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Rettungsstrategie fürs Dresdner Klinikum

Millionenverluste führten zu Schließungsdiskussionen beim Städtischen Klinikum Dresden. Jetzt erklären die Verantwortlichen ihre Vision.

Das Krankenhaus Dresden-Neustadt besteht aus vielen denkmalgeschützten Altbauten. Daraus ein modernes Klinikum für die Zukunft zu entwickeln, ist kaum möglich, sagen Sozialbürgermeisterin und Klinik-Chef.
Das Krankenhaus Dresden-Neustadt besteht aus vielen denkmalgeschützten Altbauten. Daraus ein modernes Klinikum für die Zukunft zu entwickeln, ist kaum möglich, sagen Sozialbürgermeisterin und Klinik-Chef. © Sven Ellger

Dresden. Das Städtische Klinikum Dresden mit den großen Krankenhäusern Friedrichstadt und Neustadt ist finanziell in Schieflage. Verluste führen dazu, dass die Stadt ständig Geld zuschießen muss. Auch deshalb soll das Klinikum umstrukturiert werden. Die SZ enthüllte im Juli ein Papier von externen Beratern dazu, in dem auch die Schließung des Krankenhauses Neustadt vorgesehen war. Das sei aber nicht das bevorzugte Szenario, sagen Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) und der Kaufmännische Direktor des Klinikums, Marcus Polle. Im SZ-Interview erklären sie, was sie wollen, welche Schritte notwendig sind und wie es in den kommenden Wochen weitergehen soll. Noch diese Woche findet eine wichtige Sitzung statt.  

Herr Polle, wie sieht aktuell die finanzielle Lage des Städtischen Klinikums aus?

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Marcus Polle: Wir haben 2019 genau 11,8 Millionen Euro Verlust gemacht. Für dieses Jahr waren zunächst 7,5 Millionen Euro Verlust geplant. Wegen Corona haben wir diese Verlust-Erwartung hochgesetzt. Aber derzeit zeichnet sich ab, dass es Ausgleichszahlungen vom Bund geben wird und aktuell liegen wir im Betrieb sogar besser als geplant. Die finanzielle Gesundung läuft also bereits. Wie das vierte Quartal laufen wird, kann auch aufgrund der wieder steigenden Corona-Zahlen derzeit niemand voraussagen. Aber es wird voraussichtlich nicht so schlimm, wie befürchtet. Das kurzfristige Ziel lautet, Mitte der 2020er-Jahre eine schwarze Null zu schreiben und das ist mit gezielten und nachhaltigen Veränderungen, aber ohne Kahlschläge, möglich.

Frau Kaufmann, wann ist das Konzept zur Zukunft des Klinikums fertig?

Kristin Kaufmann: Ich rechne damit im November. Wir hatten Anfang September die vierte Sitzung des 21-köpfigen Begleitteams. Welche möglichen Entwicklungspfade es gibt, ist in drei Szenarien dargestellt. Darüber hatten Sie ja bereits im Sommer berichtet.

Welches bevorzugen Sie?

Kaufmann: Es zeichnet sich ein Präferenzszenario ab. Am Mittwoch, den 16. September, wird Herr Polle die drei Szenarien im Gesundheitsausschuss im Rahmen einer Expertenanhörung präsentieren und die von den Fraktionen benannten Experten bewerten diese dann. Wir haben den Sachverständigen umfangreiche Informationen übermittelt. Davon erhoffen wir uns, dass die Experten spiegeln, was gut an den Szenarien ist, und wo noch nachgeschliffen werden muss. Die Anhörung wird gestreamt, damit jeder, der Interesse hat, die Gelegenheit bekommt, sie zu verfolgen.

Wird es bei der Umstrukturierung Schließungen geben, wie im Papier anklingt?

Kaufmann: Nicht in der Präferenzvariante. Für welche es eine Mehrheit gibt, entscheidet der Stadtrat. Das Ziel ist es, das Konzept bis 2035 umzusetzen. Dafür müssen wir uns heute auf den Weg machen. Wir wollen die 2017 begonnene Fusion der vormals eigenständigen Krankenhäuser Friedrichstadt und Neustadt endlich abschließen. Wir wollen die Standorte weiterentwickeln und neue Arbeitswelten für die Mitarbeiter schaffen. Auch um langfristig Fördergelder zu erhalten, sind die Veränderungsprozesse wichtig. Und es geht auch um den Wettbewerb um Fachkräfte, bei Ärzten und Pflegekräften – wir wollen die Besten.

Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) und der kaufmännische Direktor des Städtisches Klinikums Dresden Marcus Polle im SZ-Interview.
Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) und der kaufmännische Direktor des Städtisches Klinikums Dresden Marcus Polle im SZ-Interview. © René Meinig

Dafür wollen wir aber keinen Standort schließen, sondern aus einem Gemischtwaren-Laden spezialisierte Standorte entwickeln: In Bühlau steht die psychische Gesundheit im Fokus. In Neustadt würde nach unseren Vorstellungen ein Gesundheitsquartier mit Pflegebetten, Tagespflege, Demenz-Wohngemeinschaften und einem Notfallzentrum entstehen. Denn aus einem Seniorenpflegeheim der 1920er-Jahre wird unter Denkmalschutz-Bedingungen nie ein modernes Krankenhaus werden. In Friedrichstadt würde ein Campus mit 1.070 Betten entstehen. Dieser passt in den aktuellen Standort hinein, wenn wir 200 Betten neu bauen, weiter umbauen und verdichten. Und aktuell gibt es dort Brachgelände. Ich rede von Flächen an der Friedrichstraße in Richtung der Mühle. Für dieses Gelände ist jetzt ein neuer Bebauungsplan auf den Weg gebracht worden. Dort soll nicht Wohnen im Vordergrund stehen, sondern die medizinische Versorgung. Damit hätten wir in Friedrichstadt Luft zum Atmen, sollte der Bedarf an mehr stationären Betten in Zukunft vorhanden sein.

Ignorieren ist keine Strategie – wir haben Handlungsbedarf, das zeigen die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Dafür müssen wir verändern und spezialisieren. Aber es soll kein Standort geschlossen werden.

Kann in Neustadt ein Notfallzentrum funktionieren, ohne stationäre Betten?

Polle: In unserem Konzept ist ein Notfallzentrum mit zehn stationären Betten vorgesehen. Krankenhausstandorte werden heute bereits unterschiedlich von Krankenwagen angefahren. Je nachdem, was am besten für den Patienten ist. Da geht es um kurze Wege und um Spezialisierung. Ein Herzinfarkt kommt derzeit nicht nach Neustadt, ein Schlaganfall schon. Ein Notfallzentrum bedeutet Versorgungssicherheit für die unmittelbare Region, ein Großteil der heute in Neustadt in der Notfallaufnahme versorgten Patienten wird auch in unserem Konzept in Neustadt weiter die Anlaufstelle haben. Das von uns eingebrachte Konzept wurde von unserem Chefarzt der Notfallmedizin Herrn Dr. Frank erstellt, der die gesamte notärztliche Versorgung in Dresden berücksichtigt hat. Das neue Konzept funktioniert, und dies ist in der Notfallversorgung der entscheidende Fakt für unsere Patienten.

Kaufmann: Wir haben uns das genau angesehen, damit keine weißen Flecken in der Versorgung auftreten. Die meisten Notfälle werden nicht stationär aufgenommen, sondern verlassen die Klinik nach der Behandlung wie bei ambulanten Operationen am gleichen Tag.

Wie viele Betten fallen in der Summe weg?

Polle: Wir gehen nicht davon aus, dass wir die komplette Patientenzahl aus Trachau mitnehmen werden. Wir gehen aber auch davon aus, dass wird etliche neue Patienten dazugewinnen werden, weil wir unsere Expertise in Friedrichstadt und Bühlau erweitern können. Wir kommen in der Summe auf eine Reduktion von 130 Betten an allen Standorten. Diese sind aber auch schon heute nicht belegt, sie sind also bereits jetzt zu viel. Die Kritik, dass wir Betten aufgeben wollen, ist daher aus meiner Sicht unberechtigt. Eine Kapazitätsberechnung von Ernst & Young liegt übrigens etwa 100 Betten unter unserer Berechnung.

Haben Sie Bedenken, Patienten an andere Kliniken zu verlieren?

Polle: Wir denken nicht so. Bei uns haben die Menschen Vorrang. Durch die Konzentration der Somatik im Campus Friedrichstadt werden sich die Patientenströme ändern. Vielleicht verlieren wir einzelne Patienten, aber durch die Ausweitung unserer Expertise und die Bündelung unserer Kompetenz an einem Standort gewinnen wir auch deutlich mehr Patienten hinzu.

Denken Sie, dass es noch gravierende Veränderungen gibt?

Polle: Wir gehen davon aus, dass es im Kern bei den drei Szenarien bleibt. Aber diese sind selbstverständlich nicht dogmatisch, Veränderungen können möglich sein. Das Konzept ist die einmalige Chance, uns neu aufzustellen und die Medizin der Zukunft zu gestalten. Weiter zu machen wie bisher, ist medizinisch und auch finanziell nicht das Optimum. Unsere Chefärzte stehen hinter der Präferenzvariante. Die Bündelung der Somatik und der Psychiatrie jeweils an einem Standort und die Weiterentwicklung von Neustadt hin zu einem Gesundheitscampus ist eine riesige Chance, die wir sicher so schnell nicht wieder bekommen.

