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Singen, bis der Nachbar klingelt

Als Chorsänger kämpfe ich mich durch den digitalen Proben-Wahnsinn. Am Ende des Tages bleibt aber mehr als Frustration. Unsere Lockdown-Kolumne.

Singen wie ein Vogel: im Lockdown unter besonderen Vorzeichen.
Singen wie ein Vogel: im Lockdown unter besonderen Vorzeichen. © blickwinkel

Dresden. "Corona hat uns alle zu Profis im digitalen Arbeiten gemacht." Eine dieser abgenutzten Phrasen, die uns alle Nase lang um die Ohren geschleudert wird. Doch dass das bei den meisten von uns nicht stimmt, zeigt sich vor allem an einem Ort: bei mir im Chor.

Wie fast jeder Chor versuchen wir, den Lockdown mit virtuellen Proben zu überstehen. Im Frühjahr, als der Lockdown noch neu und aufregend war, wurden hochtrabende Vergleiche mit Eric Whitacres "Virtual Choir" gemacht, "das können wir genauso gut."

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Am Ende des ersten Lockdowns stand fest: Können wir nicht. Der Chor war beträchtlich geschrumpft, vielen war eine zusammengeschnipselte Video-Collage apathisch dreinschauender Sänger vor weißer Wand einfach zu blöde. Texte wie "she sets the world on fire" wurden digital zu "i ä e örl on eia" verwischt, damit die unpräzise gesetzten Konsonanten nicht zu einem chorischen Tourette-Syndrom verkamen.

Jetzt, im zweiten Lockdown, schaue ich mir jeden Montagabend das 15 Minuten lange Einsing-Video unserer Chorleiterin an, beginnend mit den Worten: "Hm, das ist interessant, ich mache eine Probe für euch." Ich lasse die Rollläden herunter, damit niemand meine ungelenken Streck-Übungen und meinen unter dem T-Shirt hervorlugenden Bauch beobachten kann.

Danach geht es weiter in den dunklen, muffigen Zoom-Raum. Nach der Chorleiterin bin ich immer der Erste und weiß nie, was ich mit ihr zu zweit noch besprechen soll, bis sich die anderen hereinbeamen. Ich tue dann gern mal beschäftigt und checke die Nachrichten. Alles angenehmer, als sich stumm anzustarren. So nah kommt man sich bei einer normalen Chorprobe sonst nie.

Dann geht es in die Stücke. Sie spielt auf dem Klavier, wir singen mit. Jeder für sich, stummgeschaltet. Jeder zweite Ton auf dem Klavier wird von der automatischen Geräuschunterdrückung gefressen. Ich summe mehr, als zu singen, um überhaupt etwas vom Klavier wahrzunehmen.

Ein Schriftzug auf meinem Bildschirm signalisiert mir, dass mein Gesumme von niemandem sonst gehört wird. Was eigentlich als Warnung gemeint war, gibt mir Erleichterung. Trotzdem frage ich mich: Wie viel hört der Nachbar in der Wohnung nebenan? Ich versuche nicht, auf die anderen Sänger zu schauen. Nach ihren Mundbewegungen zu urteilen, singen sie ein anderes Lied als ich.

Plötzlich durchdringt ein scharfes Gejaule die harmonischen Dreiklänge. Einer hat seine Noten mal wieder auf die Tastatur gelegt und dabei sein Mikro eingeschaltet. Ein kurzes Entschuldigung, nochmal von vorne.

Doch anstatt mich zu ärgern, denke ich: Eigentlich ist das gerade der schönste Abend in meiner Lockdown-Woche, wann lache ich sonst mal so herzhaft? Wir sind Pioniere, müssen wir da gleich Profis sein?

An dieser Stelle schreiben Redakteure der Dresdner Stadtredaktionen aus ganz persönlicher Sicht über Gedanken, Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Alltag im Lockdown.

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