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Neue Perspektiven für Dresdens Trinkwasser

Sachsen-Energie saniert Dresdens größten Wasserspeicher auf der Räcknitzhöhe. Worauf es dabei besonders ankommt.

Von Peter Hilbert
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Ein Blick in Dresdens größten Wasserspeicher auf der Räcknitzhöhe. Neu beschichtet ist die Decke dieser und der benachbarten Kammer, die knapp sechs Meter hoch ist. Ab November soll sie wieder mit Trinkwasser befüllt werden.
Ein Blick in Dresdens größten Wasserspeicher auf der Räcknitzhöhe. Neu beschichtet ist die Decke dieser und der benachbarten Kammer, die knapp sechs Meter hoch ist. Ab November soll sie wieder mit Trinkwasser befüllt werden. © Marion Doering

Dresden. Die Sachsen-Energie hat auf der Räcknitzhöhe eine weitere große Aufgabe fast geschafft. Unter der begrünten Oberfläche liegt der Trinkwasserhochbehälter Räcknitz mit seinen riesigen unterirdischen Hallen. Die Anlage wird seit 2019 schrittweise saniert. Das ist eine der großen Sachsen-Energie-Baustellen, die sehr wichtig sind. Schließlich braucht Dresden immer mehr Trinkwasser.

Die diesjährigen Arbeiten sind fast abgeschlossen. Derzeit werden noch die letzten Prüfungen ausgeführt. Geplant ist, den Hochbehälter bis Anfang Dezember wieder Betrieb zu nehmen, erklärt Projektleiter Martin Kayser von der Sachsen-Energie.

Projektleiter Martin Kayser von der Sachsen-Energie freut sich, dass sich der große zusätzlich Aufwand gelohnt hat. Mit der Prüfung der Zugfestigkeit an der Hallendecke hat die neue Beschichtung ihren Stresstest bestanden.
Projektleiter Martin Kayser von der Sachsen-Energie freut sich, dass sich der große zusätzlich Aufwand gelohnt hat. Mit der Prüfung der Zugfestigkeit an der Hallendecke hat die neue Beschichtung ihren Stresstest bestanden. © Marion Doering

Der Verbrauch: Jahresrekord im Juni

Die Sachsen-Energie investiert viel für die Trinkwasser-Anlagen in der Großstadt. Dass sie wächst, ist auch am Verbrauch spürbar. Wurden 2011 täglich im Durchschnitt noch rund 102.000 Kubikmeter Trinkwasser verbraucht, so waren es 2015 bereits 112.000 Kubikmeter. Im vergangenen Jahr flossen bereits täglich im Durchschnitt 124.689 Kubikmeter zu den Verbrauchern. Der diesjährige Verbrauchsrekord wurde am 18. Juni mit knapp 162.493 Kubikmetern erreicht, erklärt Sachsen-Energie-Sprecherin Viola Martin-Mönnich.

Der Trend liegt hauptsächlich an der Industrie, die stark wächst. So hat Bosch seine neue Mikrochipfabrik im Rähnitzer Gewerbegebiet Airportpark eröffnet. Schon jetzt benötigt die gesamte Mikroelektronikbranche im Dresdner Norden so viel Wasser, wie das Tolkewitzer Werk aufbereiten kann. Rund 58 Prozent des Wassers verbrauchen Haushalte und Kleingewerbetriebe, etwa 36 Prozent Industrie und Gewerbe. Der Rest wird für öffentliche Einrichtungen, Gärten und die Landwirtschaft benötigt.

Das System: 35 Hochbehälter in Dresden

Aufbereitet wird das als Lebensmittel eingestufte Trinkwasser in den Werken Coschütz, Hosterwitz und Tolkewitz und dann in Hochbehältern gespeichert. Mit seinen acht unterirdischen Kammern ist der Räcknitzer der größte der 35 Hochbehälter. Insgesamt können dort 60.000 Kubikmeter Wasser gespeichert werden. Das ist etwa ein Viertel des gesamten Fassungsvermögens aller Dresdner Hochbehälter. Versorgt wird damit das linkselbische Dresdner Stadtgebiet zwischen Prohlis und Cossebaude. Diese Räcknitzer Anlage wurde 1929 übergeben.

Der Fortschritt: Vier Speicherkammern bereits saniert

Mit der Sanierung des Hochbehälters war 2019 begonnen worden. Er verfügt über vier Doppelkammern. Sie bestehen jeweils aus zwei 60 Meter langen und 5,8 Meter hohen unterirdischen Hallen mit insgesamt 174 Säulen. Beauftragt wurde die Dresdner Niederlassung der Firma Wiedemann. Die erste Doppelkammer war 2019 saniert, die zweite 2020. Die Decken der über 90 Jahre alten Bauwerke wurden dabei neu beschichtet. In diesem Jahr ist die dritte Doppelkammer an der Reihe gekommen. Im März hatten die ersten Vorbereitungen begonnen.

