dann zunächst dieselbe naheliegende Assoziation: Krebs. Chemotherapie. "Unfassbar, wie stark die ist", heißt es dann oft mittleidig. Wann immer es möglich ist, will sich Pauline offensiv aus diesem Topf befreien: "Ich habe Power. Ich habe Biss. Ich habe nur einfach keine Haare." Andere Einschränkungen spüre sie nicht, mal abgesehen davon, dass ihre Augen ohne Wimpern ein wenig empfindlicher seien.

Das alles erzählt sie heute oft und gern, doch es gibt auch andere Tage. Tage an denen sie sich verletzlich fühlt und sich am liebsten nur verkriechen würde. Dann ist Pauline doch froh, ihre Perücken zu haben und dem sonst so unausweichlichen Thema mal aus dem Weg gehen zu können. Wichtig ist ihr dabei, dass sie ihre Glatze nicht verberge, um andere zu beruhigen. "Ich entscheide selbst, wann ich Perücke trage und wann nicht. Sie sind für mich ein Stück weit Ausdruck von Weiblichkeit."

Mit der Haarwerkstatt Capilli in Dresden-Plauen hat sie für sich den perfekten Ort gefunden, um sich wieder an Haaren erfreuen zu können, ohne dabei in eine Rolle schlüpfen zu müssen. Klar, könnte sie jetzt neue Farben und Schnitte ausprobieren, doch das will sie gar nicht. "Ich will ich selbst bleiben", sagt sie. Zwar hat sie sich inzwischen auch Augenbrauen stechen lassen, sich dazu aber noch falsche Wimpern aufzukleben, das ginge für sie zu weit.

"Fühle mich freier"

Ihre beiden Perücken seien praktisch identisch mit ihrer früheren Frisur. Braun und leicht gelockt. An diesem Nachmittag lässt sie sich eine ihrer Echthaar-Perücken in der Werkstatt nachschneiden. Sie soll ein Pony bekommen, so wie das andere Exemplar.

Pauline lacht viel. Sie fühlt sich wohl hier im Laden von Maxi Mahnert, die zu einer Freundin geworden ist. Längst nicht alle Kunden hier gehen so selbstbewusst mit dem Verlust ihrer Haare um. Einige kommen nur durch den Hintereingang in die Werkstatt. Andere bestehen darauf, dass selbst die Perückenmacher sie nicht zu Gesicht bekommen.

Ganz anders Pauline. "Für mich ist das Krankheitsbild sogar positiv", sagt sie. "Ich hänge nicht mehr den typischen Schönheitsidealen nach, fühle mich freier und näher bei mir selbst."

Erst kürzlich hat Paulines Hautärztin ihr leise Hoffnungen gemacht, dass ihr eines Tages womöglich doch wieder Haare wachsen könnten. "Dann wäre ich sehr glücklich und ich würde meinem Körper danken, dass er noch einmal diese Kraft aufgebracht hat." Sich auf diesen Gedanken fokussieren, so wie in den ersten Jahren, will sie aber nicht mehr. 

Einer Erwartung hinterherzulaufen, die womöglich nie erfüllt werden kann, koste sie zu viel Kraft. Kraft, die sie braucht, um ihr neues Leben mit richtig viel Leben zu füllen.  

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden