merken
PLUS Jubel

Rollentausch: "Ich schaue Ihnen gerne auf die Finger“

Zum 75. SZ-Jubiläum werden die Rollen getauscht: Rathausreporter Andreas Weller stellt sich den Fragen von Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert.

Auf Abstand und mit vertauschten Rollen: SZ-Redakteur Andreas Weller wird von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) interviewt.
Auf Abstand und mit vertauschten Rollen: SZ-Redakteur Andreas Weller wird von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) interviewt. © Sven Ellger

Hier werden Weichen gestellt, Debatten geführt und Kämpfe ausgetragen. Entscheidungen im Rathaus betreffen alle Dresdnerinnen und Dresdner. Deshalb schaut ein Mann der Sächsischen Zeitung hier genau hin: Andreas Weller ist Chefreporter für die Dresdner Lokalpolitik. 655 offizielle Anfragen hat er seit 2014 bisher an die Verwaltung gestellt, hinzu kommen die Teilnahme an Sitzungen, Fragen an die Fraktionen und Hintergrundgespräche. Alleine 16 Mal war Andreas Weller unterwegs, um Oberbürgermeister Dirk Hilbert zu interviewen. Zeit, den Spieß einmal umzudrehen:

Herr Weller, wie man Oberbürgermeister wird, weiß wahrscheinlich fast jeder. Aber wie wird man Chefreporter für das Lokale der Sächsischen Zeitung?

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Das war ein klassischer Weg. Ich habe studiert und mich dann bei mehreren Zeitungen beworben. Angefangen habe ich bei der Chemnitzer Morgenpost. 2001 bin ich zur Mopo in Dresden gewechselt, weil Kai Schulz, ihr heutiger Pressesprecher, damals ins Rathaus ging. Nach insgesamt 15 Jahren bei der Morgenpost bin ich dann 2014 zur Sächsischen Zeitung gekommen.

Sie berichten tagtäglich über wichtige Ereignisse in Dresden und aus der Lokalpolitik. Ganz spontan: Was sind Ihre drei Lieblingsthemen?

Auf jeden Fall der Stadtrat, weil dies Entscheidungen sind, die für ganz Dresden und jeden einzelnen Bürger wichtig sind. Ich bin auch sehr gerne bei Demonstrationen unterwegs. Da ist immer Action und man bekommt ein Gespür dafür, was die Leute umtreibt.

Und Nummer 3?

Ich schaue Ihnen gerne auf die Finger.

Und welche drei Themen können Sie nicht mehr hören und müssen manchmal trotzdem berichten?

Früher gab es jährlich eine Pressekonferenz, jetzt ist es zum Glück nur noch eine Pressemitteilung: die Vorbereitung auf den Winterdienst. Das kommt mir zu den Ohren raus. Und mittlerweile spüre ich eine gewisse Corona-Überdrüssigkeit. Aber da kommt man nicht drum herum, darüber zu berichten. Ein drittes Thema fällt mir spontan gar nicht ein.

Sie machen das ja schon einige Jahre. Gibt es eine Geschichte, wo Sie heute sagen würden: Das war Mist. Das würde ich so nie wieder machen.

Ich habe mal Noten für die Fachbürgermeister vergeben. Das würde ich nicht noch einmal tun. Das war sehr oberlehrerhaft und kann eigentlich niemals gerecht sein.

Andreas Weller arbeitet als Chefreporter in der Dresdner Lokalredaktion. Er ist zuständig für Rathaus und Politik.
Andreas Weller arbeitet als Chefreporter in der Dresdner Lokalredaktion. Er ist zuständig für Rathaus und Politik. © Sven Ellger

Als Reporter brauchen Sie Zitatgeber und Informanten, die Ihnen vertrauen. Als kritischer Berichterstatter müssen Sie aber Abstand zu den Menschen haben, über die Sie berichten. Gelingt Ihnen das immer?

