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Das Ende des grünen Turms an der Autobahn

Für viele ist es eine wichtige Landmarke, ein Stück Heimat. Das markante Bauwerk an der A17 bei Dresden-Gompitz. Jetzt geht eine bemerkenswerte Geschichte zu Ende.

In den 50er-Jahren für den Richtfunk gebaut, knabbern jetzt die Abrissbagger am grünen Turm.
In den 50er-Jahren für den Richtfunk gebaut, knabbern jetzt die Abrissbagger am grünen Turm. © Annett Heyse

Wolfgang Lill hat sich eine Stelle gesucht, die nicht eisglatt ist. Nun steht er im Restschnee nahe der A17 bei Dresden-Gompitz, ein kalter Wind pfeift ihm um die Ohren. Seine Frau sei nicht begeistert gewesen, als er am Morgen alles stehen und liegen ließ, um schnell hierher zu fahren. "Aber das ist doch ein historischer Moment", sagt der Senior und schaut dem Bagger zu, der sich durch die Stahlbetondecken eines Gebäudes beißt, welches vielen nur als "Grüner Turm" bekannt ist.

Das markante Bauwerk an der Stadtgrenze von Freital und Dresden ist weithin sichtbar. Selbst von der anderen Elbtalseite aus kann man es gut erkennen. Noch. In ein paar Tagen ist die Landmarke weg. Der Eigentümer, die Deutsche Funkturm, lässt den Turm abreißen.

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Wolfgang Lill, ehrenamtlicher Redakteur bei radiomuseum.org, hat sich intensiv mit der Geschichte und Funktion des Turmes befasst.
Wolfgang Lill, ehrenamtlicher Redakteur bei radiomuseum.org, hat sich intensiv mit der Geschichte und Funktion des Turmes befasst. © Annett Heyse

Sanierung wäre zu teuer gewesen

Bereits im Dezember fand die Entkernung des Turmes statt, nun haben die Abbrucharbeiten begonnen. "Aktuell wird die Stahlkonstruktion zurückgebaut. Die Arbeiten enden mit dem Rückbau der Kellerräume", schildert Benedik Albers, Pressesprecher bei Deutsche Funkturm. Je nach Witterung sei man voraussichtlich Ende Februar komplett fertig.

Dass der Altbau nicht erhalten werden konnte, liege an seinem Zustand. Das Gebäude sei marode, was nicht nur am abfallenden Putz liegt. "Um den Turm weiterhin zu erhalten, wären sehr umfangreiche und kostenintensive Instandsetzungsmaßnahmen angefallen", sagt Albers.

SED brauchte unabhängiges Netz

Wolfgang Lill hat sich eingehend mit der Geschichte des Turmes befasst. Mühsam trug er Kapitel für Kapitel einer Historie zusammen, die zumindest zu DDR-Zeiten unter dem Deckmantel gehalten wurde. "Vieles haben mir die Kleingärtner von nebenan erzählt", berichtet Lill und weist mit einer Armbewegung in Richtung nahegelegene Gartensparte.

Der Turm wurde Mitte der 50er-Jahre erbaut. Anlass war der 17. Juni 1953, als sich in der DDR unzufriedene Arbeiter gegen die Staatsführung erhoben. "An dem Tag versagte die Kommunikation zwischen den einzelnen SED-Bezirksleitungen, weil das Telefonnetz nicht richtig funktionierte." Die Fernmeldetechnik war teils im Krieg zerstört, teils von den russischen Besatzern abgebaut worden. Der Rest - ein technisches Desaster. Und ein politisches obendrein.

Das wollte die SED-Führung kein zweites Mal erleben. Sie beschloss, ein eigenes, unabhängiges Schmalband-Richtfunknetz aufzubauen. 1954 wurde deshalb mit dem Bau des Turmes bei Gompitz begonnen - 21 Meter hoch, unterkellert und mit fünf Etagen. 1956 oder 57 ging er ans Netz.

