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Dresdner Kletterwand für Behinderte muss weg

Monatelange kämpfte Beate Lange um den Erhalt der einmaligen Anlage im Plauenschen Grund. Die Entscheidung der Stadt hält sie für einen Skandal.

Beate Lange und Jost Hartmann können es nicht glauben: Ihr Kletterfelsen muss zurückgebaut werden.
Beate Lange und Jost Hartmann können es nicht glauben: Ihr Kletterfelsen muss zurückgebaut werden. © Sven Ellger

Dresden. Idyllisch wirkt es hier vor diesem schneebedeckten Felsen im Plauenschen Grund. Seitdem das Absperrgitter und das Schild "Zutritt verboten! Lebensgefahr!" verschwunden sind, erinnert nichts mehr daran, dass es um diese Wand seit Monaten Streit gibt. Die Frage lautete: Darf hier weiterhin geklettert werden oder sprechen die Interessen des Naturschutzes dagegen?

Vor sieben Jahren hatte Jost Hartmann gemeinsam mit seiner Partnerin Beate Lange ein etwa fünf Meter breites und 15 Meter hohes Stück der Felswand für ein besonderes Projekt auserkoren. Entstehen sollte Deutschlands vielleicht einzige Outdoor-Kletterwand speziell für Behinderte. Die Stelle unmittelbar an der kaum befahrenen Birkigter Straße schien dafür ideal zu sein. Damals war das Gelände noch in privater Hand und der Eigentümer hatte nichts dagegen.

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Hartmann brachte etwa 200 Griffe an. Außerdem wurden ein Tisch und eine Bank aufgestellt. Bald schon nutzten Dutzende versehrte und behinderte Kletterer regelmäßig die Wand, darunter Menschen mit Down-Syndrom, Lähmungen und Amputationen. Auch die Behindertenklettergruppe des Sächsischen Bergsteigerbundes, der Polizistennachwuchs und die Berufsfeuerwehr schauten vorbei.

Die Hinweistafel für Kletterer an der Prothesenwand wird wohl bald entfernt werden.
Die Hinweistafel für Kletterer an der Prothesenwand wird wohl bald entfernt werden. © Sven Ellger

Beate Lange kam jahrelang mehrmals in der Woche her. Die 64-Jährige leidet an Multiple Sklerose und glaubt, dass ihr vor allem das Klettern bis jetzt die Beweglichkeit erhalten hat. Den Eintritt in Kletterhallen als einzige Alternative könne sie sich als EU-Rentnerin nicht leisten.

Umso trauriger, ja wütender ist sie nun, dass ihr Kletterfelsen im Plauenschen Grund keine Zukunft hat.

Ende November erhielt sie ein Schreiben aus dem Bürgermeisteramt. Darin ist zu lesen, dass der Kletterfelsen wenige Tage zuvor Thema in einer Dienstberatung bei Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) gewesen sei. Dort habe die zuständige Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Grüne) erklärt, es werde "keine Möglichkeit gesehen, Klettern im Plauenschen Grund zu genehmigen". Das gelte explizit auch für die "Prothesenwand" wie sie in Insiderkreisen genannt wird.

Für Beate Lange, Jost Hartmann und ihre Unterstützer vom Landesverband Sachsen des Deutschen Alpenvereins endet damit ein monatelanger Kampf, der damit begann, dass die Stadt 2019 das Areal übernahm.

Bedrohung für geschütztes Biotop?

Schnell fiel dem Umweltamt auf, dass ein Klettern am Felsen im Plauenschen Grund aus Naturschutzgründen keinesfalls gestattet werden dürfe. Der Fels sei ein besonders geschütztes Biotop und solle Teil eines Naturschutzgebietes werden, um Tieren und Pflanzen "störungsarme Lebensräume" zu bieten. Unter anderem sei er die Heimat eines seltenen Schmetterlings namens Spanische Flagge.

Auch nach einem Vororttermin und einem Gespräch im Rathaus blieben die Fronten verhärtet. Allerdings versprach der Oberbürgermeister noch im September bei einer Bürgersprechstunde, sich für das Anliegen einzusetzen. Inklusion, da waren sich immer alle einig, sei für Dresden ein wichtiges Thema.

Dann herrschte Funkstille, bis der Brief aus dem Bürgermeisteramt kam. "Es tut uns sehr leid, Ihnen keine Antwort in Ihrem Sinne mitteilen zu können, aber eine Entscheidung der Fachämter kann auch kein Oberbürgermeister kippen." Man hoffe, dass eventuell ein Ersatzstandort gefunden werden könne.

Was Jost Hartmann besonders wurmt: Weder ihm noch dem Alpenverein soll es nun erlaubt sein, die Griffe eigenständig zurückzubauen. Stattdessen will das Umwelt selbst eine Fachfirma beauftragen. Die Kosten müsse Hartmann tragen.

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Im vergangenen November und Dezember gab es an der Wand Hangsicherungsmaßnahmen, bei der Netze angebracht und ein Großteil der Pflanzen am Fels entfernt wurden. "Aber unser Klettern soll einen groben Eingriff in die Natur darstellen", sagt Beate Lange. "Das ist doch grotesk, oder?"

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