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"Woher kommt das Böse in uns?"

Der Strafverteidiger Veikko Bartel hat den Mörder von Marwa El-Sherbini verteidigt. Warum er Verbrechern in die Seele schaut und jetzt Bücher schreibt.

Veikko Bartel gab seinen Traumjob auf und hat nun einen neuen. Der Jurist und Autor tritt demnächst bei den Filmnächten auf.
Veikko Bartel gab seinen Traumjob auf und hat nun einen neuen. Der Jurist und Autor tritt demnächst bei den Filmnächten auf. © Christoph Bastert / PR

Dresden. Rund 40 Tötungsdelikte hat Veikko Bartel im Laufe seiner Tätigkeit als Strafverteidiger verhandelt. Eins davon führte ihn für die Verteidigung des Mörders von Marwa El-Sherbini nach Dresden. Der Russlanddeutsche Alex Wiens hatte die junge Ägypterin 2009 nach ihrer Zeugenaussage im Landgericht erstochen. Zwei Jahre später gab Bartel seinen Beruf auf.

Inzwischen hat er drei Erzählbände geschrieben und unterrichtet an einer Berliner Hochschule Steuerrecht, Verfassungs- und Verwaltungsrecht. Gerade hat der Jurist seinen ersten Roman beendet. Am 18. Juli wird er bei den Filmnächten am Elbufer daraus und aus seinen Erzählungen lesen. Mit der SZ spricht Veikko Bartel über Mörderinnen und Mörder, warum sie töten, wie ihr Verteidiger gestrickt sein muss und was das Ganze mit Menschenliebe zu tun hat.

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Herr Bartel, Sie arbeiten nicht mehr als Strafverteidiger. Konnten Sie die menschlichen Abgründe nicht mehr ertragen?

Alles im Leben hat seine Zeit, und die ist nun einmal vergänglich. Auch die als Strafverteidiger. Ich war montags beruflich in Dortmund, dienstags in Rostock, mittwochs in Passau, donnerstags in Frankfurt am Main und freitags mit viel Glück in Berlin oder Potsdam, wo ich lebe. Dazwischen Termine in Den Haag, Bolivien, Russland, Polen oder Indien. Im Vorwort zu meinem Buch "Mörder" habe ich geschrieben: "Strafverteidigung lebt man oder lässt es bleiben. Sie ist eine Hure, sie frisst dich mit Haut und Haaren. Und weil du das, was du tust, liebst, lässt du dich mit Wonne verschlingen und bemerkst nicht, wie sie dich Stück für Stück verdaut." Leidenschaft für etwas, so schön und wichtig sie ist, hat immer ihren Preis. Bisweilen will und kann man diesen Preis nicht mehr bezahlen. Und zu den menschlichen Abgründen: Nein, damit hatte es nichts zu tun.

Wie finden sich Mörder und Verteidiger?

Oftmals über Mitgefangene. Sie empfehlen den Neuzugängen in Untersuchungshaft Juristen, die sie selbst kennen oder von denen sie gehört haben. Jeder Verdächtige darf einen Rechtsanwalt benennen, von dem er verteidigt werden will. Tut er das nicht, bekommt er einen Pflichtverteidiger zugewiesen.

Je spektakulärer die Fälle, desto mehr Mandate?

Genau das funktioniert nicht. Im Gegenteil. Öffentlichkeitswirksame Mandate sorgen vielmehr dafür, dass Beschuldigte denken, ihr Fall sei zu unbedeutend für diesen Anwalt, der habe bestimmt keine Zeit und sei viel zu teuer. Man braucht aber die vermeintlich kleinen Fälle, um die Miete und die Angestellten im Büro bezahlen zu können. Besonders umfangreiche Verfahren lassen kaum zu, dass der Anwalt noch andere parallel bewältigt, außerdem erwarten die Mandanten zurecht die volle Zuwendung.

Wussten Sie immer, ob ihr Mandant tatsächlich gemordet hat oder nicht?

Ich wollte zumindest immer die Wahrheit wissen.

Warum?

Zum einen, weil mich brennend interessiert, wie es dazu kommen konnte, dass mein Mandant diese letzte Grenze, also diejenige zu töten, überschritten hat. Ich habe mich immer gefragt: Woher kommt das Böse in uns? Warum bricht es bei dem einen aus, bei dem anderen nicht? Zum Anderen: Man muss als Verteidiger die Wahrheit wissen, um die richtige Verteidigungsstrategie entwickeln zu können. Man muss doch wissen, welche Frage man wem stellen kann und welche man auf keinen Fall stellen darf.

Damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt?

Wahrheit? Ein großes Wort. Im Strafverfahren geht es aus Sicht des Verteidigers nicht um Schuld und Unschuld im philosophischen Sinn. Die Frage, was wahr ist, stellt sich im Strafverfahren gar nicht. Es geht um eine völlig andere: Gibt es auf Grundlage des Gesetzes genügend Beweise, legal erlangte Beweise, um den Angeklagten schuldig sprechen zu können? Alles andere wäre Willkür. Deshalb ist ein Urteil, mit dem ein Angeklagter freigesprochen wird, weil ihm die Tat, auch wenn er sie begangen hat, nicht nachzuweisen war, niemals ein ungerechtes Urteil.

Was macht einen guten Strafverteidiger aus?

Die Frage bekomme ich auf meinen Veranstaltungen fast immer gestellt. Es sind - mit Augenzwinkern - drei Dinge: Ein gewisser Fanatismus, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, und er muss einen abgrundtiefen Glauben an das Gute im Menschen haben. Das dritte meine ich ohne Augenzwinkern.

