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„Ich bin einfach hingeschwommen“

Diese Woche meistgelesen: Ein beherzter Polizei-Kommissar rettet zwei betrunkene Jugendliche in Lebensgefahr aus der Elbe in Dresden.

Ein beherzter Kommissar hat in der Nacht zwei betrunkene Jugendliche aus der Elbe gerettet.
Ein beherzter Kommissar hat in der Nacht zwei betrunkene Jugendliche aus der Elbe gerettet. © Sven Ellger

Dresden. Die dramatischen Minuten, von denen Tom Tschernich erzählt, liegen noch keine 16 Stunden zurück. Am Dienstagabend steht der 25-jährige Polizeikommissar vom Revier Dresden-Nord wieder dort am Neustädter Elbufer. Zwischen Augustus- und Marienbrücke hat er gegen zwei Uhr morgens zwei Jugendliche aus dem Fluss gerettet.

Die beiden 15 und 17 Jahre alten Mädchen hatten großes Glück – und das können sie nun mit dem Neustädter Streifenbeamten teilen. Tschernich hatte Nachtschicht und war mit seiner Kollegin unterwegs auf Streife. Auch an diesem Morgen waren sie gerade wegen „ruhestörendem Lärm im Einsatz“, wie es im Behördendeutsch heißt. So weit, so normal. Tschernich kennt das. Er stammt aus Dresden und ist seit Anfang 2020 im Revier Nord im Schichtdienst.

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Doch dann kommt der Notruf. Es ist 1.53 Uhr. Passanten haben in Höhe der Augustusbrücke Hilferufe gehört. Der Polizist ist da mit seiner Kollegin zufälligerweise so gut wie vor Ort, sie fahren gerade die Große Meißner Straße entlang. Jetzt geben sie Gas, wenden ihren VW Golf und biegen in Höhe des Bellevue-Hotels hinunter zur Augustbrücke ab. Dann suchen sie, spitzen die Ohren, hören die Hilfeschreie aus Richtung Marienbrücke.

Sie fahren ein Stück stromabwärts, leuchten mit ihren Taschenlampen die Elbe ab. Plötzlich entdecken sie einen Kopf im Wasser, mitten in der Fahrrinne, etwa in Höhe des Maritim-Hotels. „Die Person ist nicht mehr geschwommen und konnte auch nicht stehen“, beschreibt der 25-Jährige seine ersten Eindrücke, die ihn auch jetzt noch sichtlich berühren.

Mädchen unter den Arm geklemmt

Er zieht sich aus und läuft ein Stück elbaufwärts, um sich dann von der Strömung zu der Person in Not treiben zu lassen. Zum Nachdenken sei keine Zeit gewesen: „Ich bin einfach hingeschwommen.“ Er habe die Jugendliche angesprochen, ob sie herausgeholt werden möchte, berichtet der Beamte. Dann habe er sie in einem Rettungsschwimmergriff gepackt, um sie ans Ufer zu ziehen. Weil das nicht klappte, habe er das Mädchen „unter den Arm gepackt“. So hätten sie die starke Strömung überwunden.

Am Ufer habe ihm seine Kollegin die Verletzte abgenommen. Weil er auf dem Rückweg „irgendwie“ mitbekommt, dass da noch eine zweite Person ist, dreht er wieder um. Die zweite Frau ist weit erschöpfter, sie ruft kaum. „Sie hatte viel mehr Wasser geschluckt“, beschreibt Tschernich ihren weit kritischeren Zustand. Auch dieses Mädchen habe er unter den Arm geklemmt und ans Ufer gebracht. Der Rettungsdienst, der inzwischen eingetroffen ist, nimmt ihm die Jugendliche ab und behandelt sie.

Die Mädchen seien in eine Klinik gebracht worden, teilte später die Polizei mit. Offenbar waren sie „im Alkoholrausch“ in Höhe der Augustusbrücke „in die Elbe gestiegen“. Dann habe ein Zeuge die Hilferufe gehört und den Notruf gewählt. Die 15-Jährige hatte 1,2 Promille Alkohol intus, bei der 17-Jährigen wurden 1,5 Promille festgestellt. Zu den näheren Umständen der Havarie der beiden Teenager macht die Polizei aus Rücksicht keine Angaben. Aber klar ist: Viele kleine Zufälle haben dafür gesorgt, dass diese nächtliche Eselei nicht in eine Katastrophe mündete.

Starke Strömung

Nackt wie er war, strümpfig und in Gänsehaut, habe auch Tschernich eine Rettungsdecke von den Sanitätern erhalten, um sich aufzuwärmen. Dann sei er zum Duschen ins Revier gefahren und sei von drei bis sechs Uhr wieder im Einsatz gewesen. Eigentlich hätte der 25-Jährige nach der Nachtschicht frei bis Freitag – doch am Nachmittag sollte er als Zeuge in einem Prozess am Amtsgericht Zittau gehört werden, abends das Interview mit der Presse.

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Also steht Kommissar Tschernich bescheiden an der Elbe, freut sich über positive Schlagzeilen der Polizei. Möglicherweise, genau wisse er es nicht, habe er bei der Bundeswehr diese Rettungsschwimmergriffe geübt. Es sei ein schönes Gefühl, dass er die beiden Mädchen retten konnte: „Das haben aber schon viele vor mir gemacht und es werden viele nach mir machen.“ Für Tschernich war es der erste ernste Kontakt in der Elbe. Die Strömung sei sehr stark, warnt er, „man darf sie nicht unterschätzen“. Es würden einem die Beine weggezogen, sagt er noch. Dann darf auch er nach Hause. Tschernich hat jetzt frei bis Freitag.

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