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"Mama wird im Himmel vor Freude weinen"

Über ein Jahr, nachdem eine Mutter starb, wurde in Dresden ein besonderer Grabstein für sie aufgestellt. Ohne die Hilfe der SZ-Leser wäre das undenkbar gewesen.

Nicole Pankratz (l.) und ihre Schwester Sandy sind bei der Aufstellung des Grabmals auf dem Neustädter Friedhof dabei.
Nicole Pankratz (l.) und ihre Schwester Sandy sind bei der Aufstellung des Grabmals auf dem Neustädter Friedhof dabei. © Sven Ellger

Dresden. So blau wie die Herzen, die ihre Kinder auf die Steine rund um die Grabstelle gesprüht haben, ist nun auch der Grabstein. Ungewöhnlich, aber für sie genau richtig. "Blau war Mamas Lieblingsfarbe", sagt Sandy, während sie gerührt zuschaut, wie die Platte mit den Halterungen im Erdboden verbunden wird. Die 19-Jährige ist das jüngste der fünf Geschwister, die Manuela Dittrich hinterließ, als die Dresdnerin im Oktober 2019 plötzlich an einer Lungenembolie starb. Sie wurde nur 45 Jahre alt.

An diesem ungewöhnlich milden aber stürmischen Dezembertag schließt sich für ihre Kinder auf dem Inneren Neustädter Friedhof ein Kreis. Als sie ihre Mutter hier vor mehr als einem Jahr zu Grabe trugen, da wagten sie nicht einmal an ein gestaltetes Grabmal zu denken.

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Auch ohne Stein lasteten die Beerdigungskosten von über 8.000 Euro schwer auf ihren Schultern, vor allem auf denen von Nicole Pankratz, der mit 28 Jahren ältesten Tochter. Bis kurz vor dem Tod ihrer Mutter hatte Nicole mit ihr im Streit gelegen. Nun machte sie sich große Vorwürfe. Dennoch war klar, dass weder sie noch der letzte Ehemann der Verstorbenen genug Geld würden aufbringen können.

Mutter Manuela Dittrich wurde nur 45 Jahre alt.
Mutter Manuela Dittrich wurde nur 45 Jahre alt. © Sven Ellger

Dennoch kam für die Familie nur eine Erdbestattung im Sarg infrage. Besonders aufwändig war die Beisetzung zudem dadurch geworden, dass auch Leyla nun in diesem Grab ihren Platz finden sollte. Das Mädchen war bereits 2004 im Alter von anderthalb Jahren bei einem Unfall gestorben. Da der St.-Pauli-Friedhof, auf dem Leyla damals beerdigt wurde, aber inzwischen geschlossen ist, entschieden ihre Geschwister, ihre sterblichen Überreste noch einmal umbetten zu lassen.

Obwohl das Bestatter-Ehepaar Adriana und Benjamin Wolf die Beerdigungskosten rasch über ein Unternehmen, das Rechnungen vorfinanziert, überwiesen bekamen, konnten und wollten die beiden die Familie nach der Beisetzung nicht so einfach sich selbst überlassen. Sie spürten, dass ihre Aufgabe hier noch nicht erfüllt ist.

Fortan halfen sie den Geschwistern, ihr Leben ohne Mama in den Griff zu bekommen, starteten eine Spendenaktion und stellten ein Kochevent im Restaurant Kahnaletto zugunsten der Familie auf die Beine.

Nachdem die SZ im Juli zum ersten Mal über das Schicksal berichtet hatte, zeigten unzählige Leser ihr Mitgefühl und spendeten Geld. Schnell kamen Hunderte Euro zusammen, bald waren es Tausende. Vier Wochen später stellte dann der sichtlich überwältigte Bestatter Benjamin Wolf fest: "Wir können es selbst noch gar nicht glauben, aber die Familie Pankratz ist nun schuldenfrei."

Und nicht nur das: In der Zwischenzeit hatten sich auch zwei junge Männer bei ihm gemeldet, die bereit waren, der Familie kostenlos ein Grabmal anzufertigen. Bis zuletzt zierten neben Engeln und Kerzen auch zwei Holzkreuze mit den Namen die Grabstelle. Um die stets frischen Blumen kümmert sich vor allem Nicole, die sie hinter Supermärkten aus Containern angelt, weil sie kein Geld hat, sie zu kaufen. Hauptsache, Mama hat es hier schön farbenfroh und lebendig.

Nun schien es auf einmal sogar möglich, dass das Grab nach den Wünschen der Kinder vollendet werden könnte. Ihr gemeinsamer großer Traum war ein gravierter Grabstein für ihre Mutter.

Die Brüder Simon und Stephan Weber aus Stuttgart sind eigentlich gelernte Architekten und Maschinenbauer. Durch Zufall kamen sie auf die Idee, individuelle Grabmale aus ungewöhnlichen Materialien herzustellen. Damit stießen sie auf großes Interesse, wenngleich sich bislang nicht jeder Friedhof offen für derart moderne Formen und Farben zeigt.

Simon Weber spendete gemeinsam mit seinem Bruder Stephan das Grabmal. Am 22. Dezember stellten sie es auf dem Friedhof auf.
Simon Weber spendete gemeinsam mit seinem Bruder Stephan das Grabmal. Am 22. Dezember stellten sie es auf dem Friedhof auf. © Sven Ellger

Als die Brüder im Internet von der Dresdner Familie und ihrer finanziellen Not erfuhren, meldeten sie sich spontan bei den Bestattern und boten an, kostenlos ein Grabmal zu gestalten. Und wer würde ein solch selbstloses Angebot ablehnen? Die Familie hatte die freie Wahl und entschied sich für die blaue Tafel aus recyceltem Glas und Edelstahl. Ein Kunstwerk für die Ewigkeit, wie die Macher versprechen.

Als das gewünschte Gedicht nicht komplett darauf Platz fand, überzeugten die Brüder die Geschwister, sich auf wenige Worte daraus zu beschränken, die alles Wichtige aussagen: "Ich weiß, du siehst mich. Du weißt, ich sehe dich."

Als Nicole beim Aufstellen vor wenigen Tagen zum ersten Mal das fertige Grabmal auf dem Friedhof sieht, lässt sie ihren Tränen freien Lauf. "Jetzt können wir mit ihrem Tod abschließen", sagt sie und ihre Schwester Annabell ist sich sicher: "Ich denke, Mama wird im Himmel jetzt auch vor Freude weinen."

Sozialhelfer und Eltern-Ersatz

Zwischen den Geschwistern und dem Bestatterpaar Wolf hat sich unterdessen über die Monate ein freundschaftliches Verhältnis entwickeln. Für die erwachsenen Kinder sind die Bestatter, die eben noch Fremde waren, inzwischen auch Sozialarbeiter und Eltern-Ersatz. Die beiden helfen bei Behördengängen und fahren die Kinder auch mal zum Zahnarzt, wenn es sein muss. "Wir haben eine gemeinsame Chatgruppe und treffen uns etwa einmal im Monat", sagt Benjamin Wolf. "Zuletzt haben wir sie auch zum ersten Mal zu uns nach Hause eingeladen."

Es ist eine besondere Verbindung, die wie von allein gewachsen ist. "Diese jungen Menschen haben den Mittelpunkt ihres Lebens verloren", sagt Benjamin Wolf. Die große Anteilnahme in den vergangenen Wochen habe ihnen sehr geholfen. Nicht zuletzt die der SZ-Leser.

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