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"Ich will nie wieder zu meinem alten Gewicht zurück"

Lissy Stephan und Jens Thiele aus Dresden haben zusammen über 40 Kilo abgenommen. Dank einer Magenverkleinerung - ohne Bauchschnitt.

Pflegen einen lockeren Umgang mit Oberarzt Matthias Kandler, der die Operationen durchgeführt hat. Lissy Stephan und Jens Thiele nennen ihn scherzhaft einen dünnen Hering.
Pflegen einen lockeren Umgang mit Oberarzt Matthias Kandler, der die Operationen durchgeführt hat. Lissy Stephan und Jens Thiele nennen ihn scherzhaft einen dünnen Hering. © René Meinig

Dresden. Bei Lissy Stephan ist es bereits zwei Jahre her, bei Jens Thiele sind es erst vier Monate. Beide sitzen im Sprechzimmer von Dr. med. Matthias Kandler, der Oberarzt in der Abteilung für Gastroenterologie und Endoskopie im Krankenhaus Dresden-Neustadt ist. Bei beiden Patienten hat er den Magen verkleinert und das mit einem noch relativ neuen Verfahren, das es in Dresden und sonst in nur wenigen hoch spezialisierten Kliniken in Deutschland gibt: "Wir bieten die endoskopische Magenraffung seit drei Jahren an, bei der während der Magenspiegelung ein Teil des Magens abgenäht wird", erklärt der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie.

Bei dieser Methode ist keine chirurgische Operation notwendig. "Die Magenverkleinerung ist ohne Bauchschnitt möglich, indem wir einen Teil des Magens mit einem speziell präparierten Endoskop abnähen", sagt Matthias Kandler. Im Gegensatz zur operativen Magenverkleinerung werden keine Teile des Magens entfernt.

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Eine der ersten Patientinnen, die auf diese Art operiert wurden, ist Lissy Stephan. Zwei Jahre danach hat sie 27 Kilo verloren und sagt: "Ich weiß, dass ich damals ein großes Geschenk bekommen habe und ich will nie wieder zu meinem alten Gewicht zurück." Sie holt zwei Fotos hervor, die sie kurz vor der Operation im September 2019 zeigen: "Das ist wirklich komisch, wenn ich mich jetzt auf den Bildern sehe", sagt die 31-jährige Dresdnerin. Sie zeigen eine junge Frau mit langen dunklen Haaren, einer ärmellosen Bluse, einem Tattoo auf dem Dekolleté und mit vielen Kilos mehr im Gesicht und an den Armen.

"Ich bin weniger müde und viel fitter"

Vor dem Eingriff wog sie 121 Kilo. "Ab einem BMI von 25 zählt man als übergewichtig", sagt Matthias Kandler. Bei Lissy Stephan lag er damals bei 43. "Das ist bereits Grad drei des krankhaften Übergewichts", erklärt der Arzt. Heute ist Lissy Stephan bei 94 Kilo angekommen. "Ich bin weniger müde, viel fitter und Sachen shoppen macht wieder richtig Spaß", sagt sie.

Auch ihr Vater war übergewichtig und hat sich den Magen verkleinern lassen. "Ich denke, bei mir ist das Übergewicht genetisch, aber das Essen schmeckt halt auch gut", sagt sie. Nachdem sie zu Hause ausgezogen ist, habe sie sehr unregelmäßig gegessen und alles in sich hineingefuttert. Wirklich gelitten hat sie unter ihren Kilos aber nicht. "Ich war nur weniger mobil und meist faul und träge."

Laut dem Robert-Koch-Institut ist über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig und ein Viertel davon fettleibig. Die Risiken, die damit einhergehen, sind unter anderem Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Etwa 250 Eingriffe zur Gewichtsreduktion werden im Krankenhaus Dresden-Neustadt jährlich durchgeführt. "Von den endoskopischen Eingriffen sind es aber nur etwa 20 im Jahr", sagt Mattias Kandler. Seine Abteilung arbeitet eng mit dem Adipositaszentrum im Krankenhaus zusammen, wo unter anderem Ernährungsberatung, Verhaltens- und Bewegungstherapie für übergewichtige Menschen angeboten wird.

Der 58-jährige Jens Thiele war schon immer robust gebaut, sagt er, aber ab dem Alter von 32 Jahren sei es immer mehr geworden, bis er am Ende 124 Kilo gewogen habe. "Ich habe Diäten in Millionenhöhe gemacht", sagt der Dresdner, der gern Scherze macht, "aber nichts hat geholfen". Als Immobilienkaufmann hatte er viel Stress und eine ungesunde Lebensweise: "Ich habe riesige Portionen gegessen und hatte trotzdem überhaupt kein Sättigungsgefühl." Eine Operation mit Bauchschnitt kam für ihn aber nicht infrage. "Das wollte ich nicht, denn davor habe ich Angst und ich meide Krankenhäuser eigentlich."

"Wir haben auch Patienten, die danach wieder zunehmen"

Doch sowohl die Ernährungsberaterin als auch Matthias Kandler halten die endoskopische Magenraffung bei ihm nicht für notwendig. Jens Thiele hat einen BMI von 36, aber keine Begleiterkrankungen. "Die Krankenkasse übernimmt die Kosten erst ab einem BMI von 35 und wenn der Patient unter Begleiterkrankungen leidet", sagt Matthias Kandler. Aber Thiele will den Eingriff unbedingt, auch gegen den Willen seiner Frau. "Ich wollte so nicht weitermachen und hatte alles andere schon versucht", sagt er.

Also entscheidet er sich für die Operation als Selbstzahler und hat es nicht bereut. "Ich möchte noch etwa zehn Kilo abnehmen, aber in meinem Tempo", sagt er. Seit dem Eingriff im Mai hat er 15 Kilo verloren und sagt, dass es ihm gesundheitlich tausendmal besser geht. "Ich nehme jetzt die Treppen, statt den Fahrstuhl, ich gehe wandern und bewege mich viel mehr."

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Doch ein Selbstläufer oder eine Garantie, nie wieder zuzunehmen, ist die endoskopische Magenverkleinerung nicht, sagt Matthias Kandler. "Wir haben auch Patienten, die danach wieder zunehmen, weil sie es nicht schaffen, sich an die Ernährungs- und Bewegungsempfehlungen zu halten." Die sehen pro Tag vier Portionsgrößen von je 150 Gramm vor. "Das ist eine ziemlich krasse Umstellung", sagt Lissy Stephan. Früher habe sie locker einen großen Döner geschafft und heute ist sie nach einem Drittel schon satt. Beide sind sich bei einer Sache ganz sicher: "Eine Kleidergröße größer kommt nie wieder infrage."

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