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"Sind keine seelenlosen menschlichen Fleischer"

Steffen Heide ist Direktor am Institut für Rechtsmedizin der TU Dresden. Warum er Respekt vor den Toten einfordert und den Attentäter von Halle untersuchte.

Steffen Heide übernahm im vergangenen Jahr die Leitung des Instituts für Rechtsmedizin an der TU Dresden.
Steffen Heide übernahm im vergangenen Jahr die Leitung des Instituts für Rechtsmedizin an der TU Dresden. © René Meinig

Dresden. Wenn der Pathologe im "Tatort" mal wieder zum Tatort fährt, dann sitzt Steffen Heide kopfschüttelnd auf dem Sofa. "Das macht ein Pathologe nicht", sagt der 54-Jährige. Leider sei aber immer noch die Meinung weit verbreitet, Pathologe und Rechtsmediziner seien dasselbe. Bei nicht natürlichen Todesursachen sei jedoch in der Regel der Rechtsmediziner gefragt.

"Ich bewundere auch immer meine Fernsehkollegen dafür, wie schnell und genau sie nach kurzer Prüfung den Todeszeitpunkt benennen können." In der Realität sei das nämlich weit weniger trivial. "Ich bin da vorsichtiger geworden mit den Jahren", sagt Heide. "Sich zu schnell festzulegen, kann bedeuten, einem Mörder ein Alibi zu geben."

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Seit vergangenem Sommer hat Steffen Heide seinen Arbeitsplatz in Haus 13 auf dem Gelände des Dresdner Uniklinikums. Als Direktor des Instituts für Rechtsmedizin führt er hier ein Team von 25 Mitarbeitern an, darunter sieben Ärzte, zwei Toxikologen und ein Molekularbiologe.

Neben dem Obduktionssaal stehen Heide auch Hightech-Mikroskope zur Verfügung. Die wahren Experten auf diesem Gebiet sind aber die Pathologen.
Neben dem Obduktionssaal stehen Heide auch Hightech-Mikroskope zur Verfügung. Die wahren Experten auf diesem Gebiet sind aber die Pathologen. © René Meinig

Heide stammt aus Sebnitz und studierte von 1988 bis 1994 in Berlin und Dresden Medizin. Sein praktisches Jahr führte ihn in die Rechtsmedizin an der TU. 1997 promovierte er in diesem Bereich und beschäftigte sich in seiner Doktorarbeit mit den Suizidraten in der Sächsischen Schweiz. Anschließend stieg er an der Uni in Halle an der Saale in 24 Jahren vom Assistenzarzt zum leitenden Oberarzt auf.

Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch. "Nicht selten stellt sich ein plötzlicher Kindstod bei genauerer Untersuchung als tödliche Misshandlung heraus", sagt er.

Außerdem gilt Heide als europaweiter Experte bei Todesfällen in Polizeigewahrsam. Seine Studien dazu laufen noch. Als der Rechtsextremist Stephan Balliet im Oktober 2019 in Halle einen Anschlag verübte, musste Heide ihn anschließend in Polizeigewahrsam untersuchen. Der Täter sei dabei an Armen und Beinen fixiert gewesen. Zwei Polizisten mit Maschinengewehren hätten bereitgestanden. "Das habe ich so auch noch nicht erlebt", sagt Heide, "und das entspricht auch sicher nicht unserem Alltag".

Rund 450 Obduktionen sind im Jahr 2020 in seinem Institut durchgeführt worden. In der Regel zwei pro Tag. Mindestens einmal in der Woche obduziert auch der Chef mit. "Das ist mir wichtig, um eine gewisse Routine zu behalten und die Arbeit der Kollegen einordnen können." Zwei Drittel seiner Arbeitszeit verbringt er jedoch am Schreibtisch, schreibt und prüft Befunde. Bei Tötungsdelikten kann das schon mal mehrere Stunden dauern. Jedes Gutachten geht vor der Freigabe durch Heides Hände.

Hat das Opfer vor dem Unfall noch gelebt oder wurde es dort abgelegt? Ist die Hauteinblutung womöglich doch eine Griffspur?

