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Krach im Party-Viertel: "Übrigens, wir wohnen hier"

Durch Sonderregeln für die Außengastronomie müssen die Anwohner im Dresdner Party-Viertel Neustadt mit noch mehr Lärm leben.

Die "Problemkreuzung" im Zentrum der Dresdner Neustadt im vergangenen Sommer. Anwohner berichten heute, dass sich das Lärmproblem sogar noch verschärft hat.
Die "Problemkreuzung" im Zentrum der Dresdner Neustadt im vergangenen Sommer. Anwohner berichten heute, dass sich das Lärmproblem sogar noch verschärft hat. © Archiv: Benno Löffler

Dresden. In der Nacht von Samstag auf Sonntag gehen viele Anwohner an der Ecke Louisenstraße/Görlitzer Straße/Rothenburger Straße nicht vor dem Morgengrauen schlafen. Einige stehen nachts halb zwei auf ihren kleinen Balkons und blicken hinunter auf den Trubel, der an das Stadtteilfest Bunte Republik Neustadt erinnert. Hunderte Menschen tummeln sich hier in kleinen und großen Gruppen, trinken, lachen und machen die Nacht zum Tag. Von lauter Musik, Grölen oder aggressiver Stimmung ist aber nichts zu hören und zu sehen. Vielleicht liegt das daran, dass sich eine Truppe aus fünf Polizisten genau an der Ecke postiert hat und das Geschehen beobachtet.

Am Wochenende zuvor hatten Anwohner der „Schiefen Ecke“, im Volksmund auch „Assi-Eck“ genannt, hier noch eine Demonstration organisiert: Unter dem Motto „Übrigens, wir wohnen hier“ verlegten sie ihr Esszimmer auf die Louisenstraße, um mit den Partygästen ins Gespräch zu kommen: „Wir demonstrieren für die Interessen der Anwohner, die zwischen Lärm, Alkohol und Feiertrubel oft untergehen“, sagt Madeleine Weis, die an der Ecke wohnt und bei der Demonstration dabei war. Die Anwohner hätten kein Problem mit dem Feiern, aber mit der zunehmend rücksichtslosen Feierkultur, sagen sie.

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Dabei geht es nicht mehr nur um Lärmbelästigung bis tief in die Nacht und auch innerhalb der Woche, sondern um platte Fahrradreifen wegen zerbrochenem Glas, Wildpinkeln an Haustüren und eine teilweise aggressive Stimmung: „Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nachts allein nach Hause laufe“, sagt eine Anwohnerin. Mit der Demonstration wollten sie darauf aufmerksam machen, dass die Neustadt nicht nur ein Partyviertel ist, sondern dass hier auch Menschen leben, die sich mehr Rücksichtnahme wünschen, so Madeleine Weis.

Mittlerweile ist aber nicht mehr nur die „Schiefe Ecke“ vom zunehmenden Partytourismus betroffen, sondern auch andere Straßen in der Neustadt. So zum Beispiel die Alaunstraße, die auf beiden Seiten mit Kneipen und Restaurants bestückt ist. Seit Anfang Juli gibt es für den Handel und die Gastronomie eine Erweiterung der Sondernutzung, die noch bis zum 31. Oktober möglich ist: „Mit diesem Stadtratsbeschluss wollen wir mehr Außengastronomie ermöglichen und so der Branche helfen, ihre pandemiebedingten Verluste zumindest etwas auszugleichen“, sagt Baubürgermeister Stephan Kühn. Die Erweiterung erlaubt die Nutzung von Außenflächen auf Fußwegen, Plätzen und Parkflächen.

"Es ist definitiv lauter geworden"

Die Gastronomen auf der Alaunstraße haben seitdem zusätzlich zu ihren Biergärten in den Hinterhöfen nun fast alle auch die Fußwege mit ihren Tischen und Stühlen besetzt. Für die Anwohner bedeutet das noch mehr Feierlustige unter ihren Fenstern und eine Nachtruhe, die meist erst nach zwei Uhr einsetzt. Ein Anwohner der Alaunstraße beschreibt das so: „Ein direkter Vergleich ist schwer, aber dennoch würde ich behaupten, dass es definitiv lauter geworden ist, seitdem mehr Stühle und Tische auf den Straßen stehen.“ Nur wenige Meter weiter wohnen seine Freunde, die das ebenso einschätzen.

Am meisten stört den Mann die fehlende Rücksichtnahme vor allem innerhalb der Woche: „Die Menschen, die zum Feiern und Trinken in die Neustadt kommen, zeigen mit zunehmender Alkoholisierung immer weniger Verständnis für die Bedürfnisse derer, die hier leben.“

Aus dem Geschäftsbereich Ordnung und Sicherheit der Stadt Dresden heißt es dazu: „Der Gesetzgeber verlangt, dass von Gaststätten keine unzumutbaren Lärmauswirkungen ausgehen dürfen.“ Demnach gelten ab 22 Uhr Grenzwerte, die eine ungestörte Nachtruhe der Nachbarschaft sicherstellen sollen. Wie das der Betreiber oder Gastwirt umsetzt, sei ihm selbst überlassen, aber er ist verantwortlich: „Der Betreiber einer Gaststätte hat zum Schutz der Nachbarschaft dafür zu sorgen, dass von seiner Gaststätte keine Lärmeinwirkungen ausgehen, die diese Grenzwerte überschreiten“, so der Geschäftsbereich Ordnung und Sicherheit.

Gerade in der Nähe zu Wohnnutzungen wie auf der Alaunstraße könne beim Betrieb von Außengastronomie die Einhaltung der Grenzwerte nicht sichergestellt werden: „Nur die Einstellung der Außengastronomie in den späteren Abendstunden kann die Einhaltung der Nachtruhe gewährleisten, weshalb diese um 22 Uhr in Baugenehmigungen verankert ist.“

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Die Neustädter sind sich darüber bewusst, dass es gerade am Wochenende lange laut ist. Dennoch sehen sie auch die Gastronomen in der Pflicht: „Ich denke, dass die Wirte etwas unternehmen könnten, um die Lautstärkebelastung durch die Außengastro im Rahmen zu halten“, sagt der Anwohner auf der Alaunstraße. Ihm gehe es nicht um 22 oder 23 Uhr, aber ab Mitternacht könne man den Außenbereich auch dichtmachen, findet er.

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