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Schlaganfall: "Erst war alles wie immer"

Colin Geipel musiziert, spielt Tischtennis und berät Menschen, die an den Folgen eines Hirninfarktes leiden. Seit seinem 30. Lebensjahr weiß er, wovon er spricht.

Um sein therapeutisches Liegerad hat Colin Geipel fünf Jahre lang gekämpft und sich auch dabei nicht unterkriegen lassen. Schließlich sah seine Krankenkasse zumindest teilweise ein, dass ein Rollstuhl kein Ersatz ist.
Um sein therapeutisches Liegerad hat Colin Geipel fünf Jahre lang gekämpft und sich auch dabei nicht unterkriegen lassen. Schließlich sah seine Krankenkasse zumindest teilweise ein, dass ein Rollstuhl kein Ersatz ist. © Sven Ellger

Dresden. Aus Schaden klug zu werden, gilt als zweckmäßige Lebensweisheit. Colin Geipel aber hatte keine Chance. Er hätte nichts besser machen, nicht vorbeugen können. Als er den ersten Schlaganfall erlitt, war er gerade 30 Jahre alt und mit Frau, zwei Söhnen, Job, Haus und Hobbys mitten im Leben angekommen.

Aus dieser Mitte katapultierte ihn ein geplatztes Gefäß in seinem Kopf heraus. Mit Notoperation, einem weiteren Eingriff, Rehabilitationskur und Therapien verbrachte er die Monate von Winter bis Sommer. "Aber danach war eigentlich alles wie immer", sagt der heute 50-Jährige. Schon im Mai habe er wieder Musik gemacht. Ab Herbst kehrte er an seinen Arbeitsplatz am Experimentellen Zentrum der Medizinischen Fakultät zurück. "Ich hatte keine Beeinträchtigungen und dachte, so etwas werde mir nicht noch einmal passieren."

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In seinem Bühlauer Haus stellt er eine Flasche Wasser auf den Holztisch am Fenster. Von dort geht der Blick durchs große Fenster hinaus in den Garten über Obstbäume weit ins Tal. Die Flasche zu öffnen, fällt ihm schwerer als den meisten Menschen. Seinen linken Arm kann Colin Geipel nur wenig bewegen. Eine Lähmung behindert die gesamte linke Körperseite. Drei Jahre nach dem Infarkt hatte er einen zweiten Schlaganfall erlitten. Wieder riss ein Blutgefäß. 

Im Rollstuhl zur Reha, zu Fuß zurück

"Damals bin ich im Rollstuhl zur Reha gekommen und habe sie laufend wieder verlassen." Colin erzählt nicht von der Verzweiflung, den schweren Wochen, der Trauer um verlorene Selbstverständlichkeiten. Der Blick zurück erscheint ihm wenig sinnig. Er hat wieder gelernt zu laufen, sich allein anzuziehen, all die Dinge des Alltags zu können, für die der Mensch eigentlich zwei intakte Arme und Hände hat.

Auf die körperliche Ertüchtigung folgt die Frage nach der Belastbarkeit: Kann der Betroffene noch am ersten Arbeitsmarkt bestehen? Wenn ja, in welcher Tätigkeit und in welchem Maß? Dieses Mal kehrte Colin Geipel nicht in seinen Beruf zurück. Aber ins Leben. Schritt für Schritt hat er sich im Laufe der vergangenen 16 Jahre ein ganz neues Arbeitsumfeld geschaffen. Eins, mit dem er den Erfolg seiner eigenen persönlichen Mühen vervielfältigt.

Zuerst fand er den Weg zurück zur Musik. Die gehört zur Familientradition. "Mein Vater spielt in der Blue Wonder Jazz Band. Wir haben immer Musik gemacht", sagt er. Colin spielte Tuba. Doch nach seinen Schlaganfällen getraute er sich nicht mehr an das Instrument heran. Durchs Blasen könnte ein zu hoher Druck im Kopf entstehen, so die Befürchtung. 

