merken
PLUS Dresden

Corona und Schule: "Meine Tochter schläft bis mittags"

Eine Woche Schule, eine Woche Kinderzimmer: Unter Dresdner Eltern und Kindern wächst der Frust über den Wechselunterricht. Wann ist er zu Ende?

Die Dresdner Klassenzimmer sollen sich wieder füllen, finden Lehrer und Eltern.
Die Dresdner Klassenzimmer sollen sich wieder füllen, finden Lehrer und Eltern. © dpa/Sven Hoppe

Dresden. Täglich morgens aufstehen, zur Schule fahren, gemeinsam in der Klasse lernen - ein geregelter und strukturierter Alltag ist für viele Dresdner Schüler derzeit nicht drin. Ab Klasse fünf werden sie seit Ende vergangenen Jahres im Wechselmodell unterrichtet. Dabei sind die Klassen geteilt, die Gruppen besuchen abwechselnd den Präsenzunterricht. Wer gerade nicht ins Klassenzimmer darf, muss die Aufgaben daheim erledigen. In vielen Kinderzimmern klingelt der Wecker jedoch sehr viel später als die Glocke in der Schule.

"Meine Tochter schläft bis mittags", berichtet eine alleinerziehende Mutter, die voll arbeiten geht und morgens das Haus verlässt. Ihre Zwölfjährige besucht eine Dresdner Oberschule und ist zwei beziehungsweise drei Tage in der Woche in der Schule. "An den anderen Tagen macht sie kaum etwas." Die Mutter ist verzweifelt und hofft, dass ihr Kind so schnell wie möglich wieder richtig zur Schule gehen kann.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Neue Corona-Regeln ab Montag

Auch andere Eltern und ihre Kinder werden langsam ungeduldig und fragen sich angesichts der sinkenden Zahlen und uneingeschränkt geöffneten Grundschulen, warum nicht auch die weiterführenden Schulen in den eingeschränkten Regelbetrieb zurückkehren können.

Nun steht fest: Liegt die Wocheninzidenz in Dresden an fünf aufeinanderfolgenden Werktagen unter 50, dürfen ab dem übernächsten Tag wieder alle Dresdner Schüler täglich in die Schulen. Eine Teilung der Klassen ist dann nicht mehr nötig, unterrichtet wird in allen Fächern. In den Grundschulen kann der Fokus weiterhin auf die Kernfächer gelegt werden, um die Grundlagen zu sichern. Das entscheidet jede Schule selbst.

Weiterhin nicht erlaubt sind Klassenfahrten, allerdings stellt das Kultusministerium in Aussicht, dass das mit der nächsten Corona-Schutz-Verordnung ab dem 14. Juni wieder möglich sein könnte. Die Testpflicht zweimal wöchentlich und die bisher geltenden Regeln zum Tragen des Mundschutzes bleiben bestehen. Die aktuelle Corona-Schutz-Verordnung gilt ab 31. Mai.

Vorgestellt wurden die neuen Regelungen nach der Kabinettspressekonferenz am Mittwochmittag. Keineswegs zu früh, schaut man sich die Wocheninzidenz in Dresden an: Zum Mittwoch ist sie das erste Mal seit Februar wieder unter die Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gerutscht. Hält der Trend an, könnte ab kommenden Mittwoch weiter gelockert werden.

"Langsam werden alle dünnhäutiger"

Die klare Aussicht auf den vollen Präsenzunterricht für alle Schüler ist dringend nötig, sagt Jens Reichel. Der Schulleiter des Gymnasiums Bürgerwiese berichtet von getrübter Stimmung in den Familien. "Langsam werden alle ein wenig dünnhäutiger", sagt er. Alle würden den Präsenzunterricht herbeisehnen, denn es fehle einfach die Zeit und die Möglichkeit, den Stoff zu vertiefen.

"Es geht ja nicht nur darum, möglichst viel Stoff herunterzurattern, sondern die Schüler müssen diesen üben und wiederholen." Solange die Kinder im Wechselunterricht seien, könne er auch keine Exkursionen oder Klassenfahrten anbieten, so Reichel. Auch das fehle. "Unseren Eltern bereitet auch die Maskenpflicht Sorge. Wir würden uns wünschen, wenn wir den Kindern diese in großen, gut gelüfteten Räumen nicht den ganzen Tag zumuten müssten."