Ich denke schon. Jeder, der mit mir zu tun hat und länger im Geschäft ist, weiß, dass auch ein privater Kontakt einen nicht davor verschont, kritisiert zu werden.

Als Politiker liebt man es ja, wenn Journalisten in ihren Kommentaren schreiben: Das war falsch, das hätte man alles anders machen müssen. Was würden Sie anders machen, wenn Sie auf meinem Stuhl sitzen würden?

In Bezug auf die Verwaltung kann ich mir da tatsächlich kein Urteil erlauben. Mit Blick auf den Stadtrat würde ich öfter mal dazwischenhauen, weil der Ton untereinander zu heftig ist und kein gutes Licht auf den Rat wirft. Da sind Sie recht zurückhaltend. Ich bewundere es, dass Sie so klar Stellung beziehen zu Themen wie Rechtsextremismus und Antisemitismus. Ich selbst würde wahrscheinlich da noch mehr Präsenz zeigen, zum Beispiel bei Demonstrationen gegen rechts. Oder auch mal beim CSD vorneweg laufen. Das tut einer Gesellschaft gut.

Aktuell wird jeden Tag in den Nachrichten über Corona rauf und runter gesprochen. Wenn Sie in Verantwortung wären, was würden Sie gerade anders machen?

Das überlege ich öfter und ich versuche mich da auch öfter in Sie hineinzuversetzen. Ich glaube, dass das ganz ganz schwierig ist. Ich habe in der ersten Welle, als Sie noch vor anderen Ausgangsbeschränkungen erlassen haben, gesagt: Respekt! Dafür braucht man Mut. Ich wüsste jetzt nicht, was ich anders machen würde.

Aber ich bin als Oberbürgermeister ja nicht mal derjenige, der im Augenblick die Regeln erlässt. Wir können es ja mal auf eine höhere Ebene heben und uns auf diese Stühle setzen?

Dass auf Bundesebene viele Fehler gemacht worden sind, ist ja kein Geheimnis. Das ganze Hin und Her kommt in der Bevölkerung nicht gut an. Und eine klarere Linie wäre angebracht.

Eine traurige Gemeinsamkeit haben Politiker und Journalisten: Der Ton, der uns oftmals entgegenschlägt, wird rauer. Stichwort Volksverräter und Lügenpresse. Wie erleben Sie das in der Redaktion?

Durchaus massiv. Gerade mit Blick auf die „Querdenker“ habe ich sehr viele Zuschriften bekommen. Und wenn ich draußen bei den Demos bin, höre ich immer wieder Lügenpresse und mir gegenüber wird sehr aggressiv aufgetreten. Das war auch in der Flüchtlingskrise so, dass man angegangen wurde, man Schläge angedroht bekommen hat. Das erleben wir regelmäßig.

Aber gibt es auch positive Rückmeldungen?

Sie werden das ja selber erleben, meist überwiegen die negativen Reaktionen. Nach einem sehr kritischen Kommentar zu den Querdenkern habe ich viele Hassmails erhalten. Aber ein Mann schrieb: Sie haben mir und meiner Frau aus dem Herzen gesprochen. Da hab ich mich gefreut und mich auch bedankt. Ich versuche zwar auch die anderen Mails zu beantworten, aber so etwas gibt einem noch mal Kraft.

Das Internet hat ja auch die Zeitungslandschaft verändert. Ist der Journalismus dadurch besser oder schlechter geworden?

Schneller. Der Druck ist größer, immer schneller mit Nachrichten draußen zu sein. Ich gebe dem kritischen Unterton in Ihrer Frage recht, es passieren mehr Fehler in der Eile und Hektik. Aber online hat man auch die Chance, das immer wieder zu korrigieren, mit dem entsprechenden Hinweis. Bei der gedruckten Zeitung muss man noch mehr aufpassen, dass es fehlerfrei und zugleich auf dem aktuellsten Stand ist.

Da muss ich neugierig nachfragen. Wann ist der letzte Zeitpunkt, um noch etwas zu ändern? Wann geht es in Druck und es ist nichts mehr zu machen?

