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Die Knochen schwinden, die Hoffnung nicht

Osteoporose ist eine der zehn häufigsten Erkrankungen. Hinter jeder Diagnose steckt ein Schicksal, wie das von Brigitte Streckhardt. Vier Operationen - und nun?

In guten wie in schlechten Zeiten: Brigitte Streckhardt und ihr Mann Peter meistern voller Kraft und Liebe die Herausforderungen, die die Krankheit ihnen abverlangt.
In guten wie in schlechten Zeiten: Brigitte Streckhardt und ihr Mann Peter meistern voller Kraft und Liebe die Herausforderungen, die die Krankheit ihnen abverlangt. © Marion Doering

Dresden. Als Seelenachse des Menschen wird sie bezeichnet - die Wirbelsäule. Sie hält den Körper aufrecht, der Kopf ruht auf ihr, und wenn sie krank wird, ist das meistens mit Schmerzen verbunden. Brigitte Streckhardt hatte schon viel zu viele davon. Innerhalb zweier Jahre wurde sie viermal operiert. Immer wieder brachen Wirbel und mussten mit aufwändigen Eingriffen stabilisiert werden.

Was der Volksmund "Knochenschwund" nennt, hat den Fachbegriff Osteoporose. Dabei baut sich die Knochensubstanz beständig ab, lässt Knochen und Gelenke brüchig werden. Dass Brigitte Streckhardt daran leidet, weiß sie seit rund vier Jahren. Damals begannen Rückenschmerzen, sie zu plagen. Der bis dahin aktiven und beweglichen Frau fielen alltägliche Handgriffe immer schwerer. "Ich habe stundenweise in einem Hotel gearbeitet. Dort die Betten zu beziehen, tat im Rücken so sehr weh, dass ich es nicht mehr aushalten konnte", erzählt sie.

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Zusammen mit ihrem Mann Peter führte die heute 73-Jährige früher ein Teegeschäft. Später bot sie Nähservice und andere Handarbeiten an. Auch privat war das Paar immer aktiv. "Wir sind viel gewandert und Fahrrad gefahren, im Rentenalter dann zusätzlich regelmäßig ins Fitnessstudio gegangen." Trotz des auf ihre Rückenbeschwerden abgestimmten Trainingsprogramms wurden die Schmerzen heftiger. Schließlich stellten Ärzte am Städtischen Klinikum Dresden Friedrichstadt die ersten Wirbelbrüche fest und versteiften zwei Lendenwirbel.   

Not-OP mitten in der Nacht

Brigitte Streckhardt hat mit ihrem Mann, den beiden gemeinsamen Töchtern, dem eigenen Geschäft viel geleistet und sich in allen Lebenslagen wieder aufgerichtet. So auch nach ihrer Operation. Doch sie sollte nur einige Monate Ruhe haben, dann brach der nächste Wirbel und zog einen Bandscheibenvorfall nach sich. Erneut mussten die Mediziner Wirbel verfestigen, und wieder freute sich ihre Patientin über Linderung. Doch nur für kurze Zeit.

Seit 2009 arbeitet Dr. Matthias Beck an der Friedrichstädter und ist Experte für orthopädische Chirurgie und gehört zum interdisziplinären Team des Osteoporosezentrums.
Seit 2009 arbeitet Dr. Matthias Beck an der Friedrichstädter und ist Experte für orthopädische Chirurgie und gehört zum interdisziplinären Team des Osteoporosezentrums. © Marion Doering

Dr. Matthias Beck, Experte für spezielle orthopädische Chirurgie, erinnert sich noch gut an die extrem bedrohliche Situation, in der Brigitte Streckhardts Leiden gipfelte. Mit einem weiteren schweren Bandscheibenvorfall und unmenschlichen Schmerzen kam sie erneut ins Städtische Klinikum Friedrichstadt, das auf die Behandlung von Osteoporose und deren Folgeschäden spezialisiert ist. "Wir mussten Frau Streckhardt mitten in der Nacht notoperieren", erzählt der 40-Jährige. Die Lage galt als so akut, weil bereits das linke Bein gelähmt war. Nur ein schnelles Eingreifen konnte dafür sorgen, Brigitte Streckhardt vor dem Rollstuhl zu bewahren. Kommt Hilfe zu spät, wird die Lähmung zum irreparablen Zustand.