Laut der Schulleitung des Bertolt-Brecht-Gymnasiums seien für das aktuelle Schuljahr bereits Lehrplananpassungen durch das Kultusministerium herausgegeben worden. Für den Abiturjahrgang 2022 seien Themen- und Lernbereiche festgelegt worden, die keinen Schwerpunkt in den schriftlichen Abiturprüfungen mehr darstellen werden, heißt es.

Nach Möglichkeit sollen diese Themen aber behandelt werden und Bestandteil der mündlichen Prüfungen sein. Für das kommende Schuljahr würde das Ministerium gerade Lehrplananpassungen für die unteren Klassen erarbeiten, die dann in den Sommerferien veröffentlicht werden sollen.

Elternrat kritisiert ungleiche Behandlung von Biergärten und Schulen

Matthias Dietze, selbst Lehrer und CDU-Bildungsexperte, betont, das Wechselmodell habe die Schulen gut durch den Lockdown gebracht. Es sei während dieser Zeit zur gefühlten Normalität geworden. "Es hat aber auch zu unterschiedlichen Lernständen innerhalb der Klassen geführt", sagt Dietze und fragt: "Wie soll im neuen Schuljahr ein gemeinsamer Lernstand innerhalb der Klassenstufen hergestellt werden, wenn dies noch nicht einmal innerhalb der gleichen Klasse gegeben ist?" Die Schulen müssten jetzt schnellstmöglich wieder in den regulären Betrieb kommen, auch wenn dies kurz vor Schuljahresende erneut zu Unruhe in den Abläufen führe.

Die Unzufriedenheit verstärke sich, wenn man auf die Straßen schaut, sagt Elternratschef Martin Raschke. Vielen Eltern könnten nicht verstehen, warum die Biergärten in Dresden wieder offen sind, die Kinder aber nach wie vor im Wechselunterricht lernen. "Das ist surreal und die Folgen werden wir ausbaden müssen", so Raschke. Die Frage sei nicht mehr, ob die Kinder Wissenslücken haben, sondern wie groß diese seien. "Wir verlieren die Kinder, die den Präsenzunterricht dringend als Motivation brauchen."

Schülerrat: Es wird immer schwerer, zu Hause zu lernen

Es sind nicht nur die Eltern und Lehrer, die das so sehen. "Dass Shoppen und Gastronomie Vorrang vor Bildung hat, ist sehr enttäuschend für uns", sagt die Dresdner Schülersprecherin Joanna Kesicka. Für viele Schüler sei es immer schwerer, sich den Stoff allein zu Hause zu erarbeiten. "Außerdem geht es in der Schule nicht nur darum, zu lernen, sondern auch seine Freunde zu treffen, das fehlt." Kesicka findet, dass alles dafür getan werden müsse, die Infektionszahlen zu senken, damit die Schüler wieder ihren vollen Präsenzunterricht bekommen.

Weiterführende Artikel

Corona: 24 Neuinfektionen in Sachsen

Corona: 24 Neuinfektionen in Sachsen

Ein Drittel der Deutschen komplett geimpft, Inzidenz in Sachsen sinkt, Reise zu Spiel Deutschland gegen England nicht möglich - der Newsblog.

Was hinter Schlafwandeln steckt

Was hinter Schlafwandeln steckt

Vor allem Kinder stehen nachts auf und wandeln umher. Erwachsene, die schlafwandeln oder nachts sehr unruhig sind, sollten die Ursache abklären lassen.

Inzidenz unter 50: War es das mit Corona?

Inzidenz unter 50: War es das mit Corona?

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist deutlich gefallen - und liegt nun unter dem politisch wichtigen Wert von 50. Woran das liegt und was es bedeutet.

Kinder verbreiten weniger Aerosole

Kinder verbreiten weniger Aerosole

Forscher haben in einer Corona-Studie untersucht, wie viele Partikel Kinder beim Sprechen und Singen ausstoßen.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden