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Schwierige Kleingarten-Suche in Dresden

Die Wartelisten werden immer länger. Der ewige Corona-Lockdown zieht vor allem junge Leute ins Grüne. Nicht alle Vertrauen dem Boom.

Angelique Walter sucht zunehmend verzweifelt einen Kleingarten in Dresden.
Angelique Walter sucht zunehmend verzweifelt einen Kleingarten in Dresden. © Sven Ellger

Dresden. Sie ist gern hier oben. Der Ausblick vom Kleingartenverein Wilder Mann an der Weinbergstraße in Trachau ist schwer zu übertreffen. Wie gern würde Angelique Walter jeden Tag hier herkommen, das Tor zu ihrer Parzelle öffnen und die Natur genießen.

Sporadisch schaute die 45-Jährige schon länger nach einem Kleingarten "in Fahrradnähe" ihrer Wohnung in Klotzsche. Dort wohnt sie im Haus ihrer Vaters, der in seinem Garten kein Obst und Gemüse anbauen möchte, weil er das Jäten schon als Kind gehasst hat und es doch heute alles im Supermarkt gebe.

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Seine Tochter aber würde liebend gern ihren selbst angebauten Lebensmitteln beim Wachsen zusehen. Die selbstständige Keramikerin würde Humus aufbauen und ihr Wissen über Permakultur und solidarische Landwirtschaft an andere Kleingärtner weitergeben. "Aber natürlich würde ich auch mal einen Kaffee in meiner Laube genießen."

Seit etwa einem Jahr sucht Angelique Walter aktiv, intensiv - und erfolglos. "Ich habe schon früh gemerkt, dass das in Dresden schwierig werden könnte", sagt sie. Spätestens seit Beginn der Corona-Krise im vergangenen Jahren verfolgen viele Dresdner dasselbe Ziel und sehnen sich nach einer kleinen Oase im Grünen. Zum Stressabbau. Zur Ablenkung. Als Urlaubsersatz.

Vor allem viele junge Familien träumen derzeit von ihrer eigenen kleinen grüne Oase.
Vor allem viele junge Familien träumen derzeit von ihrer eigenen kleinen grüne Oase. © Christian Juppe

Auch Susan sucht zusammen mit ihrem Freund schon seit einem Jahr eine freie Parzelle. "Da wir in der Neustadt wohnen, hätten wir gerne einen Garten in der Hellersiedlung", sagt die 34-Jährige. Manchmal seien sie schon dicht dran gewesen, "aber die, die uns gefallen hätten, wurden uns quasi knapp vor der Nase weggeschnappt". Susan würde gern reichlich Obst und Gemüse anbauen und entspannte Stunden mit ihrem Hund verbringen. "Ein Pool für den Sommer wäre das Sahnehäubchen."

Für viele Suchende heißt es zur Zeit aber: warten und Geduld haben. Wochenlang gab es zuletzt in der Rubrik "Freie Gärten" auf der Website des Stadtverbandes "Dresdner Gartenfreunde" keine Einträge. Gerade ist hier immerhin ein Garten in der Anlage Nautelweg e.V. in Plauen zu vergeben, inklusiver baufälliger Laube.

Auch auf bekannten Online-Portalen sieht es derzeit nicht besser aus. Anstelle von Angeboten werden hier täglich neue Anfragen inseriert: "Kleingarten gesucht", "Familie sucht Kleingarten", "Kleingarten im Hecht". Wenn dazwischen doch mal eine Parzelle angeboten wird, dann häufig zu horrenden Preisen von bis zu 5.000 Euro. Das riecht nach Kleingarten-Blase.

Parzellen-Zahl soll stabil bleiben

Der Chef des Dresdner Kleingärtner-Stadtverbandes bestätigt, dass die Nachfrage nach Gärten derzeit enorm sei. "Selbst in den kleineren Anlagen gibt es inzwischen zum Teil lange Wartelisten", sagt Frank Hoffmann. "Das ist schon ungewöhnlich."

Zwar gebe es jedes Jahr noch immer rund 800 bis 1.000 Pächterwechsel bei insgesamt rund 23.000 Parzellen, doch in der Regel seien die Gärten schneller wieder vergeben, als man suchen könnte. Auf der Website seines Verbandes würden sowieso nur die Ladenhüter landen, die in "normalen" Zeit schwerer vermittelbar wären. Auch den Verband erreichten jeden Tag Anfragen, vor allem von jungen Familien. "Momentan kann der große Bedarf nicht gedeckt werden", sagt Hoffmann.

Dass sich die Zahl der Kleingärten in Dresden kurz- oder mittelfristig erhöhen könnte, hält Hoffmann für unrealistisch. "Zur Zeit sehen wir es als unsere wichtigste Aufgabe an, dass es nicht weniger Parzellen werden."

Dort, wo wie Stadt selbst Bauland auf Kleingärten-Terrain beansprucht, etwa für den neuen Wissenschaftspark im Dresdner Osten, würden in Zusammenarbeit mit dem Verband rechtzeitig Ersatzflächen zur Verfügung gestellt. Zum Teil entstünden auf diese Weise komplett neue Anlagen. Schwieriges sei es, wenn Privateigentümer ihr Land anderweitig nutzen wollen.

Neu anlegte Parzellen würden bewusst kleiner gehalten, um möglichst viele Interessenten zum Zuge kommen zu lassen.

Hoffnung nach Corona

Hoffmann kann sich gut vorstellen, dass sich die momentan äußerst schwierige Kleingarten-Suche in Dresden nach dem Ende der Pandemie entspannen wird. "Vielen geht es ja nicht in allererster Linie um die kleingärtnerische Nutzung, sondern sie wollen einen geschützten Raum außerhalb ihrer Wohnung. Ich fürchte, einige werden den Anbau recht schnell als Last empfinden und merken, dass sie das eigentlich gar nicht wollen."

Dann könnten nach Corona schnell wieder Plätze für die "echten" Kleingarten-Freunde frei werden. Vor allem in den vielen kleineren Anlagen im Stadtgebiet dürften die Chancen auf die Übernahme einer Parzelle dann wieder steigen.

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Auch Angelique Walter will nicht aufgeben. Sie hat sich vorgenommen, bald einige Initiativbewerbungen direkt an die Vereine zu schicken. "Davon verspreche ich mir mehr, als mich auf Platz 150 in irgendeiner Warteliste einzutragen."

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