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Fast 500 Anzeigen für Dresdner Schulverweigerer

Jugendliche haben oft Probleme mit Schulangst oder sozialen Phobien. Corona hat die Lage verschärft.

Corona hat die Probleme verschärft.
Corona hat die Probleme verschärft. ©  Claudia Hübschmann (Symbolbild)

Dresden. Das vergangen Corona-Jahr war enorm anstrengend für viele Dresdner Familien. Vor allem auch für Schüler, die zwischen Home Schooling und Präsenzunterricht hin und her pendelten. Manche sehen seit Dezember ihre Schule nur jede zweite Woche von innen. Während das viele gut wegstecken, verstärkt es bei anderen die Angst vor der Schule und andere Probleme. Sie gehen nicht zur Schule, wochenlang. Schulabsentismus nennen das die Mediziner. Die Kinder schwänzen die Schule nicht, weil sie "keinen Bock" haben - das sind die Ausnahmen - sondern weil sie nicht in der Lage sind.

Wie viele Schulverweigerer gab es 2021 und 2020?

Trotz des vergangenen Corona-Jahres 2020, in dem die Schulen von Mitte März bis Mitte Mai mit Ausnahme der Notbetreuung komplett geschlossen waren, fehlten 495 Dresdner Schüler mehrfach in der Schule unentschuldigt. Das gab das Schulverwaltungsamt auf SZ-Anfrage bekannt. Die meisten Anzeigen, nämlich 208, gab es für 13- bis 16-Jährige Schüler an Oberschulen.

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2021 fehlten bisher 53 Schüler unentschuldigt. Auch in diesem Jahr waren die Schulen bis Mitte Februar komplett zu, seitdem sind die Schüler ab Klasse 5 im Wechselunterricht.

Wie viele davon mussten Bußgeld zahlen?

2020 wurden gegen 401 Schüler oder deren Eltern ein Bußgeld verhängt. Die Höhe des Bußgeldes richtet sich nach der Schulart und danach, ob es sich um ein wiederholtes Vergehen handelt. Insgesamt betrug die Höhe der Bußgelder 63.800 Euro.

2021 wurden bisher 13 Bußgelder gegen Schüler verhängt, was einer Gesamtbußgeldhöhe von 2.310 Euro entspricht.

Viele Bußgeldverfahren sind laut Stadt noch nicht abgeschlossen, da die Anhörungsfristen noch laufen. Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren, gegen die ein Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen Schulverweigerung anhängig war, mussten eine Woche Jugendarrest verbüßen, wenn die verhängten gemeinnützigen Arbeitsstunden nicht abgeleistet und das verhängte Ordnungsgeld nicht bezahlt wurde.

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Welche Rolle spielte die Pandemie?

Eine große, so Veit Roessner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik. "Denn drei besonders wichtige Aspekte eines regelmäßigen Schulbesuchs sind bei vielen Kindern weggefallen: Die Tagesstrukur und der emotionale, soziale und kognitive Austausch mit Gleichaltrigen. Der ist elementar für die Bewältigung der notwendigen Entwicklungsaufgaben." Auch hier gebe es Ausnahmen, die dies ohne einen Schulbesuch „hinbekommen“, aber es seien eben Ausnahmen. Wichtig, so der Mediziner seien für die Kinder auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit wie durch den Erfolg einer gemeinsamen Projektarbeit . Genau dies aber sei durch die Schulschließungen weniger geworden.

Andreas Lachnit, Oberarzt für Kinder- und Jugendmedizin und Experte für Psychosomatik am städtischen Klinikum , stellt einen deutliche Anstieg an Anfragen von Eltern und Kindern im Bereich des Schulschwänzens fest. "Die Schulschließungen waren eine große Belastung für die Kinder und die Familien, gerade für Familien aus schwierigen sozialen Umfeldern", sagt er. Dazu komme der große Druck auf die Schüler durch viele Tests und Klassenarbeiten in den Phasen der offenen Schulen. "Es ist dringend nötig, bis zum Ende des Schuljahres den Druck rauszunehmen", sagt er. Auch in der ausgesetzten Präsenzpflicht sieht er ein Problem.

Lachnit versteht zwar die Angst vor Ansteckung. "Doch es besteht die Gefahr, dass Kinder, die ohnehin soziale Ängste haben, sich im Home Schooling zu sehr einrichten und dann Probleme haben, wieder täglich in die Schule zu müssen."

Was sind die Gründe für Schulabsentismus?

"Die Gründe, warum Kinder und Jugendliche dem Unterricht fernbleiben, sind sehr verschieden. Das können Schulunlust, Streitigkeiten mit Freunden oder Schul- und Prüfungsangst sein", so das Schulverwaltungsamt. Veit Roessner spricht von genereller Angst vor anderen Personen und Gruppen, aber auch von Angst vor Mobbing oder Leistungsversagen. Zudem gebe es Lust auf Alternativbeschäftigungen, Regelbrüche und Verweigerungen. Roessner beobachtet zu wenig Struktur und Respekt in der Familie, aber auch Überfürsorglichkeit der Eltern, etwa mit vielen Krankschreibungen bei fehlenden, körperlichen Ursachen.

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