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Selbstanzündung in Dresden: Wer war Halil S.?

Seine Selbstverbrennung hinter dem Landtag versetzte die Stadt Dresden in einen Schockzustand. Was brachte den Kurden zu der Tat?

Gedenkkundgebung für Halil S. an der Verbrennungsstelle nahe des sächsischen Landtags.
Gedenkkundgebung für Halil S. an der Verbrennungsstelle nahe des sächsischen Landtags. © Sven Ellger

Dresden. Das Ereignis war ein Schock für viele – für diejenigen, die es mit ansehen mussten und für diejenigen, die verzweifelt versuchten, dem Mann, der am 12. Februar neben dem Landtagsgebäude plötzlich in Flammen stand, zu helfen.

Er hatte sich selbst angezündet. Alle Rettungsversuche blieben erfolglos, wenig später verstarb der Mann in einer Dresdner Klinik. Inzwischen hat die Dresdner Polizei geklärt, dass es sich bei dem Toten um einen 49-Jährigen aus der Türkei gehandelt hat, der im Stadtteil Briesnitz gewohnt hatte.

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Zum Motiv und zu den Hintergründen für die Selbsttötung hat sie sich bisher nicht geäußert. Doch wer war der Mann? Und warum hat er sich selbst angezündet?

Als Flüchtling aus der Türkei nach Dresden gekommen

Halil S. soll im südostanatolischen Siirt geboren worden sein. Das meldete zumindest eine der kurdischen Arbeiterpartei PKK-nahestehende türkische Nachrichtenagentur Anfang der Woche. S. war bekennender Anhänger der vom Verfassungsschutz als terroristisch eingestuften Organisation.

Der Kurde flüchtete vor über 20 Jahren nach Deutschland, weil seine Familie in der Türkei politisch verfolgt wurde. Mehrere seiner Verwandten sollen dort ermordet worden sein. Er bekam 2001 Asyl zugesprochen und wohnte seitdem in Dresden, wo er nach Aussagen von Bekannten zunächst im Baugewerbe tätig war. In seiner Freizeit verbrachte Halil S. viel Zeit in einem kurdischen Verein im Stadtteil Pieschen.

Eine Partnerin, Kinder oder Familienangehörige habe der Kurde nicht gehabt, heißt es aus dem engeren Umfeld von Halil S. Er habe stattdessen seine komplette Zeit dafür gewidmet, unter seinen Mitbürgern mit kurdischen Wurzeln für den in der Türkei inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan zu werben.

Mehrfache Haftstrafen, zuletzt 2011

Immer wieder kam S. deshalb mit dem Gesetz in Konflikt. Weil er politische Arbeit für die PKK und ihre Nachfolgeorganisationen wie Kongra El betrieb, wurde er mehrfach zu Haftstrafen verurteilt. Sein letzter Prozess, über den die Sächsische Zeitung 2011 berichtete, fand vor dem Landgericht Dresden statt.

Ende 2009 hatte S., das sah das Gericht als erwiesen an, rund 20.000 Euro an Spenden für die verbotenen Gruppierungen eingesammelt. Als Verantwortlicher für den Raum Dresden habe er auch Zeitschriften oder Eintrittskarten für Veranstaltungen der illegalen Organisationen vertrieben, hieß es in der Urteilsverkündung.

Wegen "Zuwiderhandelns gegen ein vereinsrechtliches Betätigungsverbot" wurde er 2011 von der Staatsschutzkammer des Landgerichts zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten verurteilt. Zuvor hatten die Ermittlungsbehörden den PKK-Anhänger auch in seiner eigenen Wohnung per Video überwacht. Strafschärfend wurde letztlich auch gewertet, dass S. unmittelbar nach der Entlassung aus dem Vollzug seiner letzten einschlägigen Haftstrafe sofort wieder tätig geworden sei.

Halil S. war in Dresden bekannt

Bereits 2010 hatte die Verteidigerin von Halil S., Waltraut Verleih, gegenüber der SZ ausgesagt, Halil S. sei gesundheitlich angeschlagen. 2016, so berichten Bekannte, habe S. dann einen schweren Autounfall gehabt und sei seitdem nicht mehr arbeitsfähig gewesen.

Innerhalb der kurdischen Gemeinschaft in Dresden war Halil S. ein sehr bekanntes Gesicht. Zu einer Gedenkstunde hinter dem Landtag versammelten sich am vergangenen Dienstag rund 150 größtenteils in Dresden lebende Kurden.

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Bereits mehrfach haben sich in Deutschland kurdische PKK-Anhänger aus Protest gegen die Inhaftierung Öcalans selbst verbrannt, zuletzt unter anderem 2018 auf einem Feld in Ingolstadt und 2019 vor einem Gerichtsgebäude in Krefeld.

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