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Prozess um tödlichen Unfall: Die Suche nach Wahrheit

Ein sechsjähriger Junge stirbt bei einem möglichen illegalen Autorennen auf der Budapester Straße in Dresden. Zum Prozessauftakt sagt auch seine Mutter aus.

Trauer um einen Sechsjährigen: Blumen und Fragen am Unfallort auf der Budapester Straße.
Trauer um einen Sechsjährigen: Blumen und Fragen am Unfallort auf der Budapester Straße. © Christian Juppe

Dresden. Fünfeinhalb Monate nach einem tödlichen Verkehrsunfall hat der Prozess gegen zwei Angeklagte begonnen. Neben zahlreichen Medien verfolgen auch einige Zuschauer am Mittwoch die Hauptverhandlung im Landgericht Dresden. Den Männern wird vorgeworfen, sich an einem Autorennen in der Dresdner Innenstadt beteiligt zu haben, bei dem ein sechs Jahre alter Junge getötet wurde.

Mohammad F. (32) ist der Hauptbeschuldigte. Er hat das Auto, einen Mercedes 220 Cdi, gefahren, das den Jungen erfasste. Seit dem Unfall-Wochenende Ende August 2020 sitzt der Bauhelfer in Untersuchungshaft. Er hat sein Gesicht hinter einem Aktenordner versteckt, als er in den Saal gebracht wird. Mohamed A., ein 24-jähriger Paketzusteller, ist dagegen auf freiem Fuß.

Oberstaatsanwalt Jens Hertel wirft beiden Männern „verbotene Kraftfahrzeugrennen“ vor, im Fall des 32-Jährigen „mit Todesfolge in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung“. Die Angeklagten, in Dresden lebende Syrer, sollen am 22. August, einem Sonnabend, ein Wettrennen verabredet haben. Auf der Budapester Straße seien sie gegen 20.40 Uhr mit überhöhter Geschwindigkeit stadteinwärts gefahren. Kurz vor der Haltestelle Schweizer Straße habe der 32-Jährige mit seinem Mercedes auf dem rechten Fahrstreifen der zweispurigen Straße den sechsjährigen Jungen mit einem Tempo von mindestens 75 erfasst.

Mohamed A. ist als Mitangeklagter vor Gericht. Er soll an dem Rennen beteiligt gewesen sein, bei dem der sechsjährige Ali ums Leben kam.
Mohamed A. ist als Mitangeklagter vor Gericht. Er soll an dem Rennen beteiligt gewesen sein, bei dem der sechsjährige Ali ums Leben kam. © Sven Ellger

Ali hatte keine Chance

Das Kind, der ebenfalls aus Syrien stammende Ali A., wurde laut Anklage durch die Wucht des Aufpralls 20,5 Meter weit gegen die Scheibe der Haltestelle geschleudert. Der Junge erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen. Ali hatte mit einem weiteren Kind die vierspurige Straße überquert und in Höhe des Lidl-Supermarktes einen Trampelpfad genutzt.

Die Angeklagten waren laut Hertel an jenem Tag im Stadtteil Löbtau gestartet. In der Budapester sollen sie einen Nissan überholt haben, der auf der linken Spur mit Tempo 50 bis 55 unterwegs war. In Höhe eines Autohandels soll der 32-Jährige mindestens 81 Stundenkilometer schnell gewesen sein, der Mitangeklagte in einem BMW 320 d, sei nur etwas langsamer gefahren. Erlaubt sind auf der Budapester Straße 50 Stundenkilometer. Die Autos seien kurz vor der Kollision nebeneinander und „nahezu gleichauf“ gefahren, sagte Hertel.

Nach Angaben eines Justizsprechers werde den Männern nicht Mord vorgeworfen, wie etwa in ähnlichen spektakulären Raser-Prozessen. Die Ermittlungen hätten nicht ergeben, dass die Beschuldigten den Tod von Menschen zumindest „billigend in Kauf genommen“ haben. Gleichwohl muss ihnen demnach klar gewesen sein, dass sie mit der hohen Geschwindigkeit gerade im Bereich einer Haltstelle und einer Fußgängerampel Menschen bewusst gefährdeten, heißt es in der Anklageschrift.

