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Schulbegleiter-Bedarf in Dresden ist stark gestiegen

Ein Grund seien vermehrt seelische Behinderungen, sagt Koordinatorin Jasmin Adomeit. Die Hürden, einen Begleiter zu bekommen, sind hoch.

Jasmin Adomeit ist Schulbegleiter-Koordination in Dresden.
Jasmin Adomeit ist Schulbegleiter-Koordination in Dresden. © Sven Ellger

Dresden. Johann kann sich nicht konzentrieren. Immer wieder schweifen seine Gedanken ab. Zwei Matheaufgaben am Stück zu rechnen, ist beinahe unmöglich. Er hat immer wieder Wutanfälle, schreit und tritt um sich. Der Zehnjährige Dresdner bekam die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Sich auf den Unterricht zu konzentrieren und sich mit den Klassenkameraden zu verstehen: Beides sind große Herausforderungen für den Jungen. Herausforderungen, die er ohne Hilfe kaum bewältigen kann.

Jasmin Adomeit bietet solche Hilfe. Sie leitet ein neues Projekt der Arbeiterwohlfahrt, mit dem Kinder wie Johann, der eigentlich anders heißt, unterstützt werden. Es geht, darum, die Kinder in der Schule zu begleiten.

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Was genau ist ein Schulbegleiter?

"Die AWO-Schulbegleitung ist ein Angebot für Schüler, die aufgrund von geistigen, körperlichen, seelischen und Mehrfachbehinderungen beim Besuch einer Schule Schwierigkeiten haben", sagt Jasmin Adomeit, Koordinatorin des Projektes. Über diese persönliche Assistenz von einem Sozialarbeiter etwa sollen die Kinder besser am Unterricht, aber auch am sozialen Leben in der Klasse teilnehmen können. Also in der Pause und im Hort.

„Insbesondere der Bedarf aufgrund einer seelischen Behinderung hat stark zugenommen“, so Adomeit. „Die gesellschaftlichen Veränderungen und die zunehmende Digitalisierung bereits im Kleinkindalter, aber auch die systemische Auswirkung der Pandemie in den Familien sind klar sichtbar", betont die 38-Jährige. Es sei wichtig, den Kindern hier wieder mehr emotionale Stabilität und Struktur zu vermitteln und dadurch Barrieren abzubauen. Für die Anforderungen der sozialen und emotionalen Förderung werden die Schulbegleiter der AWO speziell geschult.

Besonderen Wert legt das Projekt auf die Selbstbestimmung der Schüler. Sie sollen mitbestimmen dürfen, wie viel und welche Hilfe sie brauchen, und wann sich der Schulbegleiter auch mal zurückziehen soll. Etwa beim Spielen auf dem Pausenhof.

Durch die Schulbegleitung erhalten Kinder mit Behinderungen die Möglichkeit eines Bildungsangebotes in einer Schule in ihrer Nähe. "Es sollen soziale Kontakte in der Nachbarschaft geknüpft und ein Aufwachsen in der gesellschaftlichen Mitte möglich werden", so Adomeit.

Wie viele Schulbegleiter gibt es derzeit in Dresden?

Aktuell nehmen 108 Schülerinnen und Schüler in Dresden über die Leistungen zur Teilhabe an Bildung eine sogenannte Schulassistenz in Anspruch. Dafür sind insgesamt 105 Schulassistenten im Einsatz; in sehr wenigen Einzelfällen werden zwei schulpflichtige Personen durch einen Schulassistenten betreut. Schulassistenten kommen in Regelschulen, freien Schulen und Förderschulen zum Einsatz.

Wie hoch ist der tatsächliche Bedarf ?

Jasmin Adomeit betont, der Bedarf sei sehr groß und die Wartezeit in Dresden mitunter recht lang. Ihr Projekt ist jetzt erstmal mit fünf Mitarbeitern gestartet, soll aber noch ausgebaut werden. Die Stadt sagt, der Bedarf an Schulassistenz werde durch das Sozialamt Dresden als Träger "grundsätzlich gedeckt". In aktuell zwei Fällen werde aber noch ein Leistungsanbieter gesucht. Diese Kinder besuchten weiterhin die Schule, so die Stadt.

Unter welchen Voraussetzungen bekommt ein Kind einen Schulbegleiter bewilligt?

Wenn ein Bedarf entdeckt wird, etwa im Kindergarten, bei der Einschulungsuntersuchung oder im Laufe der Schulzeit, weil zum Beispiel Autismus oder ADHS diagnostiziert wird, folgen diverse Diagnostikverfahren bei Ärzten.

Laut Stadt müssen alle anderen Leistungen durch das Landesbildungsamt ausgeschöpft sein, bevor ein Schulbegleiter bewilligt wird. Dazu gehörten ein sonderpädagogischer Förderbedarf oder ein Nachteilsausgleiche, etwa für Dyskalkulie. Erst dann würden die Leistungen der Eingliederungshilfe greifen.

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Die Schulbegleitung wird über das Sozial-oder Jugendamt beantragt und kann ab der Einschulung bis zur Promotion bewilligt werden. Für Kinder oder Jugendliche mit einer seelischen Behinderung ist das Jugendamt zuständig, für jene mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung ist dies das Sozialamt.

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