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Mehr Dresdner Kinder von Schule zurückgestellt

Die Zahl der Dresdner Kinder, deren Schulstart verschoben wird, steigt von Jahr zu Jahr. In welchem Stadtteil das Problem am größten ist und welche Gründe es gibt.

Auch im neuen Schuljahr ist die Zahl der Kinder, deren Einschulung um ein Jahr verschoben wird, im Vergleich zu den Vorjahren etwas gestiegen.
Auch im neuen Schuljahr ist die Zahl der Kinder, deren Einschulung um ein Jahr verschoben wird, im Vergleich zu den Vorjahren etwas gestiegen. © Symbolbild: dpa/Robert Michael

Dresden. Seit gut zwei Wochen sitzen die neuen Dresdner Erstklässler auf der Schulbank, lernen dort lesen, schreiben und rechnen. Doch nicht alle Kinder, die vom Alter her gesehen hätten eingeschult werden sollen, haben in diesem Jahr ihre Zuckertüte bekommen. Einige wurden "vom Schulanfang zurückgestellt", wie es im Amtsdeutsch heißt. Tendenz steigend. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema. 

Wie haben sich die Zahlen zuletzt entwickelt?

In diesem Schuljahr 2020/2021 wurden 557 Kinder vom Schulbesuch zurückgestellt, teilt das Gesundheitsamt auf SZ-Anfrage mit. Im Schuljahr 2019/2020 wurden 534 Kinder und im Schuljahr 2018/2019 insgesamt 513 Kinder zurückgestellt. Betrachtet man diese Entwicklung in Bezug auf die Zahl der Kinder, die theoretisch hätten eingeschult werden müssen, zeigt sich, dass der Anteil - wenn auch minimal - steigt: Waren es 2018 noch knapp 8,9 Prozent, machte ihr Anteil 2019 rund 9,1 Prozent aus. In diesem Schuljahr sind es mit 9,6 Prozent wieder einige Kinder mehr.  

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Wer entscheidet über eine Rückstellung?

Allgemein gilt für die Einschulung des Kindes folgende Regelung: Mit dem Beginn des Schuljahres werden alle Kinder, die bis zum 30. Juni des laufenden Kalenderjahres das sechste Lebensjahr vollendet haben, also sieben Jahre alt sind, schulpflichtig. Kinder, die in der Zeit vom 1. Juli bis 30. September des laufenden Kalenderjahres ihren siebten Geburtstag feiern, gelten ebenfalls als schulpflichtig, wenn ihre Eltern sie für die Grundschule angemeldet haben. Grundsätzlich sollte ein Kind geistig und körperlich so entwickelt sein, dass es "erfolgreich am Unterricht teilnehmen kann".

Bei der Entscheidung, ob das möglich ist, spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Untersucht werden die Schulanfänger zunächst vom Amtsarzt im Herbst vor dem Schulstart. Während der Visite müssen sie Aufgaben lösen. Zum Beispiel bis 20 zählen, Wörter nachsprechen oder Reihen logisch vervollständigen. Danach spricht der Schularzt eine Empfehlung aus. 

Ob ein Kind in dem Schuljahr, in dem es schulpflichtig ist, eingeschult wird oder nicht, entscheidet letztlich der Schulleiter der Wunsch-Grundschule. Dabei werden die Eltern einbezogen, die auch von sich aus einen Antrag auf Rückstellung stellen können.

Welche Gründe gibt es dafür, ein Kind später einzuschulen?

Das Thema der Schulrückstellungen einzelner Kinder ist nicht neu. Das  Gesundheitsamt und das Landesamt für Schule und Bildung nennen als Gründe Entwicklungsprobleme, die überwiegend bei der Sprache und der visuellen Wahrnehmung auftreten. Beides sind wichtige Voraussetzungen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Außerdem sei bei manchen der betroffenen Kindern die soziale Entwicklung verzögert. 

Auch zu früh Geborene, die häufig weniger weit entwickelt sind als ihre Altersgenossen, werden oft später eingeschult. Ebenso wie chronisch kranke Kinder mit noch geplanten medizinischen Eingriffen vor dem Schulanfang oder anderen körperlichen Einschränkungen. 

