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Dresden: Kein Streik-Ende bei Putzi in Sicht

Der Dresdner Zahnpasta-Hersteller Dental-Kosmetik wird seit Herbst immer wieder bestreikt. Das Unternehmen zweifelt die Rechtmäßigkeit der Proteste an.

Mitarbeiter und Unternehmensleitung von Dental-Kosmetik in Dresden liegen im Lohnstreit - wieder einmal.
Mitarbeiter und Unternehmensleitung von Dental-Kosmetik in Dresden liegen im Lohnstreit - wieder einmal. © Ronald Bonß

Dresden. Abermals sind die Mitarbeiter von Dental-Kosmetik am Dienstag dazu aufgerufen worden, die Arbeit niederzulegen. Der bereits vierte Streiktag im Mai folgte auf mehrere Warnstreiks im November, Dezember und März. Dabei ist immer nur in einzelnen Schichten gestreikt worden.

Die Gewerkschaft IG Bau, Chemie, Energie fordert für die Beschäftigten rückwirkend ab Jahresanfang 105,50 Euro mehr Lohn im Monat. Außerdem wird eine Einmalzahlung angestrebt. Laut Gewerkschaft gingen viele Mitarbeiter derzeit mit etwa 1.800 Euro brutto nach Hause. Bezirksleiter Gerald Voigt wirft Dental-Kosmetik fehlende Verhandlungsbereitschaft vor. 2019 habe man noch einen Kompromiss erreichen können. Damals sei auch festgelegt worden, die Lohnverhandlungen noch im selben Jahr fortsetzen zu wollen.

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"Gestreikt wird ohne rechtliche Grundlage"

Das Unternehmen hat am Dienstag erstmals die Rechtmäßigkeit der Warnstreiks angezweifelt. "Bisher haben sich beide Seiten an Standards gehalten. Aber gestreikt wird derzeit ohne rechtliche Grundlage", teilte eine Sprecherin mit. Wertvolles Vertrauen sei dadurch verloren gegangen. Außerdem zeige sich die Belegschaft zunehmend verunsichert.

Die Gründe, warum die Tarif-Gespräche derzeit pausieren, seien allen bekannt, so die Sprecherin weiter. „Sie zu ignorieren, ändert in der Sache nichts und schadet uns.“ SZ-Informationen zufolge laufen derzeit Verhandlungen zwischen Dental-Kosmetik und einem Großkunden. Der Auftrag entscheidet darüber, wie umfangreich die Produktion an der Katharinenstraße in der Dresdner Neustadt in den kommenden Jahren ausfallen wird. Bis das nicht geklärt ist, will Dental-Kosmetik offenbar nicht über höhere Löhne sprechen. Über den Stand der Verhandlungen habe man die Gewerkschaft immer mit größtmöglicher Transparenz informiert, heißt es.

"Wir werden die wirtschaftliche Zukunft unseres Traditionsunternehmens nicht leichtfertig aufs Spiel setzen", beendete die Unternehmenssprecherin ihr Statement. Ob man rechtliche Schritte in Erwägung zieht und wann gegebenenfalls mit Lohn-Gesprächen zu rechnen ist, blieb offen.

Die IG BCE hat den Vorwurf der Unrechtmäßigkeit am Dienstag als Drohgebärde bezeichnet. Man könne belegen, dass der Warnstreik ordnungsgemäß angekündigt wurde, so Voigt zur SZ. Auch sei er nicht ungeduldig, weil die Verhandlungen mit dem Großkunden nicht abwarte. "Natürlich hoffe auch ich auf diesen Großauftrag. Aber seit Mitte 2019 warten wir nun. Letztes Jahr hätte Dental-Kosmetik jede Chance gehabt, auf uns zuzugehen." Dem Unternehme ginge es schließlich nicht schlecht.

Handelsketten bestimmen das Geschäft

Dental-Kosmetik gehört zu den Traditionsunternehmen der sächsischen Landeshauptstadt. 1907 begann der Dresdner Apotheker Ottomar Heinsius v. Mayenburg damit, Zahnpasta anzurühren, in Tuben abzufüllen und zu verkaufen. Nach dem ersten Weltkrieg expandierte der Hersteller mit der Zahncreme Chlorodont, die schnell zum Synonym für Zahnpasta wurde. 1952 wurden die damaligen "Leo-Werke" verstaatlicht und zum VEB Elbe-Chemie. Heute beschäftigt das Unternehmen in Dresden über 100 Mitarbeiter. Bekanntestes Produkt ist die "Putzi"-Kinderzahnpasta.

Das Geschäft ist allerdings alles andere als ein Selbstläufer: Die Zahl nationaler und internationaler Handelsketten sei begrenzt, heißt es in der neuesten Unternehmensbilanz. Einen Nebenverdienst, wenn man so will, konnte die Dental-Kosmetik zuletzt in Asien erwirtschaften. Dort entwickelten kleinere Kunden oftmals eigene Marken und könnten diese mit dem Verkaufsargument "Made in Germany" auf ihren Heimatmärkten etablieren, heißt es weiter. So gingen etwa 4,5 Millionen der insgesamt 74,4 Millionen produzierten Einheiten nach Fernost.

Politikerin besucht Streikende

Für 2019 weist das Unternehmen einen Umsatz von rund 30 Millionen Euro aus – plus 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Gewinn schrumpfte dagegen um etwa 13 Prozent auf rund 1,7 Millionen Euro. Hauptgrund seien gestiegene Rohstoffkosten.

Inzwischen hat der Streit zwischen Gewerkschaft und Dental-Kosmetik das Interesse von Politikern auf sich gezogen. Linke-Bundestagsabgeordnete Katja Kipping unterstütze den Protest, sagte sie am Montag nach einem Besuch der streikenden Mitarbeiter. Sie sprach sich für Tarifverträge aus, die ein Mittel für gute Bezahlung seien. Kipping tritt für ihre Partei im September als Direktkandidatin bei der Bundestagswahl an.

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Die IG BCE denkt unterdessen nicht daran, mit den Warnstreiks aufzuhören. Am Mittwoch soll abermals die Arbeit niedergelegt werden.

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