Es wurde auch ein kompletter Neubau im Dresdner Norden vorgeschlagen?

Kaufmann: Wir haben das diskutiert, ja. Aber das wäre dann das Krankenhaus am Rande der Stadt – irgendwo, aber nicht zentral. Wir wollen lieber die bestehenden Standorte weiterentwickeln.

Alles wegen der Verluste? Muss ein städtisches Klinikum Gewinne machen?

Polle: Es gibt kommunale Kliniken, die schwarze Zahlen schreiben. Chemnitz ist ein Beispiel aus der näheren Umgebung, Chemnitz hat das gemacht, was wir vorhaben. Die Verschiebung der Leistungen von einem Standort an den größten Standort wird dort gerade baulich umgesetzt. Als die Entscheidung dazu mitgeteilt wurde, haben die Mitarbeiter das gefeiert. Weil alle verstanden haben, dass es für die zukünftige Versorgung der Patienten aber auch für die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter der beste Weg ist. Man muss keine Verluste schreiben, um gute Medizin zu machen. Wir würden uns auch über eine schwarze Null freuen. Aber wir fokussieren uns nicht zuerst auf den Monatsabschluss, sondern auf die Inhalte unseres Auftrags, also darauf, unseren Patienten die bestmögliche Versorgung und unseren Mitarbeitern die bestmöglichen Bedingungen zu bieten. Denn Mitarbeiter müssen immer Schwächen in den Strukturen ausgleichen. Wir wollen daher das Klinikum so aufstellen, dass die Strukturen funktionieren, bestmögliche Ergebnisse für unsere Patienten erzielt werden und damit auch bestmögliche Arbeitsbedingungen vorhanden sind. Dann stimmen auch die finanziellen Ergebnisse.

Sie rechnen mit Fördermitteln. In den vergangenen Jahren kamen diese oft sehr spät.

Kaufmann: Ja, Fördergelder zu erlangen, dauert immer seine Zeit. Aber ich bin optimistisch, weil ich an die Idee glaube. Wenn wir heute sagen, was unser Ziel 2035 ist, und eine fundierte Strategie vorweisen, dann bekommen wir Strukturfondsgelder, dann bekommen wir Einzelförderungen und dann wird uns der Freistaat unterstützen. Ich habe schon erste Impulse seitens Staatsministerin Petra Köpping bekommen, dass man unserer Grundidee folge. Ich glaube, dass das Bewusstsein, was eine gute klinische Versorgung ausmacht, in Corona-Zeiten gestärkt wurde. Aber: Wir als Landeshauptstadt Dresden müssen natürlich ebenfalls Geld zur Verfügung stellen.

Polle: Um Geld aus dem Strukturfonds zu erhalten, muss man gewisse Voraussetzungen erfüllen. Eine ist die Schließung eines Standortes. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass ein Standort komplett vom Netz geht und die Gebäude leerstehen müssen. Wir führen den Standort Neustadt fort, nur in anderer Form.

Muss das in den kommenden Haushaltsverhandlungen beachtet werden?

Kaufmann: Ja, vor allem mittelfristig. In den nächsten zwei Jahren benötigen wir zunächst Geld zum Planen. Da geht es vor allem um Architektenleistungen. Das bedeutet, dass im kommenden Doppelhaushalt noch kein Geld in Größenordnungen bereitgestellt werden muss, sondern erst in den darauffolgenden Jahren.

Inwieweit hat es dem Prozess geschadet, dass die Szenarien öffentlich wurden?

Kaufmann: Erfreulich ist es nie, wenn man sich auf Vertraulichkeit verständigt hat, ob per Unterschrift oder mündlich. Man löst Probleme nicht in der Öffentlichkeit, sondern man diskutiert vertraulich und präsentiert im Anschluss Lösungen. Wir steigen jetzt in den öffentlichen Diskurs ein. Wir haben die Expertenanhörung ganz bewusst zu diesem Zeitpunkt platziert, um noch ausreichend Zeit bis zum Diskurs in den Gremien zu haben. Zeit, um innerhalb des Begleitteams Themen aufzunehmen, die wir vielleicht noch nicht beachtet und abgewogen haben. Ich gehe davon aus, dass wir sehr intensiv diskutieren werden, auch innerhalb des Klinikums. Deshalb haben wir uns für diesen Prozess ausreichend Zeit genommen. Mit einem Go des Stadtrats rechnen wir im ersten Quartal 2021.

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Hier können Sie am Mittwoch die Expertenanhörung im Livestream verfolgen. Der Beginn ist um 15.30 Uhr geplant www.dresden.de/livestream.

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