merken
PLUS Dresden

Schnippeldibapp: Der Dresdner Zookasper wird 30

Stefan Flinner ist mehr als nur ein Puppenspieler. Er ist eine Institution, ohne die der Zoo um eine Besonderheit ärmer wäre. Ein Besuch zum Jubiläum.

Zwei Originale unter sich: Seinen Kasper erschuf der Dresdner Zoo-Puppenspieler Stefan Flinner selbst.
Zwei Originale unter sich: Seinen Kasper erschuf der Dresdner Zoo-Puppenspieler Stefan Flinner selbst. © Sven Ellger

Dresden. Diese Affen werden auch immer frecher. Erst heute Morgen ist wieder einer während der Fütterung im Zoo ausgebüxt. Nun suchen der Kasper und dessen bester Freund Seppl nach ihm - und werden dabei von zahlreichen Kindern unterstützt.

"Ich glaub', mich laust der Affe" ist das Lieblingsstück von Stefan Flinner, dem Puppenspieler aus dem Dresdner Zoo. Etwa 50 Geschichten hat sich der 72-Jährige in den vergangenen drei Jahrzehnten selbst ausgedacht, aber keine sei je besser angekommen, als die vom Äffchen Troll, das seine Jäger an der Nase herumführt.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Kostenlose Vorstellungen sind deutschlandweit einmalig

Zum Jubiläum ist die Puppenbühne mit bunten Girlanden und Ballons geschmückt. Bevor aber die Vorstellung an diesem Donnerstag um Punkt 11 Uhr mit dem klingenden Glöckchen beginnt, nutzt zunächst Zoodirektor Karl-Heinz Ukena die Gelegenheit, um einem seiner treusten Mitarbeiter Danke zu sagen. Im Namen der Belegschaft überreicht er einen Blumenstrauß und äußert die Hoffnung, dass der "hochgeschätzte Kollege" dem Zoo noch einige Jahre erhalten bleibt.

Im Juli 1991 gab Stefan Flinner seine erste Vorstellung im Dresdner Zoo.
Im Juli 1991 gab Stefan Flinner seine erste Vorstellung im Dresdner Zoo. © Zoo Dresden

Der Chef weiß nur zu gut, was er an dem kleinen Mann mit dem inzwischen etwas krummen Rücken hat. Die täglichen kostenlosen Vorstellungen des Zoo-Kaspers machen die Dresdner Einrichtung bundesweit einmalig.

Erst Schlosser, dann Musiker, jetzt Puppenspieler

Im Zoo hat das Kasper-Spiel eine lange Tradition, die 1931 mit Puppenspieler Egon Gäble ihren Anfang nahm. Nach dessen Tod 1967 konnte allerdings lange Zeit kein Nachfolger gefunden werden, bis Stefan Flinner im Juli 1991 seine erste Vorstellung im Kasperhäuschen nahe dem Eingang gab.

Der Sohn eines Tischlers stammt aus Wilkau-Haßlau bei Zwickau. Als er klein war, nähte seine Großmutter Puppen. Sechs Jahre lang lernte er später seine Kunst in der Arbeitsgemeinschaft junger Puppenspieler.

Egon Gäble begründete die Tradition des Zoo-Kaspers in Dresden. Das Foto zeigt ihn im Jahr 1946.
Egon Gäble begründete die Tradition des Zoo-Kaspers in Dresden. Das Foto zeigt ihn im Jahr 1946. © Zoo Dresden

Beruflich ließ sich Flinner zunächst zum Betriebsschlosser ausbilden, bevor er nach seinem Studium am Zwickauer Robert-Schumann-Konservatorium Berufsmusiker wurde. In verschiedenen Formationen spielte er Keyboard, Gitarre und Schlagzeug.

Das Puppenspiel ließ ihn auch in dieser Zeit nie los, seit er zu Schulzeiten für seine Mitschüler die ersten Vorstellungen gegeben hatte. Bevor er 1990 nach Dresden kam, spielte Flinner vor allem in Kindergärten und zu Volksfesten.

"Jeder Mensch braucht doch eine Aufgabe"

Seine Bewerbung im Dresdner Zoo wurde schließlich zum Glücksfall für alle. Für die Zoomitarbeiter, die Kinder und vor allem für ihn selbst. Rund zwei Millionen kleine und große Besucher erfreute er nun schon über die Jahre. Die Kinder von früher bringen heute ihren eigenen Nachwuchs mit.

Wie oft dachte er in den vergangenen Jahr schon laut über seinen bevorstehenden Abschied nach. Am Ende aber sind doch immer alle froh, dass er weitermacht. Wie könnte es auch anders sein?

Wenn das Glöckchen klingelt, sind die Bänke vor dem Kasper-Häuschen meist voll.
Wenn das Glöckchen klingelt, sind die Bänke vor dem Kasper-Häuschen meist voll. © Sven Ellger

"Seit meine Frau gestorben ist, lebe ich allein", sagt Flinner, "aber jeder Mensch braucht doch eine Aufgabe". Seine ist es, die Kinder zum Lachen zu bringen. Dafür ist kein moderner Wortwitz und keine ausgeklügelte Dramaturgie nötig. Es reicht, wenn das Äffchen den Seppl mit der Klobürste haut und den Sack mit dem Futter stibitzt, in dem er eigentlich gefangen werden sollte. Dreimal Schnippeldibapp.

"Lampenfieber gibt es bei Puppenspielern selten"

Sobald der Kasper die ewige Frage "Seid ihr alle da?" gestellt hat, sind die Kinder nicht nur Zuschauer, sondern mittendrin. Immer wieder ist ihre Hilfe gefragt. Längst weiß der Zoo-Kasper, an welcher Stelle, was gerufen wird. Die kleinen Spickzettel, die er sich zu Sicherheit immer noch in sein Häuschen hängt, braucht Flinner schon lange nicht mehr. "Lampenfieber gibt es bei Puppenspielern selten", sagt er. "Ich weiß genau, was mich erwartet."

Selbst als es mitten im Stück plötzlich zu gießen beginnt und reihenweise Zuschauer ohne Schirm und Jacke von den Bänken flüchten, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen und setzt die Affenjagd fort.

Zoo-Chef Karl-Heinz Ukena dankte Flinner mit warmen Worten und einem Blumenstrauß.
Zoo-Chef Karl-Heinz Ukena dankte Flinner mit warmen Worten und einem Blumenstrauß. © Sven Ellger

Endlich ist das Tier in der Kiste. Der Kasper lässt seine lange Zipfelmütze rotieren und verabschiedet sich. Am Ausgang verteilt er Bilder zum Ausmalen und heute ausnahmsweise auch Gummibärchen.

Die Vorlagen für die Bilder hat Flinner selbst gezeichnet, so wie er seit jeher alles selbst in die Hand nimmt. Er komponierte die Musik, gestaltete die Hintergründe und baute gemeinsam mit seiner Frau Helga die Puppen. Neue Stücke gab es zuletzt zwar keine mehr, aber gerade hat er wieder eins in der Mache, das in den Schulferien Premiere feiern soll: "Beim Kasper geht die Hexe um."

Fast ergriffen steht Zoo-Archivar Winfried Gensch am Rand der Bänke und fotografiert. Kaum einer kennt "Flinni" so lange wie er. "Als Puppenspieler und Mensch ist er unersetzbar", sagt Gensch, der fürchtet, dass die Tradition mit ihm aussterben könnte. "Weil es solche Typen einfach nicht mehr gibt."

Mehr zum Thema Dresden