Da gibt es mehrere Zeitpunkte. Der sogenannte Andruck für die ersten Exemplare ist gegen 21 Uhr. Wir können aber theoretisch bis Mitternacht noch eingreifen, was natürlich immer mit zusätzlichen Kosten verbunden ist, weil dann Druckplatten neu erstellt werden müssen. Das machen wir regelmäßig bei sehr dynamischen Lagen.

Wer entscheidet das?

Erst mal ist es an mir als Reporter, Änderungswünsche meinem Vorgesetzten mitzuteilen. Der Ressortleiter muss dann entscheiden und in letzter Instanz der Chefredakteur. Bei Stadtratssitzungen ist es regelmäßig so, dass wir noch mal aktuelle Geschichten „nachschieben“. Dann ist ein veralteter Stand in den Ausgaben, die zum Beispiel an den Flughafen gehen. Die Dresdner Lokalausgabe ist aber immer die letzte, die gedruckt wird, damit hier für unsere Leser die aktuellste Version zur Verfügung steht.

Warum ist es spannender, im Lokalteil zu arbeiten, als zum Beispiel in der Kultur oder der Wirtschaft?

Das hängt auch mit persönlichen Vorlieben zusammen. Für mich war es immer das Lokale, weil man nah dran ist am Bürger, an den Politikern. Die Entscheidungen haben ganz konkrete Auswirkungen für die Bürgerinnen und Bürger.

Dirk Hilbert (FDP) ist seit 2015 Oberbürgermeister der Stadt Dresden.
Dirk Hilbert (FDP) ist seit 2015 Oberbürgermeister der Stadt Dresden. © Sven Ellger

Und wenn dann frisch gedruckt zum Frühstück die Zeitung vor Ihnen liegt, was lesen Sie in Ihrer eigenen Zeitung zuerst? Die eigenen Artikel oder den Sportteil? Womit startet Weller?

Ich lese grundsätzlich meine Artikel nicht noch mal in der Zeitung. Die kenn ich ja schon. In der aktuellen Situation schau ich immer nach den Corona-Meldungen. Aber sonst blättere ich zuerst in den Sport, weil ich großer Fußballfan bin.

Jetzt wollen wir dem Leser aber auch verraten, welcher der Herzensklub ist.

Das ist nicht Dynamo Dresden. Das ist der FC Bayern München, schon seit meiner Kindheit. Es hat aber auch Vorteile. Wenn ich Dynamo-Fan wäre und vielleicht sogar im Sportteil arbeiten würde, könnte ich nicht neutral berichten.

Was vermisst denn der Bürger Weller in Corona-Zeiten am meisten?

Ich würde schon gerne mit meiner Familie mal wieder essen gehen, ins Kino. Und baden gehen.

Ins Freibad?

Nein. Eher Erlebnisbad.

Ich dachte schon, Sie wären ein ganz harter. Wie sagen Sie jetzt immer an dieser Stelle im Interview: Gibt es etwas, was ich vergessen hab zu fragen?

Nein, da fällt mir nichts ein.

So geht’s mir auch immer.

Das Gespräch führte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert.

Weiterführende Artikel

Lieber im Knast als ein Verräter

Lieber im Knast als ein Verräter

Heinz Fiedler kam 1948 als Volontär zur SZ. Mit über 90 Jahren schreibt er heute immer noch regelmäßig.

Am Anfang war das Zählen

Am Anfang war das Zählen

Redakteur Tilo Berger schreibt seit 1980 die SZ-Geschichte mit. Und erlebte in vier Jahrzehnten einen Wandel nach dem anderen.

Wir haben ja munter mitgelogen

Wir haben ja munter mitgelogen

Zwei Journalisten aus zwei Generationen streiten über ihren Beruf. Wie frustrierend war es zu DDR-Zeiten? Und was motiviert in der heutigen Welt?

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Jubel