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Krankenhaus-Chef verlässt Dresden

Nach nur eineinhalb Jahren wird Marcus Polle den Chefposten im Städtischen Klinikum abgeben. Die Reaktionen darauf sind heftig.

Marcus Polle, der Kaufmännische Direktor des Städtischen Klinikums Dresden, verlässt die Stadt.
Marcus Polle, der Kaufmännische Direktor des Städtischen Klinikums Dresden, verlässt die Stadt. © Stadtverwaltung Dresden

Dresden. Erst im vergangenen Jahr hatte er den Posten des Kaufmännischen Direktors übernommen. Nun verlässt Marcus Polle das Städtische Klinikum Dresden wieder. Sein Vertrag wird Ende 2021 auslaufen, bestätigt das Rathaus.

Im Juni soll der Dortmunder Stadtrat entscheiden, ob Polle ab 2022 Geschäftsführer des Klinikums Dortmund wird. „Das Ausscheiden von Marcus Polle betrachte ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge", sagt Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke). Sie beglückwünsche ihn zu seiner neuen Tätigkeit in seiner Heimatstadt. "Marcus Polle hat das Städtische Klinikum Dresden als Interims-Direktor sehr erfolgreich durch stürmische Zeiten gesteuert und mit seiner Mannschaft den Kurs in Richtung Zukunft gesetzt."

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Kaufmann stellt klar, dass sie an der Umstrukturierung festhält. "Der Kurs für unser Klinikum ist gesteckt und wird weiterverfolgt – mit Entschlossenheit und unabhängig von der Person."

Nachfolger soll bis Herbst feststehen

Polle ist Diplom-Betriebswirt und führte zwischen 2006 und 2010 die Geschäfte des Dresdner Herzzentrums. Danach arbeitete er als Kaufmännischer Direktor am universitären Deutschen Herzzentrum in Berlin. Zurück in Dresden hat er zusammen mit Unternehmensberatern und der Stadtverwaltung das Zukunftskonzept für das Städtische Klinikum auf den Weg gebracht. Unter seinem Vorgänger, Jürgen Richter, wuchs der Verlust des Eigenbetriebs auf knapp zwölf Millionen Euro.

Das neue Konzept sieht unter anderem vor, dass das Krankenhaus Dresden-Neustadt ab 2035 nicht mehr als klassisches Krankenhaus genutzt wird. Stattdessen soll ein ambulantes Zentrum mit einer Notaufnahme sowie Pflegeangeboten entstehen. Das sorgt insbesondere bei Linken, Grünen und SPD für Kritik. Sie wollen ein neues Gutachten in Auftrag geben und die Stadtratsabstimmung bis dahin verschieben.

Polle geht auf eigenen Wunsch. Sein neuer Arbeitsplatz wird wahrscheinlich Dortmund. Dort soll er die Leitung des Dortmunder Klinikums übernehmen.

Für den Posten des Kaufmännischen Direktors in Dresden wird SZ-Informationen zufolge demnächst eine Ausschreibung vorbereitet. Dabei soll es sich um eine längerfristige Besetzung handeln. Laut Stadtverwaltung soll im dritten Quartal über die Nachfolge entschieden werden.

Stadträte überrascht und sauer

"Das ist ein absoluter Knaller", sagt Grünen-Gesundheits-Experte Wolfgang Deppe. Er habe davon vorher nichts gewusst. "Das lässt zudem tief blicken, es wirkt so, als laufe Herr Polle vor der Umstrukturierung davon, weil er ein mulmiges Gefühl hat und es Gegenwind gibt."

An dem Konzept zur Umstrukturierung des Klinikums Dresden gab es Kritik aus der Politik, von den Mitarbeitern und auch von Chefärzten.

Was Deppe zudem aufbringt, ist die Neuausschreibung der Stelle und die Ausrichtung des Managements. "Demnach soll der künftige kaufmännische Direktor im Direktorium bestimmend sein", sagt Deppe. Bisher trifft das Direktorium die Entscheidungen gemeinsam, also mit dem ärztlichen Direktor und dem Pflegedirektor.

"Das kann nicht sein", sagt Deppe. "Der Stadtrat soll über die Struktur der künftigen Betriebsführung entscheiden, eine solche Entscheidung wäre an uns vorbei." Damit sei er nicht einverstanden. "Die Struktur sollte so bleiben, wie sie ist, nur wenn das Direktorium gleichberechtigt ist, wird es für die anderen Posten auch geeignete Bewerber geben." Deshalb werde Deppe darauf drängen, das Thema kommende Woche im Gesundheitsausschuss auszuwerten. Es werde zwar über die Struktur der Führung diskutiert, aber selbstverständlich sei noch nichts entschieden, heißt es dazu aus der Stadtverwaltung.

Linke: "Position mit seriöser Person neu besetzen"

"Es gibt schlechtere Nachrichten", reagiert Linke-Gesundheits-Experte Jens Matthis. "Ich habe damit gerechnet, nur nicht so früh." Polle sei jemand, der Menschen "kurzfristig beeindrucken" könne. "Er verspricht eine große Zukunft, aber wenn es konkret wird, ist er bereits in einem neuen Job", meint Matthis. Es sei viel "Schaumschlägerei" gewesen.

Das Klinikum Dresden werde Polles Abgang laut Matthis nicht zurückwerfen. "Vielleicht die Fantastereien der Umstrukturierung, aber da sind Änderungen dringend notwendig. Es wäre komplett falsch, das Klinikum Neustadt vom Netz zu nehmen, wenn die anderen Pläne doch gar nicht umsetzbar sind." Der Stadtrat müsse daraus lernen. "Wichtig ist, dass es gelingt, die Position mit einer seriösen Person neu zu besetzen."

Deutliche Worte findet auch Michael Schmelich aus der neuen Dresdner Dissidenten-Fraktion. "Das ist erstaunlich, wenn man gerade versucht, ein hochumstrittenes Zukunftskonzept umzusetzen. Es ist kein gutes Signal, wenn sich jetzt einer der Architekten in die Büsche schlägt."

Schmelich ärgert es, dass die Gesundheitspolitiker des Stadtrates diese Personalie nicht früher erfahren haben. Das erwarte er von der Verwaltungsspitze.

"Mannschaft in Prozess eingebunden"

CDU-Gesundheits-Expertin Daniela Walter bedauere die Entwicklung "außerordentlich". "Mit Herrn Polle verlieren wir eine Führungspersönlichkeit mit hoher Sachkompetenz und Durchsetzungskraft." Sie hätte sich eine längerfristige Zusammenarbeit mit Polle gewünscht.

"Ich persönlich habe eine sehr hohe Wertschätzung für die Ergebnisse, die Herr Polle in der kurzen Zeit, die er bis jetzt im Städtischen Klinikum tätig war, vollbracht hat", so Walter. "Er hat es geschafft, seine Mannschaft in diesen Prozess einzubinden, mitzunehmen und auf ein gemeinsames Ziel auszurichten."

Für Dresden wünsche sie sich, dass der "durch ihn maßgeblich mit gestaltete und dringend erforderliche Prozess der Neustrukturierung und Modernisierung des Städtischen Klinikums" ohne Verzögerungen in die Umsetzung gebracht wird.

"Zuletzt hat Herr Polle viel bewegt", sagt FDP-Stadtrat Christoph Blödner. deshalb bedauere er dessen Weggang. Gerade jetzt, im "Beschlussprozess" zum Klinik-Konzept, wäre es gut, wenn Polle dieses auch umsetzen würde.

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