"Es ist zum Teil erschreckend, mit welch schwersten Gewalteinwirkungen aus nichtigen Anlässen wir es zu tun bekommen. Da wird jemand totgetreten, nur weil er sich einen Katalog geborgt und nicht rechtzeitig zurückgegeben hat."

Während die Zahl der Obduktionen etwa konstant bleibt, sei die Zahl der körperlichen Untersuchungen bei lebenden Personen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Rechtsmediziner beschäftigen sich nicht nur mit Leichen. Jede Woche müssten er und seine Mitarbeiter Kinder nach Spuren von Gewalteinwirkungen untersuchen.

Das Institut für Rechtsmedizin hat seinen Sitz in Haus 13 auf dem Gelände der Uniklinik.
Das Institut für Rechtsmedizin hat seinen Sitz in Haus 13 auf dem Gelände der Uniklinik. © René Meinig

All das Erlebte und Gesehene immer nur nüchtern aus fachlicher Sicht zu betrachten, sei fast unmöglich. "Rechtsmediziner haben ja immer noch dieses Image als abgebrühte Experten, die über den Dingen schweben, alles wissen und alles können", sagt Heide. "Aber so ist es nicht."

In vielen Fällen gebe es lange Diskussionen mit Kollegen. "Sich einzugestehen, dass man etwas nicht weiß, ist keine Schwäche, sondern Sorgfaltspflicht."

Genauso sei es auch nicht verwerflich, sich selbst Gefühlsregungen zu erlauben. Nur weil ein Rechtsmediziner täglich mit Sterbefällen zu tun habe, heiße das nicht, dass er nach Feierabend alles hinter sich lassen könne.

"Ich habe zwar keine Alpträume, aber einige Dinge beschäftigen mich schon länger." Besonders gelte das bei extremen Verletzungen wie Bahnleichen und bei Fällen mit Kindern. "Ganz klar, das lässt einen nicht kalt." Er selbst habe zwar keine Kinder, doch er versuche, Kolleginnen und Kollegen mit kleinen Kindern nicht unbedingt bei Untersuchungen eines plötzlichen Kindstodes einzusetzen.

Spätestens wenn eine Überschneidung mit dem Privatleben sichtbar wird, ist Vorsicht geboten. Bei einer Leichenschau im Krematorium sei Heide einmal mit der Leiche eines ehemaligen Kollegen konfrontiert gewesen. "Das war für mich eine gruselige Situation. Ich habe das abgelehnt und einen anderen Mitarbeiter hingeschickt."

Zwei Drittel seiner Arbeitszeit verbringt Heide am Schreibtisch. Dennoch will er die Routine beim Obduzieren nicht verlieren.
Zwei Drittel seiner Arbeitszeit verbringt Heide am Schreibtisch. Dennoch will er die Routine beim Obduzieren nicht verlieren. © René Meinig

Bevor Steffen Heide morgens nach einer Tasse Kaffee und der Dienstbesprechung den Obduktionssaal mit den hohen gefliesten Wänden betritt, informiert er sich stets über die Geschichte des Toten. "Das hat für mich etwas mit Respekt zu tun", sagt er. "Wir sind hier keine seelenlosen menschlichen Fleischer, sondern wir leisten den letzter Dienst für diesen Menschen. Unsere wichtigste Frage ist: Was können wir noch für ihn tun?"

Zum Respekt gehöre auch, nach der Arbeit kein "Schlachtfeld" zu hinterlassen, sondern die Leichen wieder so herzurichten, dass sich Angehörige würdevoll verabschieden können.

Wenn der Tod aber jeden Tag so allgegenwärtig ist - was macht das nach Jahrzehnten mit demjenigen, der nach Feierabend nach Hause fährt? "Ich fühle eine Angst vor dem Tod, wie jeder andere auch", sagt Steffen Heide. Er fürchte sich allerdings mehr vor schweren Erkrankungen, etwa durch das Coronavirus.

"Na ja, und im Alltag bin ich auch vorsichtiger geworden. Vor allem im Umgang mit Kettensägen."

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