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Dresden bald ohne DVB-Wartehäuschen?

Außenwerbung ist ein Milliardengeschäft. In Dresden beginnt bald ein Wettbewerb darum - mit tiefgreifenden Folgen.

Haltestellen sind beliebte Werbe-Objekte - in Dresden gibt es nun einen Kampf darum.
Haltestellen sind beliebte Werbe-Objekte - in Dresden gibt es nun einen Kampf darum. © Archiv: Christian Juppe

Dresden. Die Stadt Dresden hat sich über Jahre etliche Millionen an Beteiligung an Werbeeinnahmen entgehen lassen. Nun sollen die Verträge neu ausgeschrieben werden. Eine Konsequenz daraus wird vermutlich, dass 823 sogenannte Fahrgastunterstände an den DVB-Haltestellen abgebaut werden. Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Altverträge - die unbefriedigende Situation

Die aktuellen Verträge für die Außenwerbung laufen Ende 2022 aus und sind dann 30 Jahre alt. Bereits vor zehn Jahren hatte die Stadt die Chance, sie zu kündigen, der Stadtrat entschied sich damals aber dagegen.

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Es geht um Werbeflächen an den 823 Wartehäuschen der Haltestellen, um die 50 Litfaßsäulen, 50 bis 60 große Werbeflächen, sogenannte Mega-Lights, etliche kleinere City-Lights, einige öffentliche Uhren mit Werbeflächen und so weiter.

Im Kern haben zwei bundesweite Profi-Firmen den Markt bisher unter sich aufgeteilt: Ströer macht vorwiegend Großflächen-Werbung, Wall die an den Haltestellen. Entsprechend gehören 800 Fahrgastunterstände Wall, 23 Ströer, dazu gibt es noch 86 von der Stadt und weitere 44 gehören den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) selbst.

Die Stadt legte kurz nach der Wende vor allem Wert darauf, Haltestellen-Häuschen zu bekommen, zudem war der Werbemarkt noch nicht so lukrativ wie heute. Entsprechend erhält Dresden bisher etwas mehr als eine Million Euro pro Jahr an Konzession für die Flächen.

Außenwerbung ist mittlerweile aber ein Milliarden-Geschäft. Laut des Fachverbands Außenwerbung lag der Umsatz 2019 bei rund 2,45 Milliarden Euro deutschlandweit, heruntergebrochen auf Dresden sind das 16,5 Millionen Euro. Mit der Digitalisierung, kann die Werbung häufiger gewechselt werden - entsprechend ist künftig mit erheblich mehr Umsatz zu rechnen.

Unklarheit wird zum Problem

Die Verträge mit den beiden Firmen wurden auf Stadtratsbeschluss von der Stadt gekündigt, um ein größeres Stück vom Kuchen zu bekommen. Seit einer Weile gibt es ein Gezerre darum, was die neuen Verträge der Stadt mehr bringen sollen. Es geht um digitale Werbeflächen, mehr Geld und mehr Wartehäuschen an den Haltestellen.

Die Stadt setzt vor allem auf mehr Fahrgastunterstände. Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne) beziffert den Bedarf auf 1.500 - also deutlich mehr als die 823, die jetzt dastehen. Der Stadtrat hat mit dem Haushalt beschlossen, dass ab 2023 jedes Jahr 2,5 Millionen mehr mit der Werbung eingenommen werden soll als bisher. "Es geht aber nur eines, mehr Einnahmen oder mehr Fahrgastunterstände" , sagt Kühn. Das beträfe vor allem Randgebiete mit wenig Fahrgästen.

Auch deshalb wurde die entsprechende Vorlage dazu mittlerweile fünf Mal in den Ausschüssen vertagt. Kühn sagt, die Zeit drängt. Ende März müsse eine Entscheidung zur Ausschreibung getroffen werden, weil sonst droht, ab 2023 keine Verträge zu haben.

Dazu kommt, dass Ende 2022 die Firmen tatsächlich die Wartehäuschen abreißen müssen. So steht es in den Verträgen, bestätigt auch Kühn. Dann stünden die Stationen nahezu komplett ohne Unterstände da. Der Neuaufbau werde Wochen dauern. "Das wollen wir in den neuen Verträgen ändern", so Kühn.