Die beiden Männer machen vor Gericht zunächst keine Angaben zu den Vorwürfen und ihren persönlichen Verhältnissen. Verteidiger Michael Sturm, er vertritt den Mitangeklagten, sagt zum Auftakt, dessen BMW sei 40 bis 70 Meter hinter dem Mercedes gefahren. Es sei nicht so gewesen, dass die Männer gehalten hätten und erst nach einem Startsignal losgefahren seien. Damit bezieht er sich auf belastende Aussagen einzelner Zeugen. Sturm spricht von „falschen Angaben aus einer niederen Gesinnung“, möglicherweise weil es sich bei den Angeklagten um Flüchtlinge handele.

Ermittlungen am Unfallort. In Höhe der Bushaltestelle Schweizer Straße hatte der Mercedes den Jungen erfasst.
Ermittlungen am Unfallort. In Höhe der Bushaltestelle Schweizer Straße hatte der Mercedes den Jungen erfasst. © Roland Halkasch

Todesnachricht im Wochenbett

Als erste Zeugin berichtet Alis Mutter von dem dramatischen Abend. Sie wohnt nahe der Unfallstelle und hatte wenige Tage zuvor ihr viertes Kind entbunden, Ali war bis dahin ihr jüngster Sohn. Er habe nie alleine mit anderen Kindern draußen spielen dürfen. Das habe sie verboten. An dem Tag jedoch hätten wieder Kinder geklingelt und Ali sei mit ihnen hinaus. Sie selbst habe im Wochenbett gelegen, so die 29-Jährige. Ihr Lebensgefährte sei hinterher und habe Ali gesucht – und sei dann an der Unfallstelle zusammengebrochen.

Sie selbst habe von Kindern erfahren, dass ihr Sohn gestorben sei. „Es geht mir überhaupt nicht gut“, sagt die Frau. Sie sei auch in Behandlung gewesen, habe die Termine wegen des Babys nicht fortsetzen können.

Das Gericht muss nun aufklären, ob die Angeklagten tatsächlich ein Rennen veranstaltet haben. Zwei weitere Zeugen, die Beifahrer der beiden Autos, machen teilweise widersprüchliche Angaben. Eine behauptet, sie hätten in der Budapester Straße einen weißen Nissan überholt, der andere bestreitet das.

Seltsame Polizeivernehmungen

Unklar bleiben auch manchen Entscheidungen der Polizisten vor Ort. Der BMW-Beifahrer etwa, ein 25-jähriger Syrer aus Cottbus, wurde noch an jenem Sonnabend gegen 23.45 Uhr von den Beamten vernommen. Der Beifahrer des Unfall-Mercedes, ein Syrer aus Leverkusen, wurde an jenem Abend jedoch nicht mehr einer formalen Vernehmung unterzogen, obwohl er doch viel näher am Geschehen gewesen sein muss. Die Beamten hatten bereits gegen 22 Uhr entschieden, ihn nicht mehr zu vernehmen, heißt es in den Akten. Die Vernehmung fand dann einige Zeit später in Leverkusen durch dortige Beamte statt, zusammen mit einer Wohnungsdurchsuchung und der Beschlagnahmung von Handys und Computern.

Der Cottbusser Zeuge berichtet, er sei ein Freund von Mohammad F. Sie teilten mit anderen Kumpels ihre Leidenschaft für Autos, hätten auch einmal schon an einem Treffen der Tuningszene am Dresdner Elbepark teilgenommen. Der BMW hatte er erst unmittelbar zuvor gebraucht gekauft. Er sei Beifahrer gewesen, weil er vorübergehend keinen Führerschein hatte. Er habe in der Probezeit zu viele Punkte gesammelt, wie er sagt - wegen Blitzer, einer roten Ampel und nicht eingetragener Teile. An jenem Sonnabend habe er sich mit weiteren Syrern bei F. getroffen. Sie hätten ihre Autos gewaschen und abends in der Neustadt essen gehen wollen. Ein Wettrennen habe es nicht gegeben.

Allerdings sollen Augenzeugen von Anhängern der Angeklagten bedroht worden sein. Auch das wird an diesem ersten Prozesstag bekannt. Es solle etwa auch Chat-Nachrichten geben, die so klingen, als habe man Aussagen absprechen wollen, hält Oberstaatsanwalt Hertel dem Zeugen aus Cottbus vor. Ja, es könne sein, dass er "irgendetwas geschrieben" habe, was er jedoch "nicht so gemeint" habe, sagte er. Was passiert ist, sei allen sehr nahe gegangen.

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Der Prozess wird in zwei Wochen fortgesetzt. Zunächst sind noch fünf weitere Sitzungstage bis zum 18. März geplant.

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