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"Beim Schreiben trinke ich nicht"

Verbrechen in den sächsischen Weinbergen? Der Schriftsteller Paul Grote besucht Dresdens Winzer auf der Suche nach Stoff für seinen neuen Weinkrimi.

"Ich bin kein Bestsellerautor, sondern ein Steadyseller", sagt der Schriftsteller Paul Grote von sich. Mit seinen bald 17 Krimis bleibt er stetig im Gespräch.
"Ich bin kein Bestsellerautor, sondern ein Steadyseller", sagt der Schriftsteller Paul Grote von sich. Mit seinen bald 17 Krimis bleibt er stetig im Gespräch. © Sven Ellger

Dresden. Wenn im Wein die Wahrheit liegt, dann ist Paul Grote auf der richtigen Spur. Die nimmt er auf, bevor das Ermittler tun und seine Leser deren Fährte folgen. Für seinen siebzehnten Roman ist der Krimiautor nun in Dresden und Umgebung unterwegs. Dafür hat er nicht die erste Reise nach Sachsen angetreten. Den ganzen Mai über recherchierte er im Weingebiet. Denn dafür ist der 74-Jährige bekannt: Er schreibt ausschließlich Kriminalromane über Wein.

In seinen Geschichten passiert weit mehr, als dass Flaschen zu Boden gehen und niemand schuld sein will. Allein der sächsische Weinskandal, der 2015 die gesamte Branche erschütterte, gäbe Stoff für eine ganze Krimireihe. Doch so einfach macht es sich Paul Grote nicht. Er verwebt in seinen Büchern Wissen über die berühmten Weinbaugebiete Europas mit Schilderungen der Menschen, die dort wirken, verbindet Beschreibungen ihrer Weine mit verhängnisvollen Geschehnissen. Reales trifft auf Fiktion. Die Lust am Grusel und die Neugier auf sehenswerte Landstriche zu befriedigen, bringt dem Autor seine große Leserschaft und etwas, was nicht jeder Schriftsteller von sich sagen kann: "Ich lebe gut von meiner Arbeit."

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Es drückt viel darüber aus, wie sehr sich Paul Grote in diese Stadt, die Region und ihre Menschen verliebt hat, dass er nun just seinen Geburtstag in Dresden verbringt. Für drei Tage ist er zusammen mit seiner Frau hergekommen, um Dresden zu erkunden. Sie floh Anfang der 1980er Jahre aus der DDR. Allein deshalb ist Grote die Geschichte Ostdeutschlands sehr vertraut. Das sei immer wieder Thema in Gesprächen mit seiner Frau gewesen, erzählt er. Zudem habe er sich mit vielen weiteren Menschen über ihre Lebenserfahrungen in Ost und West vor, zur und nach der Wende ausgetauscht.

Auf der Bank bei Winzer Müller

Geboren in Berlin wurde er zunächst in Hannover groß, begann nach der Schule eine Lehre als Werbekaufmann in Düsseldorf und machte Karriere. Doch Menschen standen ihm näher als Produkte. Paul Grote zog nach Hamburg, studierte Soziologie und Politologie. Eine Rockgruppe in Wien zu managen, blieb ein eher kürzeres Intermezzo, dann sog es ihn zurück zum weiten Feld der menschlichen Wege und Irrwege in ihrem gesellschaftlichen und politischen Netz.

Etliche Jahre lang arbeitete Paul Grote als Rechercheur für die Zeitschrift "Stern". Doch was er mühevoll aufdeckte, habe sich nie in den Artikeln der Autoren wiedergefunden, sagt er. Ermüdet und verärgert gab er den gut bezahlten Job schließlich auf, blieb jedoch als Fotograf und Radiosprecher der Branche verbunden.