Obwohl er täglich mit dem Schlechten zu tun hat?

Kein Mensch ist grundhaft schlecht. Kein Mensch wird zum Täter, ohne dass es dazu eine Vorgeschichte gibt. Jedes kriminelle Handeln hat seine Ursachen, und die liegen in den Biografien. Sie resultieren aus Bildung, Erziehung, Prägung durch Familie und Gesellschaft. Wer von Kindheit an erfährt, dass Gewalt ein geeignetes Mittel zur Konfliktbewältigung ist, wird auch später Gewalt ausüben. Damit ist kein Tötungsverbrechen zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Glauben Sie mir, ich habe nach dem durch und durch Bösen gesucht. Ich habe es nicht gefunden.

Einen anderen Menschen planvoll ums Leben zu bringen, ist nicht das Böse?

Doch, natürlich ist es das. Aber ich denke, dass es "das Böse" schlechthin nicht gibt.

Zu wissen, warum der Mörder ein Mörder wurde - was hilft das dem Opfer und seinen Angehörigen?

Gar nicht. Es lindert keinen Schmerz. Damit müssen sich Hinterbliebene nicht beschäftigen. Sie müssen nicht objektiv sein. Aber wir müssen es, die Justiz muss es, und die Gesellschaft sollte es auch. Denn wie können wir aus solch schrecklichen Geschehnissen lernen, wenn uns nicht interessiert, wie es dazu kommen konnte? Statt Lehren zu ziehen, wundern sich alle immer nur. Dabei ist rein gar nichts verwunderlich.

Haben Sie erlebt, dass Betroffene Verständnis für den Täter hatten?

Indirekt. In Marienberg war vor Jahren ein Mitte-20-Jähriger völlig grundlos, unsinnig und brutal so zusammengeschlagen worden, dass er fürs ganze Leben geschädigt wurde. Ich habe einen der Täter verteidigt. Während der Verhandlung ging der Vater des jungen Mannes auf mich los und schrie mich an: "Ich weiß nicht, wen ich mehr hasse, Sie oder Ihren Mandanten!" Da zog ihn sein Sohn zurück auf den Stuhl und sagte: "Papa, lass, er macht doch nur seine Arbeit." Das hat mich sehr berührt.

Sie haben Marwa El-Sherbinis Mörder verteidigt. Was von dem Prozess ist Ihnen besonders hängengeblieben?

Die Stimmung rund um das Strafverfahren war politisch extrem aufgeheizt. Ich bekam Morddrohungen, vor den Schulen meiner Kinder standen über Wochen Polizeistreifen. In Dresden bekam ich kein Hotelzimmer. Immer wurde ich gefragt, ob ich der Herr Bartel sei, der Marwas Mörder verteidige. Die Betreiber hatten Morddrohungen bekommen, für den Fall, dass sie mich beherbergen. Ich habe mir schließlich unter fremden Namen eine Ferienwohnung genommen. Plötzlich war ich, dessen Herz nun wahrlich links schlägt, in der ganzen Republik der "Nazi-Anwalt". Dieser Prozess ist auch mal noch ein Romanstoff für mich.

Warum töten Menschen?

Aus Liebe, aus Hass und aus Gier.

Wer mordet häufiger - Frauen oder Männer?

Männer. Aus meiner Erfahrung würde ich schätzen, dass das Verhältnis etwa 15 zu 85 Prozent beträgt. Frauen morden seltener, aber hinterhältiger als Männer, das hat mit dem körperlichen Kräfteverhältnis zu tun. Männer sind stärker und haben zudem eine niedrigere Hemmschwelle.

Mörder gehörten zu ihrem Berufsalltag. Haben Sie Anfragen auch mal abgelehnt?

Unter den 3.500 bis 4.000 Mandaten, die ich verteidigte, waren höchstens sechs Sexualstrafdelikte. Damit wollte ich nie was zu tun haben, schon gar nicht, wenn es um Kinder geht. Ich weiß, dass das irrational ist.

Wovon handelt Ihr erster Roman, an dem sie gerade arbeiten?

Er ist schon fertig und wird voraussichtlich im Herbst erscheinen. Darin erzähle ich von einem Familienvater mit drei kleinen Kindern, der den Liebhaber seiner Frau umgebracht haben soll, und dafür auch verurteilt wurde. Außerdem handelt er von einer Frau, die über Nacht und scheinbar grundlos zur Kleptomanin wurde, und keinen interessierte, warum das passiert ist. Es geht also um die Geschichte zweier Fehlurteile. Beide habe ich verteidigt.

Was erwartet Ihr Publikum zur Lesung bei den Filmnächten am Elbufer?

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Ich werde meine Zuhörer mit auf eine Reise durch ein solches Mandat nehmen. Wie beginnt es? Wie fühlt es sich an, mit einem Mandanten über das Töten zu sprechen? Was bewog die Menschen in meinen Büchern zu töten? Die Mutter, die ihr Baby umbrachte. Der friedvolle Finanzbeamte, der einen Doppelmord beging. Die Frau, die ihre über 50-jährige Ehe mit 23 Messerstichen beendete. Meine Zuhörer werden auch erfahren, dass es - so makaber es klingen mag - Tötungsdelikte gibt, bei denen man herzlich lachen muss. Und wenn ich schon auf der Bühne bin, nehme ich mir das Privileg heraus, auch ein wenig Musik zu machen.

Veikko Bartel liest am 18. Juli, 18 Uhr, bei den Filmnächten am Elbufer. Tickets und Informationen über weitere Termine gibt es an allen Vorverkaufsstellen und unter www.veikko-bartel.de.

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