Die Kitas werden ebenfalls in die Entscheidung, ob ein Kind eingeschult wird oder nicht, mit einbezogen. Ulrike Novy, Sprecherin der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die viele Kitas in Dresden betreibt, sagt: "Wir nehmen in den letzten Jahren eine Zunahme der Rückstellungen wahr." Wenn sie als Kita zu diesem Schritt raten, seien Probleme in der Sprachentwicklung eine der wichtigsten Ursachen. Steigende Zahlen und zunehmende Sprachprobleme bei den sechs- und siebenjährigen Kindern bestätigt auch Ulrike Peter vom DRK Dresden, das ebenfalls Träger etlicher Dresdner Kitas ist.

In welchem Stadtteil gibt es die meisten Rückstellungen?

Hier ist die Antwort etwas überraschend. Anders als etwa der aktuelle Dresdner Bildungsbericht vermuten lässt, ist das weder in Prohlis noch Gorbitz der Fall. Beide Stadtteile schneiden im Bildungsbericht bei der sprachlichen und motorischen Entwicklung der Kinder nach wie vor am schlechtesten ab. Aber: Gemessen an der Anzahl der im jeweiligen Grundschulbezirk wohnenden Schulanfänger ist der prozentuale Anteil der zurückgestellten Kinder im Schulbezirk Neustadt mit rund 17 Prozent am höchsten. Im Schulbezirk Blasewitz 1 ist er mit rund fünf am niedrigsten. 

Warum der Anteil in der Neustadt so hoch ist, kann das Schulverwaltungsamt nicht beantworten, denn die Entscheidung zu den Rückstellungen treffen Schule, Kita und Eltern individuell für jedes Kind. 

Wie schätzt eine Dresdner Grundschulleiterin die Lage ein?

Eine der größten Dresdner Schulen, an denen Erst- bis Viertklässler lernen, ist die 95. Grundschule in Laubegast. Hier werden etwa 400 Kinder unterrichtet, die Schulplätze sind bei Familien sehr gefragt. Leiterin Kerstin Rakowski hat sich schon mit vielen Fällen beschäftigt, in denen eine Rückstellung zur Debatte stand. Sie bestätigt, dass die Entscheidung darüber immer gemeinsam mit dem Schularzt und den Eltern getroffen wird. Eines fällt auch ihr auf: "Es gibt immer mehr Sprachauffälligkeiten - und das nimmt von Jahr zu Jahr zu." 

Die Gründe dafür seien vielfältig, sagt Kerstin Rakowski. In einigen Familien wird heute weniger gesprochen, vermutet sie mit Blick auf den gestiegenen Medienkonsum. Viele Eltern würden sich zudem auf die Arbeit der Kita-Erzieher verlassen oder ihr Kind zum Logopäden schicken. "Die allein können es aber nicht richten." Da seien auch die Eltern selbst in der Pflicht.

Dennoch findet die Schulleiterin, dass der leichte Anstieg der Rückstellungen kein Grund zur Sorge ist. Vor einigen Jahren sei das Problem viel drastischer gewesen, als Eltern ihre Kinder von sich aus ein Jahr später in die Schule schickten, weil es besser in ihre eigene Lebensplanung passte. "Das ist heute bei uns gar nicht mehr der Fall."

Was fordern Dresdner Bildungspolitiker?

Matthias Dietze, Lehrer und CDU-Stadtrat, beobachtet zunehmend eine verringerte Konzentrations- und Merkfähigkeit, aber vor allem auch problematisches soziales Verhalten bei einigen Kindern. "Hier sind die Schulen für die Zukunft mit ihren medienpädagogischen Konzepten gefordert, aber auch die Eltern in der Pflicht. Der Fernseher gehört nicht in das Kinderzimmer und Kleinkinder müssen auch noch nicht daddeln". Es sei aber falsch, die steigende Zahl an verspäteten Einschulungen einzig auf den steigenden Medienkonsum zurückzuführen. 

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Linken-Stadträtin Anne Holowenko wiederum betont, wie wichtig heute die Arbeit der Pädagogen in den Kitas ist, und fordert, dass an dieser Stelle nicht gespart wird. "Insbesondere den Kitas kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion bei der Erkennung von Defiziten und der Sprachförderung zu." Grünen-Stadträtin Agnes Scharnetzky sieht das ähnlich. "Im Hinblick auf den Medienkonsum können gerade Kitas dazu beitragen, Kindern reizärmere Angebote als Smartphone und Fernseher zu bieten und auch in der Elternarbeit dafür zu werben. "

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