Der Zusatzaufwand: Viel mehr Spezialmörtel nötig

Zum Auftakt zeigte sich wieder ein erhebliches Problem. Der Mörtel auf der insgesamt 3.100 Quadratmeter großen Deckenfläche, was der Größe eines Fußballfeldes entspricht, war mit einem Höchstdruck von 2.000 Bar entfernt worden. Das erläutert der Dresdner Wiedemann-Niederlassungsleiter Toralf Schuppan, der das Projekt auch leitet. „Die Qualität des alten Betons war schlecht“, sagt er. Wie bereits bei den anderen Kammern hatten die Decken in einigen Bereichen nicht mehr die nötige Zugfestigkeit von 1,5 Newton pro Quadratmillimeter. An solche Bauwerke werden extrem hohe Anforderungen gestellt. Schließlich entspricht der geforderte Wert umgerechnet einer Gewichtskraft von 65 Kilogramm auf der Fläche einer Ein-Euro-Münze.

Projektleiter Toralf Schuppan von der Firma Wiedemann im Durchgang zwischen den beiden Wasserkammern. Die Sanierung ist abgeschlossen. Noch diesen Monat soll die Baustelle komplett beräumt werden.
Projektleiter Toralf Schuppan von der Firma Wiedemann im Durchgang zwischen den beiden Wasserkammern. Die Sanierung ist abgeschlossen. Noch diesen Monat soll die Baustelle komplett beräumt werden. © Marion Doering

Festgelegt wurde, zusätzliche Stahlbewehrungsmatten aufzubringen, die mit Stahlstiften in der Decke verankert wurden. Mit Spritzdüsen war bis September einer etwa fünf Zentimeter starken Schicht Spezialmörtel auf die Decke aufgetragen worden, der den hohen Anforderungen einer Trinkwasseranlage entspricht. Wäre die Decke in besserem Zustand gewesen, hätten 300 Tonnen dieses Mörtels ausgereicht, erklärt Sachsen-Energie-Projektleiter Kayser. Durch die zusätzlichen Bewehrungsmatten waren 500 Tonnen nötig. Das waren 20.000 jeweils 25 Kilo schwere Säcke dieses Spezialmörtels. Übereinander gestapelt wären sie weit höher als der Fichtelberg gewesen. Die neue Schicht auf der Decke ist nach einem knappen Monat jetzt ausgehärtet.

Die Prüfung: Gerät misst Spitzenwerte

Zum Schluss prüft Oberpolier Ronald Lenk derzeit mit seinem Haftzugmessgerät die Zugfestigkeit der Betonschicht. Dafür klebt der 61-jährige Fachmann insgesamt 24 Prüfstempel in beiden Hallen an die Decke. Der Thüringer zählt zum Urgestein der Dresdner Wiedemann-Niederlassung. Er ist seit ihrer Gründung mit dabei. Die Prüfung in der ersten Kammer ist bereits abgeschlossen. Die Werte liegen zwischen 2,88 und über fünf Newton je Quadratmillimeter und sind damit deutlich höher als die vorgeschriebenen 1,5 Newton.

Mit dem Messgerät prüft Oberpolier Ronald Lenk die Zugfestigkeit der neu beschichteten Hallendecke.
Mit dem Messgerät prüft Oberpolier Ronald Lenk die Zugfestigkeit der neu beschichteten Hallendecke. © Marion Doering

Lenk erwartet, dass es in der zweiten Kammer nicht anders wird. Als die SZ auf seinem hohen Gerüst beim Test des zweiten Stempels mit dabei ist, zeigt das Messgerät einen Wert von 3,74 Newton. Bis Ende dieses Monats werden die Hallen beräumt.

Mit 3,74 Newton pro Quadratmillimeter zeigt das Gerät mehr als das Doppelte der geforderten Zugfestigkeit.
Mit 3,74 Newton pro Quadratmillimeter zeigt das Gerät mehr als das Doppelte der geforderten Zugfestigkeit. © Marion Doering

Der Abschluss: Labortest im November

Anfang November beginnt ein Spezialteam der Sachsen-Energie, die Kammern mit Wasserstrahlern etwa zwei Wochen lang zu reinigen und letztlich zu desinfizieren, erläutert Projektleiter Kayser den nächsten Schritt. Danach werden sie zu einem Drittel mit Wasser befüllt. Das Coschützer SachsenEnergie-Labor testet dann Wasserproben. Wenn es die Freigabe erteilt, kann die Doppelkammer langsam befüllt und Anfang Dezember in Betrieb genommen werden.

Die Perspektive: Sanierungsfinale 2022

2022 sollen dann die letzten beiden Kammern des riesigen unterirdischen Speichers an die Reihe kommen. Die Arbeiten sollen im März beginnen, kündigt Kayser an. Insgesamt investiert die Sachsen-Energie rund 4,3 Millionen Euro für die Sanierung des gesamten Hochbehälters.