Einhändig Klavier zu spielen, war ihm auch nicht genug. "Dann habe ich es mit Cello versucht und mir den Bogen an die linke Hand geschnallt." Der Versuch scheiterte. Schließlich kam Colin auf Schlagzeug und fand einen Lehrer, der ihm das Spielen mit einer Hand und einem Fuß beibrachte. 

Aktiv und in Bewegung bleiben

Bald hatte er als Schlagzeuger seinen Platz im Bühlauer Posaunenorchester, erlebte neben wunderbaren musikalischen Momenten auch Respekt und Bewunderung der gesunden Orchestermitglieder. "Da habe ich begonnen, über das Thema Selbsthilfegruppe noch einmal neu nachzudenken", sagt er.

Colin Geipel kannte solche Runden aus Filmen und wusste damit nichts anzufangen: Man sitzt im Kreis und erzählt sich sein Leid, so stellte er sich diese Treffen vor. Nun wurde ihm klar: Sollte ich selbst nichts davon haben, kann ich ja vielleicht anderen Betroffenen etwas geben. Was für ihn die Musik ist, mag für den nächsten etwas anderes sein. Etwas, das Kraft und Motivation gibt, um nach einem Schlaganfall gut weiterzuleben.

Aktiv zu sein, in Bewegung zu bleiben, körperlich wie geistig, ist eine wichtige Medizin. Das ist auch das Credo einer Veranstaltung, zu der Colin Geipel am Sonnabend aufruft. Schlaganfallpatienten, Menschen mit erworbenem Gehirnschaden, ihre Familien, Freunde und einfach Interessierte lädt er zu einem Ausflug ein. Ob zu Fuß, im Rollstuhl, auf dem Fahrrad, Liegerad oder Rollfiets, einem Fahrrad für Rollstuhlfahrer - Hauptsache Bewegung an der frischen Luft, Geselligkeit, Austausch und Anregung.

"Bei einer meiner regelmäßigen Rehamaßnahmen hatte ich einen sehr guten Sporttherapeuten", erzählt er. Die Arbeit mit ihm motivierte ihn, selbst eine Gruppe zu gründen und damit Sport und Selbsthilfe zu verbinden. Seitdem treffen sich zwischen 15 und 20 Betroffene regelmäßig zum gemeinsamen Tischtennisspiel in der Turnhalle der 59. Grundschule in Bühlau. Aus dem Mann, der aus seinem gewohnten Leben geworfen wurde, ist ein engagierter Berater und Begleiter für andere Menschen geworden.

Langer Traum von der Tuba

Denn über seine Aktivitäten war Collin Geipel auf eine Möglichkeit gestoßen, seine Erfahrungen professionell zu teilen und zurück ins Berufsleben zu finden. Von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ließ er sich zum Schlaganfallhelfer ausbilden. Inzwischen ist er über die Teilhabe-Einrichtung "Gut Leben" beschäftigt und betreut in Räumlichkeiten des Dresdner Universitätsklinikums zweimal wöchentlich das Beratungstelefon für von Schlaganfall Betroffene. Damit ergänzt er die Arbeit des dreiköpfigen Klinik-Teams "SOS Care", ein Nachsorgeprojekt der Dresdner Uniklinik. 

Übrigens spielt Colin Geipel seit einiger Zeit wieder seine geliebte Tuba. Untersuchungen haben ergeben, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht. Moderates Blasen bringt ihn nicht in Gefahr. Einem Instrumentenbauer verdankt er ein Exemplar, das handlicher ist und doch wunderbar tief und warm klingt. "Man ist nicht behindert, man wird behindert", sagt Colin Geipel. Entscheidend ist, was der Mensch zulässt. 

Der Ausflug anlässlich des Weltschlaganfalltages 2020 führt durch die Dresdner Heide bis zum Konzertplatz Weißer Hirsch. Treff ist am Sonnabend, 17. Oktober, 11.30 Uhr, an der Turnhalle der 59. Grundschule auf der Kurparkstraße 12. Bei schlechtem Wetter gibt es Boccia und Tischtennis in der Halle. Das Schlaganfall-Beratungstelefon ist immer dienstags, 10 bis 12 Uhr, und donnerstags, 13 bis 15 Uhr, geschaltet: 0351 4583330

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