Turm wurde streng bewacht

Das Gebäude war ein sogenannter A-Turm, also im SED-eigenen Richtfunknetz von besonderer Bedeutung. "Von hier ging die Kommunikation über einige wenige Verstärkerstationen direkt nach Berlin", berichtet Wolfgang Lill. Der Turm war ständig mit zwei bis drei Mitarbeitern besetzt.

Später habe auch die Nationale Volksarmee Anlagen auf dem Gompitzer Turm betrieben, hat Wolfgang Lill herausgefunden. Außerdem wurde auf dem Dach eine Art Hütte errichtet, in der zeitweise Polizisten saßen und den Luftraum über Dresden beobachteten. "Das war so eine Art Luftaufklärung immer dann, wenn es im Kalten Krieg mal wieder Bewegung gab."

Kein Wunder also, dass der Turm streng bewacht wurde. Lill weist auf den alten, rostigen Maschendrahtzaun, dessen oberes Ende von Stacheldraht gekrönt ist. "Und das war nur die äußere Umgrenzung. Es gab noch einen inneren Zaun, der mit einem Klingeldraht ausgestattet war. Zwischen den beiden Zäunen liefen wohl auch Hunde." Das hätten ihm die Kleingärtner erzählt.

Für Radio- oder Fernsehübertragungen hingegen habe der Turm keine Bedeutung gehabt. Stattdessen war er für die Zeitung "Neues Deutschland" wichtig, dem republikweiten SED-Blatt. "Mit spezieller Technik aus dem Westen wurden die Seiten in Richtung Druckerei übertragen", erklärt Wolfgang Lill. Später habe man Osttechnik verwendet, die nur leidlich funktionierte. Auch die "Tribüne", ein Blatt des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes FDGB wurde von hier aus zur Druckerei gesendet.

Bürger plünderten Technik

Ab 1984 gehörte der Turm der Deutschen Post. In der Wendezeit brachen Bürger in die verlassenen Räume ein, teilweise wurde die Technik geplündert oder zerstört.

Mit der Deutschen Einheit wurden die Bundespost und schließlich die Deutsche Telekom Eigentümer. Das Unternehmen rüstete den Turm, dessen Standort für den aufkommenden Mobilfunk ideal war, mit neuer Technik aus.

Zum Schluss betrieb die Deutsche Funkturm, eine Tochtergesellschaft der Telekom, den Turm. Sie unterhielt dort verschiedene Funkdienste, unter anderem UKW, Mobil- und Richtfunk.

Der Bagger knabbert sich durch Ziegelwerk und Stahlbetondecken des Anbaus. Der Turm war 21 Meter hoch, hatte fünf Etagen und einen Keller.
Der Bagger knabbert sich durch Ziegelwerk und Stahlbetondecken des Anbaus. Der Turm war 21 Meter hoch, hatte fünf Etagen und einen Keller. © Annett Heyse

Neuer Sendemast ist 50 Meter hoch

Doch das Bauwerk war nicht nur zu alt, sondern für die modernen Anforderungen auch nicht mehr hoch genug. Deshalb ließ die Deutsche Funkturm 2019 unmittelbar neben dem Altbau einen 50 Meter hohen Sendemast errichten. Er wurde mit Sendeanlagen für den Richtfunk und den Mobilfunk bestückt. "Damit können wir einen größeren Versorgungsbereich in Gompitz abdecken", heißt es aus dem Unternehmen.

Nun arbeitet sich der Abrissbagger durch den Turm. Der besteht eigentlich aus zwei Bauwerken, die aneinander gesetzt wurden. Zunächst wird der Anbau, bestehend aus Ziegeln und Stahlbetondecken, abgerissen. Dann folgt ab der Wochenmitte der Abriss des Hauptteils.

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Für Wolfgang Lill geht damit eine Ära in Dresden-Gompitz zu Ende. Er lässt noch ein Foto von sich vor dem Tor der Anlage machen. Außerdem hat er einen Bauarbeiter gebeten, ihm den kleinen Suchscheinwerfer vom Tor zu überlassen - als Andenken.

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