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"Ali ist systemrelevant"

Ali Sufyan kam vor fünf Jahren aus Pakistan nach Dresden und arbeitete in einem Seniorenheim. Jetzt macht die Justiz Ernst - Corona-Krise hin oder her.

Nach jahrelangem Kampf mit Behörden und Gerichten droht Ali Sufyan nun die Abschiebung.
Nach jahrelangem Kampf mit Behörden und Gerichten droht Ali Sufyan nun die Abschiebung. © Robert Löbel

Dresden. Dem Mann, der ihn nach Europa brachte, gab Ali Sufyan 1,4 Millionen Pakistanische Rupien, umgerechnet etwa 7.000 Euro. Das war vor fünf Jahren. Per Flugzeug führte ihn der Weg damals zunächst von den Vereinigten Arabischen Emiraten aus mit falschem Pass und falschem Visum nach Italien und von dort im Auto nach Deutschland. In Berlin beantragte der 31-Jährige Asyl, kam dann zunächst nach Chemnitz und von dort nach Dresden.

In seiner Heimat, so sagt er, werde er von einer terroristischen Gruppe bedroht. Die sei zwar muslimisch, so wie er, trachte ihm aber dennoch nach dem Leben. Deswegen könne er nicht zurück. Genau das verlangt der deutsche Staat jedoch vom ihm - und sieht sich dabei von der aktuellen Rechtslage bestätigt: Pakistan gilt als sicherer Herkunftsstaat. 

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Asylanträge pakistanischer Staatsbürger haben daher grundsätzlich schlechte Aussichten auf Erfolg. Sie werden in Deutschland nur vorübergehend geduldet und erhalten keine Beschäftigungserlaubnis.  Am Ende einer langen Kette von Briefwechseln und Verfahren sollte auch für Ali Sufyan die Abschiebung stehen. So entschied es im April das Dresdner Verwaltungsgericht. Abgelehnt worden war sein Asylantrag bereits im Jahr 2016, ein Jahr nach einer Ankunft in Deutschland.

In einem Seniorenheim in Moritzburg arbeitete Ali Sufyan fünf Monate lang als Pflegehelfer.
In einem Seniorenheim in Moritzburg arbeitete Ali Sufyan fünf Monate lang als Pflegehelfer. © privat

Doch dann gibt es da noch diese andere Seite, fern von Paragraphen und Beschlüssen: Ali Sufyan hat sich bereits in seiner Heimat zum Krankenpfleger ausbilden lassen. Seine Deutschkenntnisse sind beachtlich. Auf Initiative seines Heimleiters machte er in Dresden zunächst ein dreimonatiges Praktikum bei der AWO und arbeitete anschließend fünf Monate lang als Pflegehelfer in einem Seniorenheim in Moritzburg. 

In einem Schreiben an die Härtefallkommission bescheinigte die dortige Leiterin ihm im September 2019 ein "sehr gutes Verhältnis" zu Bewohnern und Kollegen. "Wir lernten ihn als überaus freundlichen, zuverlässigen und emphatischen Menschen kennen und schätzen", heißt es in dem Brief weiter. "Gern möchten wir Herrn Ali Sufyan wieder bei uns beschäftigen."

Doch dazu kam es nicht. Zwar erhielt der Pakistaner im Oktober ein Schreiben, in dem ihm eine Beschäftigung genehmigt wurde, doch vor Ort im Bürgeramt erfuhr er dann, dass es sich dabei um einen bedauerlichen Fehler gehandelt habe. Zwar hatte er seinen gültigen Reisepass vorgelegt, anstelle der gewünschten Genehmigung erhielt er jedoch ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass er "vollziehbar ausreisepflichtig" sei und bis dahin Dresden innerhalb Deutschlands nicht verlassen dürfe. 

"Ali ist systemrelevant"

Für Ali Sufyan brach damit eine Welt zusammen. Nun sprangen ihm auch frühere Kollegen aus dem Moritzburger Pflegeheim zur Seite. Eine Pflegerin schrieb an die Geschäftsstelle des Sächsischen Ausländerbeauftragten: "Ich möchte Sie bitten, Ihr Herz sprechen zu lassen und nicht nur Paragraphen. Wir brauchen Ali. Ali ist systemrelevant." Was nütze es, wenn für Pflegekräfte geklatscht werde, aber gleichzeitig einer von ihnen abgeschoben werde. "Ich bitte Sie von ganzem Herzen, lassen Sie unseren Ali hier in Deutschland."

Als er sich noch frei bewegen durfte, besuchte er jede Woche die Heimbewohner in Moritzburg, obwohl er dort schon nicht mehr arbeiten konnte. Inzwischen geht auch das nicht mehr. "Die Situation ist sehr deprimierend und ich bin sehr traurig", sagt er.

Schon vor dem unmissverständlichen Gerichtsentscheid hatte auch Alis Sufyans Anwalt Michael Wanke-Lasom in einem Schreiben an das Gericht appelliert, die Fachkenntnisse seines Mandanten zu berücksichtigen. "Für mich macht sich jeder Mensch, der jetzt durch Bürokratie vereitelt, dass solche Menschen unverzüglich eine Arbeitserlaubnis erhalten, schon jetzt am Tod von älteren Menschen, die aufgrund der Corona-Krise sterben oder keine zureichende Pflege erhalten, mitschuldig."

Ehe in Deutschland ändert nichts

Außerdem verwies den Anwalt auf einen anderen besonderen Umstand: Sein Mandant habe in Deutschland geheiratet und unterstehe daher eines besonderen Schutzes. Tatsächlich lernte Ali Sufyan vor dreieinhalb Jahren über das Internet eine Frau in Brandenburg kennen. Mithilfe einer Agentur in Mexiko heirateten die beiden im Juni 2019. Die Heiratsurkunde habe er der Ausländerbehörde vorgelegt, doch sie sei nicht anerkannt worden. Unabhängig davon sah das Dresdner Verwaltungsgericht in der Hochzeit mit einer deutschen Staatsangehörigen aber auch "kein rechtliches Abschiebehindernis". So sei es ihm und seiner Frau zumutbar, dass er in sein Heimatland ausreise und sich "von dort aus um das erforderliche Visum" bemühe.

Als Mitte Juli dieses Jahres die ersten Sammel-Abschiebungen aus Deutschland nach Pakistan seit Beginn der Corona-Pandemie erfolgten, fürchtete Ali Sufyan, dass die Polizei auch ihn bald aus seinem  Wohnheim in der Florastraße abholen und zum Flughafen bringen könnte. Daher flüchtete er zu seiner Frau nach Brandenburg. Erst kommende Woche will er zurückkommen und sich einen neuen Anwalt suchen.

"Wenn ich wieder nach Pakistan zurückgebracht werde, dann müsste ich sofort wieder fliehen, weil ich weiter bedroht werde", sagt er. Aber wohin? Nach Afghanistan, in den Iran, nach China oder erneut nach Deutschland? 

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