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Dresdner Kinder leiden unter Pandemie

Die Beratungsstelle Shukura meldet 50 Prozent mehr Anfragen wegen Kindeswohlgefährdung.

Die Zahl der gefährdeten Kinder hat zugenommen.
Die Zahl der gefährdeten Kinder hat zugenommen. © Markus Scholz/dpa

Dresden. Geschlossene Schulen und Kitas, kein Sport in der Freizeit und kaum Freunde treffen: für Kinder und Jugendliche in Dresden ist die Situation während der Corona-Pandemie sehr schwer. Doch auch die Gefahr für Kinder durch (sexualisierte) Gewalt in der Stadt wird größer.

Die Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche „Shukura“ der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Dresden verzeichnet in der Coronapandemie einen starken Anstieg von Beratungsanfragen und Fallanfragen zu Kindeswohlgefährdung. Die Auswirkungen sind gravierend, so die Einschätzung der Fachstellenleiterin Heike Mann: „Seit Ende des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr steht das Telefon nicht mehr still." Ständig würden die Anfragen zu Fall- und Fachberatungen, besonders zur Gefährdungseinschätzung im Kontext von Kindeswohlgefährdung steigen. "Im Vergleich zu 2019 registrierte die Fachstelle 2020 einen Anstieg um 49,6 Prozent", so Mann. Die Fachstelle „Shukura“ist seit 1999 als Angebot zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Dresden tätig ist. In verschiedenen Präventionsangeboten arbeitet die Fachstelle mit Schülern von der 2. bis zur 11. Klasse. Dazu zählen Theaterprojekte, als auch ganztägige Präventionsprogramme in Schulklassen der Stufen drei bis sechs. Thematisiert werden hier neben sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen vor allem Kinderrechte und was Kinder tun können, wenn diese verletzt werden. Mit diesen Angeboten konnten in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 2029 Kinder und Jugendliche erreicht werden. Neben der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gehören Elternarbeit und die Kooperation mit pädagogischen Fachkräften zu den wichtigsten Arbeitsschwerpunkten der Fachstelle.

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Kindeswohlgefährdung, wie etwa durch Gewalt, Vernachlässigung oder eine Suchterkrankung der Eltern sei für viele Dresdner Kinder und Jugendliche Alltag. Die Dunkelziffer sei hoch, so die Awo. "Die Pandemie verschärft die Situation insbesondere während des Homeschoolings zusätzlich. Kinder und Jugendliche haben oft keine Möglichkeit, persönlich mit anderen in den Austausch zu treten und die Unterstützung von Vertrauenspersonen in Schulen und Einrichtungen für ihre Sorgen, Belastungen und Notlagen zu suchen", betont Mann. Die Zahl der Mädchen und Jungen in Dresden, die aus ihren Familien geholt werden müssen, steigt. Waren es im Jahr 2010 noch 376 Kinder, musste das Jugendamt 2018 schon 453 in Obhut nehmen. Und im Jahr 2020 gab es im Kinder- und Jugendnotdienst und in der Mädchenzuflucht 683 Inobhutnahmen von insgesamt 497 Kindern und Jugendlichen. Darunter waren 88 unbegleitet eingereiste ausländische Minderjährige, so die Stadt. Der Lockdown im vergangenen Frühjahr und erneut ab Dezember 2020 wirkte sich in mehrfacher Hinsicht auf Familien mit Kindern aus. "Einerseits berichteten Eltern, vor allem alleinerziehende Elternteile, in dieser Zeit verstärkt von Existenzängsten und fühlten sich alleingelassen", so das Dresdner Jugendamt auf SZ-Anfrage.

Andererseits hätten die Eltern die Mehrfachbelastungen zu spüren bekommen, die im Rahmen von Homeschooling den Lernstoff ihrer Kinder begleiten sollten, gleichzeitig im Homeoffice arbeiten und auch die Aufsicht der Kinder übernehmen mussten. Dies führte zu Überforderungen der Eltern. Bei Jugendlichen wurden Bildungen großer Gruppen mit Alkoholexzessen beobachtet, hoher Medienkonsum und soziale Isolation.

Das Team der Fachstelle „Shukura“ hat nun ein neues, digitales Präventionsangebot entwickelt und erprobt. Das digitale Präventionsprogramm kann sowohl im eingeschränkten Regelbetrieb von Schulen und Hort, als auch im Homeschooling durchgeführt werden. In dem 90-minütigen Angebot lernen Schüler der dritten und vierten Klassen nicht nur ihre Kinderrechte, wie zum Beispiel das Recht auf den eigenen Körper und auf Unterstützung kennen. "Ihnen wird auch kindgerecht Wissen darüber vermittelt, was Kinder tun können, wenn ihre Rechte verletzt werden. Dabei werden realistische Handlungsstrategien für Kinder erarbeitet und ihr Selbstbewusstsein gestärkt", so Mann.

Doch die Awo braucht dafür mehr Personal. „Shukura“ könnte, so die Verantwortlichen, deutlich mehr Anfragen bedienen, wenn sie mehr Mitarbeiter hätten. Derzeit fördert das Jugendamt der Stadt die Fachstelle mit 130 Wochenstunden. Das seien drei Vollzeitstellen und eine Teilzeitstelle, so die Awo. Ohne die Erweiterung der personellen Kapazitäten könnten auch zukünftig viele Anfragen nicht bedient werden oder auf einer Warteliste landen. Für den Schutz von Kindern und Jugendlichen müssten gerade unter den Bedingungen der Pandemie die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, sagt Heike Mann, Leiterin der AWO Fachstelle „Shukura“. „Kinder und Jugendliche haben gerade jetzt einen Anspruch auf Unterstützung.“


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