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Sido in Dresden: Singen statt Hüpfen

Der Deutschrapper Sido ließ seine Fans in der Jungen Garde beim größten Pop-Konzert des Sommers Corona glatt vergessen.

Sido bot am Donnerstag den knapp 2.000 Menschen in der „Garde“ eine professionelle Show mit etlichen Höhepunkten.
Sido bot am Donnerstag den knapp 2.000 Menschen in der „Garde“ eine professionelle Show mit etlichen Höhepunkten. © Jürgen Lösel

Karnevalisten vertrauen ihrem deppensicheren Töööörööö-Tusch, der jeden Büttenreden-Gag unmittelbar als solchen kenntlich macht. Und Sido hat sein splitterndes Glas. Der Deutschrapper ließ von seinem DJ nach jedem Song, nach jedem verbalen Exkurs das immergleiche Scherbel-Sample zum immergleichen Lichtgeblitze einspielen.

Was beim Konzert in der Dresdner „Jungen Garde“ anfangs noch witzig rüberkam, hatte bald jede Originalität verloren. Das Kokettieren mit dem eigenen Alkoholisierungs-Grad war nur mäßig unterhaltsamer. Ob Sido tatsächlich Dope oder nur eine stinknormale Zigarette geraucht, Wodka-Selters oder pures Leitungswasser geschlürft hat – es spielte keine Rolle. Schließlich kippte er weder sternhagelvoll von der Bühne noch kam er irgendwie vom Kurs ab. Er bot vielmehr den knapp 2.000 Menschen, die am Donnerstag die „Garde“ trotz Corona-Abstandswahrung gut gefüllt aussehen ließen, eine professionelle Show mit etlichen Höhepunkten.

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© Jürgen Lösel

Dafür baute der gebürtige Ostberliner weniger auf üppiges Zubehör, sondern vertraute zu Recht seinen Songs. Keine vielköpfige Begleitband, keine Video-Wände, kein Effekt-Feuerwerk. Nur besagter DJ und dazu eine Sängerin plus ein Sänger für die Refrain-Melodiebögen, die vor allem die neueren Nummern von Sido so markant machen. Zudem baute Paul Würdig alias Sido, von echten Fans Siggi gerufen, vom Start weg auf große Nähe zum Publikum, die durch die Abstandsregeln eher eine gefühlte blieb. Kaum sprang mal einer ganz vorn von seinem Stuhl auf und wagte ein paar Hopser, standen schon gänzlich spaßbefreite und somit hoch professionelle Security-Herren mahnend neben ihm. Sie duldeten halt nur sitzend zelebrierte Begeisterungsausbrüche.

© Jürgen Lösel

Eine Hip-Hop-Show ohne wild springende Fans? In Corona-Zeiten leider Standard. Doch da kann man ja was machen. Und so ließ Sido mal alle johlen, mal das in zwei Chöre unterteile Publikum in den Lautstärke-Wettstreit treten. Dass diese Show in Dresden sein erster richtiger Auftritt nach der Zwangspause und somit ein spezielles Fest, für die meisten Besucher vielleicht das einzige, mit Sicherheit aber das größte Konzert des Sommers und nicht minder ersehnt war, lag als emotionale Verbindung förmlich in der Luft. Die Verbindung zwischen sehr alten und neueren Songs brauchte, bis sie stand. 

Sido, vierfacher Vater, der im November 40 Jahre alt wird, hat’s nicht mehr ganz so mit den Werken seiner Anfangszeit. Zwar fragte er das Alter der anwesenden Kinder ab, um zu konstatieren: „Okay, ,Arschficksong’ mit zehn, das geht, oder?“ Spielte dann aber doch lieber harmloseren Stoff. Erst als Zugabe kam er mit einer reduzierten Version um die Ecke. Und ja, mag dieser Track bei vielen, die damit vor 15 Jahren ihre Eltern provozierten, heute noch Kult sein, doch nein, das Beste aus dem Sido-Gesamtwerk ist das ganz sicher nicht.

© Jürgen Lösel

Zwischen dem deutlich witzigeren „Carmen“, dem gefühligen „Bilder im Kopf“ oder dem selbstreflexiven „Das Buch“ vom aktuellen Album „Ich und keine Maske“ fanden die Mittvierziger ihr Highlight ebenso wie die Teenager, die aufgedrehten späten Mädchen oder die Basecap-Machos. Zwischendurch präsentiert der Stars des Abends seine Entdeckung: Rapper Bozza, bei Sidos Label unter Vertrag, brachte mit „Schon wieder“ Abwechslung in den Sound. Ein spezielles Corona-Statement hatte Sido auch auf Lager. Sein Fazit: „Es gibt so viele Meinungen gerade zu Corona. Ob das alles recht ist und ob wir eine Spritze kriegen sollen oder nicht. Glaubt, was ihr wollt, nur eins ist mir wichtig: Hört nicht auf Attila Hildmann.“ Wie könnte man dem Siggi da widersprechen?

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