Warum Dresden die Unterstände nicht will

Die Stadt könnte die Unterstände auch kaufen - gleiches gilt für das Unternehmen, das die Ausschreibung gewinnt. Wall, als Eigentümer von 800 der Wartehäuschen, hat der Stadt nach SZ-Informationen angeboten, die Unterstände für zwei Millionen Euro zu kaufen. Ein Nachfolge-Unternehmen müsste vier Millionen Euro zahlen. Das ist bereits das zweite Angebot, Wall wollte zunächst viel mehr für die Wartehallen.

Kühn will dazu nichts sagen, weil diese Angebote vertraulich sind. Er nennt es aber ein "taktisches Angebot". Die Preise seien viel zu hoch, heißt es auch aus dem Stadtrat. "Die Stadt müsste sämtliche Ersatzteile, wie Scheiben von Wall kaufen", so Grünen-Stadtrat Torsten Schulze. Dadurch drohen "überteuerte Preise".

Mehr Wettbewerb, mehr Geld - was Räte wollen

Die alten Verträge seien nicht zum Vorteil der Stadt, bestätigt Schulze. "Deshalb werden wir auch Ende 2022 leider den Abbau der Unterstände erleben." Nun gelte es, die Ausschreibung und damit Verträge im Sinne der Stadt zu formulieren. Neben möglichst vielen Fahrgastunterständen und mehr Einnahmen für die Stadt setzen die Grünen auf ökologische Aspekte. Photovoltaikanlagen und Gründächer auf den Häuschen, viele digitale Werbeflächen, das spart Plakate, Druck, Fahrwege und die Stadt kann die Bürger tagesaktuell informieren. Denn die Stadt will auch mehr eigene Werbung in den neuen Verträgen.

CDU und FDP wollen gemeinsam erwirken, die Lose - also die konkreten Bereiche, auf die Bewerber bieten - zu verkleinern. "Dadurch gibt es mehr Wettbewerb und bessere Preise für die Stadt", so CDU-Fraktionschef Peter Krüger. Er nennt die 2,5 Millionen Euro zusätzlich als Ziel. So solle auch ein neues Stadtbild entstehen, mit mehr Digitalisierung. "Wir müssen jetzt zuschlagen, wer weiß wie der Markt in Zukunft ist."

Noch höher geht die SPD ins Rennen. "Wir wollen das Maximum für die Stadt rausholen", so Stadträtin Kristin Sturm. Sie sieht Potenzial für vier Millionen pro Jahr für die Stadt. Denn die neuen Verträge sollen über 15 Jahre laufen. Damit können laut einer Berechnung der Stadt zwischen 248 und 817 Millionen Euro umgesetzt werden - je nachdem, wie viele Werbeträger digital sind und somit permanent die Werbung automatisch wechselt. Auch Sturm setzt auf mehr Wettbewerb.

Die "große Lösung" - verschenkt Dresden Geld?

Einen komplett anderen Ansatz verfolgt Die Linke. Stadtrat Tilo Kießling sagt: "Wir sind für eine große Lösung." Generell sei Die Linke für Rekommunalisierung. Die Stadtmöblierung, also Wartehäuschen, aber auch andere Werbeträger werden getrennt von der Werbung betrachtet. Sie werden von der Stadt oder einer städtischen Tochter errichtet und unterhalten. "Die auf diesen Stadtmöbeln schaltbare Werbung ist auszuschreiben und dient vorrangig der Finanzierung der Stadtmöblierung", erklärt Kießling seinen Plan.

Mit Wall und Ströer sollen die Verträge "kurz gehalten" verlängert werden, um einen Übergang abzusichern. Die Wartehäuschen sollen möglichst "nicht sofort und vollständig" entfernt werden. So ähnlich läuft es seit einer Weile in Berlin, wo die Verkehrsbetriebe diese Aufgabe übernommen haben. Die Einnahmen aus Werbung sind von gut 17 Millionen Euro auf 26 Millionen Euro im Jahr 2019 gestiegen.

Berlin sei mit Dresden nicht vergleichbar, sagt Bürgermeister Kühn. "Berlin ist Bundeshauptstadt, mit 3,5 Millionen Einwohnern, viel mehr Werbeträgern - das ist nicht auf Dresden übertragbar." Zudem haben die DVB "keine Expertise in diesem Markt, keine Investitions- und Betreibungsmittel und keine personellen Kapazitäten".

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Kießling sieht das anders. "Das die DVB angesichts eines von 40 auf 60 Millionen Euro gestiegenen Zuschussbedarfes leichtfertig darauf verzichtet, hier einige Millionen Euro zu verdienen ist für mich nicht nachvollziehbar."

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