Wenn die Seniorin nun alle sechs Wochen zur Nachsorge in die Klinik kommt, stützt sie sich beim Gehen auf zwei Nordic Walking Stöcke. "Die benutze ich viel lieber als den Rollator", sagt sie, und Dr. Beck pflichtet ihr bei. Die Stöcke animieren zum aufrechten Gang, eine Haltung, die deutlich gesünder ist. "Ich mache auch ganz fleißig meine physiotherapeutischen Übungen", sagt Brigitte Streckhardt.

Ohne ihren großen Willen, ohne therapeutische Begleitung, ohne ihren Mann und die ganze Familie wäre Brigitte Streckhardt wohl nicht so weit gekommen. Peter Streckhardt hat auch zu diesem Arzttermin einen dicken Ordner mitgebracht. Darin bewahrt er alle Befunde seiner Frau auf und hat gleich ein Röntgenbild zur Hand. Deutlich darauf zu sehen: zahlreiche lange Schrauben, die die Wirbelkörper stabilisieren. Die Not-OP war nicht der letzte Eingriff. Im Juni musste seine Frau zum vierten Mal operiert werden.

Die verflixte Schwerkraft

"Aber sie ist sehr tapfer, auch wenn das alles manchmal deprimiert", sagt Peter Streckhardt und lächelt seiner Frau zu. "Jeden Morgen legt er mir meine Tabletten neben die Kaffeetasse", erzählt sie, und es klingt Dankbarkeit mit. Nicht zuletzt deshalb hat sie nie ihren Humor verloren: "Sie glauben gar nicht, wie viele Dinge auf den Boden fallen, sobald man sich nicht mehr gut danach bücken kann", sagt sie. Beim Aufheben hilft ihr nun ein Müllgreifer am Stab. Strümpfe anziehen und Schnürsenkel binden, auch dafür hat sie ihre Tricks und Kniffe. Gern nimmt Brigitte Streckhardt Tipps der Ärzte und Therapeuten an, wie zum Beispiel, bei Arbeiten im Stehen ein Bein auf einer Fußbank höher zu lagern. "Das entlastet und wirkt wirklich Wunder."  

Dank ihrer Nordic Walking Stöcke fühlt sich Brigitte Streckhardt sicherer zu Fuß. Mit ihrem Mann Peter unternimmt sie nun auch immer längere Spaziergänge.
Dank ihrer Nordic Walking Stöcke fühlt sich Brigitte Streckhardt sicherer zu Fuß. Mit ihrem Mann Peter unternimmt sie nun auch immer längere Spaziergänge. © Marion Doering

Osteoporose gehört zu weltweit verbreitetsten Erkrankungen. "Betroffen sind überwiegend Frauen nach der Menopause", sagt Dr. Matthias Beck. Das liege an den Veränderungen im Hormonhaushalt, die dazu führen, dass die Knochendichte abnimmt. Infolge häufen sich Brüche der Handgelenke, der Oberarm- und Oberschenkelknochen sowie der Wirbel. "Die Menschen werden älter, also nehmen auch diese Probleme zu." Allerdings seien Senioren heute viel aktiver als früher und beanspruchen zurecht, mobil zu bleiben. "Der sogenannte Witwenbuckel galt einst als Eigenheit alter Frauen. Aber damit findet sich kein älterer Mensch mehr ab."

Brigitte Streckhardt hofft, nun endlich länger ohne zermürbende Beschwerden zu bleiben und Kraft schöpfen zu können - für ihr ereignisreiches Leben im Ruhestand als Oma dreier Enkel und sogar als Uroma.  

Anlässlich des Weltosteoporosetages findet eine Patientenveranstaltung zum Thema Osteoporose am 20. Oktober, 10 bis 12 Uhr, im Festsaal des Campus Friedrichstadt, Städtisches Klinikum Dresden, Friedrichstraße 41, statt. Der Eintritt ist frei.

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