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Tragische Nacht auf dem Balkon Dresdens

Bei einem Brand im Luisenhof hat vor 65 Jahren ein Mädchen ihr Leben verloren. Sie galt als großes Schwimmsporttalent.

Bild des Wiederaufbaus: Der Luisenhof auf einer Postkarte von 1961.
Bild des Wiederaufbaus: Der Luisenhof auf einer Postkarte von 1961. © Sammlung H. Naumann

Dresden. Der Luisenhof auf dem Weißen Hirsch gehört zu den wohl bekanntesten Restaurants der Stadt. Seine große Zeit als mondäner Treff hatte der „Balkon Dresdens“, wie der Luisenhof mit der exklusiven Lage über dem Elbtal auch genannt wird, in den 1920er- und 1930er-Jahren. Traurige Berühmtheit erlangte das Haus durch einen Großbrand, der sich dort vor 65 Jahren, am 28. September 1956, ereignete. An den Folgen des Feuers starb die 15-jährige Spitzesportlerin Helga Voigt, die damals als „Wunderkind“ des deutschen Schwimmsport galt.

Helga Voigt, Kind der Betreiberfamilie und DDR-Spitzensportlerin, kam bei dem Feuer ums Leben.
Helga Voigt, Kind der Betreiberfamilie und DDR-Spitzensportlerin, kam bei dem Feuer ums Leben. © Bernhard Braun Stadtmuseum Dresden

Die Katastrophe bahnte sich kurz vor Mitternacht an. Ein Wachmann hatte bei seinem Kontrollgang in der damaligen „HO-Gaststätte Luisenhof“ bemerkt, das Flammen aus einer Abfallkiste in der Küche schlugen. Der 65-Jährige rief den Gaststättenleiter, der noch damit beschäftigt war, die Tageseinnahmen abzurechnen. Die Männer versuchten gemeinsam, mit Wasser zu löschen. Ein Handfeuerlöscher, der vorhanden war, blieb ungenutzt, weil sie ihn nicht zu bedienen wussten. Nach etwa zehn Minuten gaben sie auf und riefen die Feuerwehr. Der Gaststättenleiter informierte die Eigentümer des Hauses, die Familie Voigt, von dem Brand, die im ersten Obergeschoss wohnte. Die Voigts verließ jedoch nicht sofort das Haus, sondern versuchten zunächst ihr Eigentum in Sicherheit zu bringen. Und dann war es zu spät.

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Als die Feuerwehr eintraf, standen Küche, Buffet-Raum und das Durchgangzimmer komplett in Flammen, das Feuer hatte schon die linke Seite des Hauptportals erfasst. Verstärkung wurde angefordert. Das Ehepaar Voigt wurde mit Hilfe einer Drehleiter von der Veranda gerettet. Die beiden Töchter Eva und Helga aber waren verschwunden.

„Die Demokratische Sportbewegung hat ein harter Schlag getroffen“

Deshalb versuchten die Rettungskräfte, durch das Treppenhaus vorzudringen, was wegen der großen Hitze kaum möglich war. Dennoch gelang es den Feuerwehrleuten, kurz hineinzugelangen. Hinter der ersten Eingangstür fanden sie Eva. Sie berichtete, dass sie und ihrer Schwester versucht hätten, über das Treppenhaus ins Freie zu gelangen, und sich in dem dichten Rauch aber verloren hätten. Ein Rettungstrupp von drei Mann stieß trotz der weiter steigenden Hitze noch einmal ins Treppenhaus vor, wo hinter einer zweiten Tür die bewusstlose Helga am Boden lag. Im Krankenhaus konnte ein Arzt nur noch ihren Tod durch Rauchgasvergiftung feststellen.

In der Abfallkiste, wo das Feuer ausgebrochen war, wurden während des Tages gebrauchte Servietten, Zigarettenschachteln und auch Aschenbecher entsorgt. Wie sich herausstellte, hatte deswegen dort schon öfter ein Brand geschwelt.

„Die Demokratische Sportbewegung hat ein harter Schlag getroffen“, schrieb die Sächsische Zeitung zum Tod von Helga Voigt. „Mit uns trauern abertausende Sportler und Bürger aus allen Teilen Deutschlands um die 16-Jährige, die trotz ihrer Jungend viele große Erfolge errang.“

Helga hatte die Begabung von ihrer Mutter, die 1923 bei den Deutschen Meisterschaften in München Mitglied der Meisterstaffel war. Im Alter von erst zwölf Jahren hatte Helga bei Sportwettbewerben der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Bukarest 1953 sensationell die favorisierten Ungarinnen geschlagen und über 200 Meter Brust gesiegt.

Sie war DDR-Meisterin über 100 Meter und 200 Meter Brust. 1954 schwamm sie über 200 Meter DDR-Rekord. 1953 wurde sie als „Meisterin des Sports“ ausgezeichnet. Mit einer Ausnahmegenehmigung durfte sie an den Europameisterschaften in Turin teilnehmen. Oft wurde sie als nettes und bescheidenes Mädchen beschrieben.

Wiedereröffnung im darauffolgenden Jahr

Der Luisenhof war nach Plänen des Dresdner Architekten Richard Friedrich Reuter gebaut und 1895 eröffnet worden. Er wurde nach der damaligen Kronprinzessin Luise von Toscana benannt. Zur gleichen Zeit war die damals noch mit Dampf betriebene Standseilbahn fertig geworden, die als Attraktion galt. Sie brachte die Ausflügler von Loschwitz in die 95 Meter höher gelegene Bergstation am Luisenhof.

1920 übernahm der Geschäftsmann Albin Voigt das Hotel. 1920 und 1925 wurde der Lindengarten an der Elbseite verglast, 1928 die Gasträume erweitert. Nach weiteren Umbauten 1930 verfügte der Luisenhof über die erste elektrische Großküche Dresdens. Ein Fahrstuhl verband Dachterrasse mit Küche. 1932 entstand bei weiteren Umbauten die wohl erste deutsche Tiefgarage mit 30 Stellplätzen auf zwei Etagen, einem hydraulischen Autoaufzug und Tankstelle.

Am 8. Mai 1945 wurde die Gaststätte geschlossen, konnte aber bereits am 1. Juni 1945 wieder eröffnen. Täglich wurden damals 1.000 einfache Gerichte ausgegeben. Allerdings wurde der damalige Inhaber, Hansotto Voigt, genötigt, den Betrieb zu verkaufen oder zu verpachten. Und so wurden die damalige Hotel- und Gaststätten GmbH und später die staatliche Handelsorganisation (HO) Pächter.

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Nach dem Brand 1956 wurde das beschädigte Haus wieder aufgebaut und am April 1957 wieder eröffnet. 1975 übernahm die Handelsorganisation Gaststätten (HOG) für 300.000 DDR-Mark das Anwesen. 1990 wurde es schließlich rückübertragen.

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