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Junkies schlagen bei Dresdner Künstler zu

Altbekannte Diebe stehlen Bronze-Statuen des Bildhauers Thomas Reichstein und hoffen auf Geld für den nächsten Schuss. Den Künstler freut's.

Hat gut lachen: Der Dresdner Bildhauer Thomas Reichstein wurde mehrfach bestohlen - doch die Beute bekam er immer wieder zurück. Im letzten Fall half eine aufmerksame Pflegekraft, die den Diebstahl beobachtete.
Hat gut lachen: Der Dresdner Bildhauer Thomas Reichstein wurde mehrfach bestohlen - doch die Beute bekam er immer wieder zurück. Im letzten Fall half eine aufmerksame Pflegekraft, die den Diebstahl beobachtete. © SZ/Alexander Schneider

Dresden. Es kommt nicht häufig vor, dass Menschen die lachenden Dritten sind, wenn sie Opfer von Straftaten werden. Schon gar nicht, wenn die Täter massiv unter Drogen stehen. Im Fall des Dresdner Bildhauers Thomas Reichstein ist das glücklicherweise etwas anders.

Dreimal haben sich Täter in den vergangenen vier Jahren an seinen Werken vergriffen, doch immer ging die Geschichte vergleichsweise gut für den 60-Jährigen aus. Die Beute ist nicht spurlos verschwunden – und die gefassten Diebe versorgten den Künstler mit einer neuen Geschichte. Das hilft nun beim Verkauf.

So sagte es der Künstler am Freitag am Amtsgericht Dresden, wo er als Zeuge im letzten seiner Fälle geladen war. Er habe befürchtet, professionelle Kunstdiebe hätten sich an seiner Statue „Die Mondschreitende“ vergriffen.

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Im August hatten zwei Diebe das gute Stück vor Reichsteins Atelier in der Pillnitzer Landstraße entwendet. Gut möglich, vermutete Reichstein, dass die Täter am Dresdner Flughafen auf die Mondschreitende aufmerksam geworden seien, denn dort stehe auch ein Exemplar, wenn auch gut bewacht.

Doch die Realität ist, wie so oft, weit weniger spektakulär. Die tatsächlichen Täter hatten es, so hart das nun für den Künstler auch klingen mag, vor allem auf das Metall abgesehen. Die 80 bis 90 Kilo schwere, überlebensgroße Schreitende wollten sie zum Wertstoffhändler bringen, um sich mit dem Geld mit Crystal Meth einzudecken.

„Geld – Meth, Geld – Meth, Geld – Meth“

Doch, und auch das wird eine Geschichte sein, die bei Reichsteins Kunden die Zahlungsbereitschaft erhöhen könnte, einer der Täter wurde erst im September an gleicher Stelle verurteilt, weil er, na hoppla, schon 2018 eine Reichstein-Statue gemaust hatte. Nicodemo R., ein 47-jähriger Deutsch-Italiener mit zwei Dutzend Vorstrafen ist ein alter Bekannter der Justiz. Er saß schon wegen Raubes dreieinhalb Jahre in Haft, seinen Tagesbedarf an Crystal finanziert er üblicherweise mit Raddiebstählen.

Doch auch Nicodemo R. scheint bei Reichsteins Werken schwach geworden zu sein. Crystal-Meth habe seit Jahren sein Leben bestimmt, sagte er ehrlich. Zuletzt habe er sich die Droge sogar gespritzt. „Alles, was ich gemacht habe, hatte nur einen Gedanken: Geld – Meth, Geld – Meth, Geld – Meth“, sagte N. wörtlich. Seine Verteidigerin Gesa Israel sagte, sein Mandant sei in einem Moment schwach geworden, als er eigentlich eine Entzugstherapie habe antreten wollen - eben wegen des anstehenden Prozesses im September.

Nun soll Schluss sein

Der zweite Angeklagte, Robert W. (38), kommt „nur“ auf 15 Vorstrafen, ist aber nicht minder abhängig von Crystal. Der gebürtige Cottbuser berichtete, wie er nach seinem Abitur immer tiefer abgerutscht sei. Es sei "der einfachste Weg, nach Schicksalsschlägen zu Drogen zu greifen", berichtete er. Er habe versucht, sich zu lösen. "Und irgendwann sitzt man wegen dieser Scheiße im Knast." Nun solle aber Schluss damit sein.

Die Männer gaben alle Taten zu. Vor dem Diebstahl am Künstlerhaus hatten sie auch eine zweite Reichstein-Statue vor der Loschwitzer Gaststätte Fährgut in ihren weißen Fiat-Transporter geladen. Dann seien sie zu W.s Freundin gefahren, um sie abzuholen. Auf dem Rückweg hätten sie "spontan" bei Reichsteins Atelier gehalten. W. räumte auch ein, kurz vor der Tat den Transporter gekauft zu haben und das Auto mit Kennzeichen versehen zu haben, die er in Klipphausen von einem Citroen abmontiert und gestohlen habe.

Seine Freundin, so W., habe mit den Taten jedoch nichts zu tun. Die 34-Jährige wurde mit verhaftet, saß nun neben W. auf der Anklagebank und verteidigte sich "schweigend", wie ihr Verteidiger Robert Zukowski sagte.

Verfolgungsfahrt bis auf den Blasewitzer Elberadweg

Der - mögliche - Tatbeitrag der Frau hatte sich jedoch nicht mehr aufklären lassen. Robert W. sagte, seine Freundin habe sogar versucht, die Männer von dem Diebstahl bei Reichstein abzuhalten. Eine 31-jährige Augenzeugin - die Pflegefachkraft beobachtete den Diebstahl bei einer Pause von der Terrasse eines benachbarten Pflegeheims aus - hatte aber die entscheidenden Handlungen der Frau auch nicht gesehen.

So blieb etwa offen, ob die Angeklagte Schmiere gestanden und den Männern die Schiebetür des Transporters geöffnet habe. Die 31-Jährige alarmierte geistesgegenwärtig die Polizei und rief dann noch ein zweites Mal an, als sie sah, dass die Täter, die erst stadtauswärts gefahren waren, plötzlich wieder in die andere Richtung fuhren.

Eine erste Streife der Polizei erkannte den Transporter mit dem Leipziger Kennzeichen auf dem Blauen Wunder. Es kam zu einer Verfolgungsfahrt bis auf den Blasewitzer Elberadweg. Dort rammten die Verfolger den Transporter leicht, während ein weiteres Einsatzfahrzeug den Tätern schon entgegenkam. Die Männer rannten davon, während die Frau im Fiat sitzenblieb. Ende der kurzen Flucht. Alle drei wurden verhaftet, nur die 34-Jährige kam Ende August nach drei Wochen wieder auf freien Fuß.

Das Gericht verurteilte die Männer zu jeweils eineinhalb Jahren Haft – ohne Bewährung. Beide hoffen nun auf eine Drogentherapie. Die Mitangeklagte wurde freigesprochen und muss für die drei Wochen in Untersuchungshaft entschädigt werden. Die Verteidigerinnen Gesa Israel und Katja Reichel hatten jeweils neun Monate Haft für ihre Mandanten gefordert.

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