Bis zur Entscheidung, nach Mexiko zu reisen. Warum, weshalb, das kann er heute gar nicht mehr so sicher sagen. Vielleicht hatte ihn das Wissen um seinen Onkel, der vor dem Zweiten Weltkrieg nach Uruguay ausgewandert war, dazu verlockt. Jedenfalls öffnete sich damit die Tür nach Lateinamerika. Aus einem Trip wurde ein Leben in Ländern, in denen er sich heute zuhause fühlt. Eineinhalb Jahrzehnte arbeitete Paul Grote als freiberuflicher Reporter in Brasilien, Argentinien, Chile, Bolivien, El Salvador, Kolumbien, Guatemala und Venezuela.

Nun sitzt er auf einer Holzbank mitten im Weinberg der Dresdner Winzerfamilie Müller. Spätsommerlich bescheint die schon tiefer stehende Sonne die Rebstöcke. Ein Schaufelraddampfer tuckert elbaufwärts. Hier war Paul Grote noch nie. Etliche andere Winzer, Kellermeister, Weinexperten hat er für seinen neuen Krimi aus der sächsischen Weinwelt bereits getroffen. Nicht alle werden im Roman eine Rolle spielen. Das Wissen, das der Autor ihnen verdankt, indes schon. "Aber ich nenne auch reale Personen, die zur Handlung gehören, mit Namen und Adresse", sagt Grote. Sehr konkret beschreibt er deren Umfeld, ihre Geschichte, Lebensumstände, ihre Weine. 

"Wein ist für mich eine eigene Welt"

Es gibt Leser und Verlage, die Paul Grotes Weinkrimis als Reiseführer einordnen. Für den Autor ist auch das berechtigt. Gibt er doch tatsächlich Anleitung für das Ergründen der europäischen Weinkultur - seit ihn ein Kollege einst auf die Idee brachte, nicht nur über die Zucht argentinischer Polopferde zu berichten, sondern auch über argentinischen Wein. "Ich trank zwar gern Wein, aber ich hatte nicht genug Ahnung, um darüber zu schreiben", erzählt Paul Grote. Also ging er auf Weinreise mit einer Handvoll Experten und lernte, probierte, lernte, probierte. Nun kennt Grote die sächsischen Goldrieslinge ebenso gut wie einen Barolo von 1956. "Der war interessant, aber scheußlich!" 

Heute sagt er: "Wein ist für mich eine eigene Welt." Er empfinde es als seine Pflicht, auch über den deutschen Wein zu schreiben. Deshalb ist er hier, hat Hof Lößnitz samt Weinmuseum und die Winzergenossenschaft besucht, den Winzer Klaus Zimmerling und Georg Prinz zur Lippe in Proschwitz kennengelernt. "Von einem halben bis zu 100 Hektar groß sind die Anbauflächen der verschiedenen Weinbauern, die ich getroffen habe", erzählt er. Welche Menschen stecken hinter dem Wein, diese Frage will er seinen Lesern beantworten. Zugleich müssen sie sich auf kritische Töne einstellen. Unter jedem Landesdach ein Ach, und gerade Sachsen hat in jüngster Zeit genug Vorkommnisse  geboten, die sich politisch und soziokulturell hinterleuchten lassen. 

Recherchen bei Weinmessen

Rund um die Recherchen vor Ort vergräbt sich Grote in Fachliteratur, besucht Weinmessen, beschäftigt sich mit der Geschichte des jeweiligen Landstriches. Später am Schreibtisch geht es ihm wie es vielen seiner Berufskollegen ergeht: Schreiben ist nicht nur der Kampf um jede Seite, jeden Satz - sondern um das eine, passende Wort. Danach sucht der Schriftsteller manchmal tagelang in seinem eigenen riesigen Wortschatz, aber auch in Synonymwörterbüchern, Lexika und etymologischen Sammlungen.

Im Wein selbst sucht er nicht. "Beim Schreiben trinke ich nicht", sagt er, "Die Arbeit wird mit Wein zwar lustiger, aber nicht besser." Ende nächsten Sommers soll Paul Grotes neuer Weinkrimi erscheinen. Spätesten dann dürfte er wieder Gast hier sein - in einem der kleinsten Weinbaugebiete Deutschlands das im realen Wein und im fiktiven Verbrechen weder Bordeaux noch Burgund nachsteht.

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