SZ + Dresden
Merken

"Meine Narben gehören zu mir"

Die Dresdnerin Elisabeth Hoffmann will Miss Germany werden und unterstreichen, warum die Wahl inzwischen viel mehr als ein Schönheitswettbewerb ist.

Von Henry Berndt
 4 Min.
Teilen
Folgen
"Die Malerei war ein Ventil in der Krise": Elisabeth Hoffmann verfolgt mit der Misswahl eine Mission.
"Die Malerei war ein Ventil in der Krise": Elisabeth Hoffmann verfolgt mit der Misswahl eine Mission. © Sven Ellger

Dresden. Es ist noch nicht so lange her, da mussten die Bewerberinnen für den Miss-Germany-Titel in Stöckelschuhen ihre Abendkleider präsentieren und auch in Bademode auf der Bühne überzeugen. Mit der aus Dresden stammenden Miss Germany Nadine Berneis wurde vor zwei Jahren der Wandel eingeleitet. Als erstes fiel die Bikini-Runde weg.

Inzwischen ist der Wettbewerb kaum noch wiederzuerkennen und soll ausdrücklich nicht mehr als Schönheitswettbewerb verstanden werden. "Wir geben Frauen eine Bühne, die die Welt verändern, sie mit Haltung, Überzeugung und Persönlichkeit prägen und Verantwortung übernehmen", heißt es nun von den Organisatoren. "Dabei empowern, inspirieren und unterstützen wir Frauen mit ihren individuellen Lebensgeschichten und einzigartigen Persönlichkeiten."

Die Kandidatinnen verkörpern nun völlig unterschiedliche Rollen: Mütter, Umwelt-Aktivistinnen, People of Color, Künstlerinnen, Sportlerinnen, Gamerinnen. Auch Plus-Size-Models und Transgender gehören dazu und statt mit Makellosigkeit versuchen sie alle mit ihrer Persönlichkeit und ihren Diensten an der Gesellschaft zu überzeugen.

In Hamburg wurde Elisabeth Hoffmann Ende September beim ersten Fotoshooting für die Miss-Germany-Wahl in Szene gesetzt.
In Hamburg wurde Elisabeth Hoffmann Ende September beim ersten Fotoshooting für die Miss-Germany-Wahl in Szene gesetzt. © PR/Stephan Glathe

Elisabeth Hoffmann ist froh über diese Entwicklung, denn die 32-jährige Dresdnerin mit Wurzeln im Vogtland kann sich noch gut daran erinnern, wie sehr die Optik einst im Mittelpunkt von Misswahlen stand. 2007 wurde sie zur "Miss Schwarzenbach" gekürt, nachdem Freunde sie angemeldet hatten. "Ich war damals nicht sehr selbstbewusst", sagt sie. "Da hat mir das geholfen." Es folgten unter anderem Titel als "Miss Leipzig" und "Miss Weltcup". 2015 qualifizierte sie sich als "Miss Sachsen" für den Bundesausscheid zur Miss Deutschland - der wiederum nichts mit der Miss-Germany-Wahl zu tun hat.

Nach den eher negativen Erlebnissen dort war es für Elisabeth Hoffmann lange Zeit ausgeschlossen, noch einmal an einer Misswahl teilzunehmen. Jetzt aber fühle es sich wieder richtig an.

"Die früheren Wahlen habe ich immer zwiespältig gesehen, mir neben dem Studium aber mit dem Modeln Geld dazu verdient", sagt sie. "Deswegen erschien mir das einfach zweckmäßig." Sie studierte Kommunikationsdesign und brachte es nebenbei als Model auf verschiedene Magazin-Cover und bis zur Fashion Week nach Berlin.

Hinter der Wahl zur Miss Germany 2021 stehe sie nun zum ersten Mal voller Überzeugung. Als eine von 160 Finalistinnen von ursprünglich mehr als 12.000 Bewerberinnen durfte Elisabeth vor drei Wochen mit zum ersten Treffen nach Hamburg, wo professionelle Visagisten und Fotografen sie in Szene setzten. Damit ist sie eine von nur zwei verbliebenen sächsischen Kandidatinnen.

Persönlichkeit statt Makellosigkeit: Elisabeth Hoffmann geht es nicht um die Schärpe.
Persönlichkeit statt Makellosigkeit: Elisabeth Hoffmann geht es nicht um die Schärpe. © privat

Die klassischen Vorausscheide in den Bundesländern gibt es nicht mehr. Stattdessen entscheiden nun eine Jury und Onlinenutzer in einem recht komplexen Modus gemeinsam. Online zur Abstimmung stehen dabei immer nur einige der Frauen gleichzeitig. In der Runde vom 25. Oktober bis 1. November wird Elisabeth Hoffmann dabei sein. Jeder Nutzer darf in diesem Zeitraum einmal täglich für seine Favoritin abstimmen. Nach mehreren Zwischenrunden ist das Finale für Februar im Europa-Park in Rust geplant.

"Nicht nur der Modus der Wahl und die Kriterien haben sich verändert", sagt Elisabeth. "Es ist inzwischen auch zweitrangig, wer am Ende ganz vorn landet. Zickenkriege wie früher gibt es nicht mehr. Wir sind eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stärkt."

Jede Frau habe ihr eigene Botschaft, für die sie um Aufmerksamkeit werbe. Sie selbst wolle sich für psychische Gesundheit stark machen, weil sie ihre eigenen Erfahrungen damit machen musste. Zuletzt drohte ihr im Corona-Lockdown allein mit ihrem geliebten Kater Moon zu Hause die Decke auf den Kopf zu fallen. Im Frühjahr kaufte sie sich deshalb spontan Leinwände und malte drauflos. Ganz neu entdeckt habe sie ihr Talent dabei nicht. Schon als Kind habe sie viel gezeichnet. "In der Krise war die Malerei ein wichtiges Ventil für mich und hat mir viel Kraft gegeben."

"Meine Narben gehören zu mir"

Nun will Elisabeth auch andere inspirieren. Ihre eigene kleine Galerie im Dormero City Hotel auf der Kreischaer Straße kann die Woche über täglich kostenlos besichtigt werden. Inzwischen träumt sie davon, irgendwann ein Atelier zu eröffnen und von ihrer abstrakten Kunst leben zu können.

"Ich war in meinem Leben schon ganz unten, litt unter meinem angeborenen Hüftschaden und zeitweise an Depressionen." Sich aus diesem Loch allein herauszukämpfen, habe sie stark gemacht. "Ich dachte immer: Für irgendetwas muss es doch gut sein, was ich erlebt habe. Jetzt weiß ich es. Ich will zeigen, dass hinter einem schönen Lächeln nicht alles perfekt sein muss. Meine psychischen Narben gehören zu mir."

Fast wird es ein bisschen viel, wenn sie vom Kinderheim in Nepal erzählt, in dem sie arbeitete, vom Müllsammeln an der Elbe und vom Dresdner Frauenhaus, dem sie die Einnahmen für ihre ersten verkauften Kunstwerke spendete.

Doch Elisabeth Hoffmann hat keine Angst zu übertreiben. Jahrzehntelang hätten Dinge wie diese bei der Wahl zur Miss Germany keine Rolle gespielt. Da müsse jetzt doch wohl einiges aufgeholt werden.