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"Man darf sagen, dass ein Sternenkind süß aussieht"

Wenn Babys tot geboren werden oder nach der Geburt sterben, hält Jana Maiwald den Moment auf Wunsch der Eltern mit der Kamera fest. Auch Lachen ist erlaubt.

“Ein Glück, dass du da bist": Mit ihrer Kamera hilft Jana Maiwald Eltern dabei, ihren größten Verlust zu verarbeiten.
“Ein Glück, dass du da bist": Mit ihrer Kamera hilft Jana Maiwald Eltern dabei, ihren größten Verlust zu verarbeiten. © Sven Ellger

Dresden. Wer hat die größeren Füße? Den Vergleich gewinnt Janek. Dafür werden Lairas Hände und Fußsohlen jetzt bunt angemalt, und die Abdrücke auf Papier verewigt. Janek und Albert suchen die Farben aus und pinseln munter drauf los. Rot, blau und grün. Eine Spieluhr aus Filz summt vor sich hin.

Die zwei- und und vierjährigen Brüder müssen sich heute von ihrer kleinen Schwester verabschieden. Den nächsten Tag wird Laira nicht mehr erleben. Es gab Komplikationen bei der Geburt. Nun können die Ärzte nichts mehr für sie tun. Der kleine Albert versteht: "Baby hat Aua." Nach anderthalb Stunden nimmt eine Tante die Jungs zu sich, damit die Mama ihre Laira noch ein paar Minuten für sich allein hat.

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Ein Moment der Leichtigkeit: Janek und Laira beim Fuß-Vergleich.
Ein Moment der Leichtigkeit: Janek und Laira beim Fuß-Vergleich. © Jana Maiwald

All diese berührenden Momente hält Jana Maiwald mit ihrer Kamera fest. Sie gehört nicht zur Familie. Sie ist keine Freundin. Sie ist einfach da, weil Mama und Papa sich das so gewünscht haben. Sie wollen Babybilder ihrer Tochter in ein Album kleben, so wie das alle Eltern machen.

Jana Maiwald ist Teil eines Teams von Fotografen, das sich für die Stiftung Dein Sternenkind engagiert. Träger des Projektes ist die Deutsche Palliativ Stiftung. Wird ein Kind tot geboren oder hat keine Chance, länger als wenige Stunden zu leben, stehen diese Fotografen ehrenamtlich bereit, die ersten und zugleich letzten Bilder des Sternenkinds zu machen. Damit begleiten sie die Trauer der Eltern - wenn diese das wünschen. Rund 650 Fotografen in Deutschland haben allein im vergangenen Jahr über 3.000 Sternenkinder fotografiert. Tendenz steigend.

Jana Maiwald stammt gebürtig aus Hoyerswerda. Zunächst drehte sie freiberuflich Reportagen für Film und Fernsehen. Als 2008 ihr Tochter geboren wurde, orientierte sie sich neu, landete in der Messebranche und ist heute bei der Messe Dresden unter anderem für die Hochzeits- und Spielemessen verantwortlich. In Corona-Zeiten geht da gerade wenig. Seit vergangenem Frühjahr ist Jana Maiwald in Kurzarbeit.

Da kann man schon mal auf den Gedanken kommen, sich anderweitig nützlich zu machen. "Das Thema Ehrenamt habe ich allerdings schon länger mit mir rumgetragen", sagt sie. Dann sah sie vergangenes Jahr bei Facebook diesen Aufruf der Sternenkinder-Stiftung, die Verstärkung für Dresden suchte. "Mein Herz hat sofort gesagt: Das ist es! Der Kopf brauchte einen Moment länger."

Sie bewarb sich und durchlief einen aufwändigen Bewerbungsprozess, bei dem sie nachweisen mussten, dass sie über die fachliche Kompetenz und das nötige Einfühlungsvermögen verfügt. Anfang September kam die Nachricht: "Du bist dabei."

Was das für sie bedeuten würde, konnte Jana Maiwald in diesem Moment noch nicht ahnen. "Ob du wirklich geeignet bist, weißt du erst, wenn du dein erstes Sternchen besuchst", sagt sie. Man kann der beste Fotograf mit der besten Technik sein - und mit Sternenkindern dennoch emotional nicht umgehen können. Ein Krankenhaus ist kein Fotostudio und eine trauernde Mutter will nicht posieren, bis sie perfekt ausgeleuchtet ist.

Das Einsatz-Prinzip erinnert ein wenig an die Freiwillige Feuerwehr. Sobald eine Anfrage bei der Stiftung eingeht, wird diese per Alarm auf die Handys der Fotografen weitergeleitet. Dann muss es meist schnell gehen. Ist der Termin in Dresden und um Umgebung, dann kommt möglicherweise Jana Maiwald ins Spiel. Nicht jeder hat immer Zeit, aber immer jemand. “Wir sagen gern, das Sternchen sucht sich seinen Fotografen selbst aus."

Bereits wenige Tage nach ihrer Aufnahme wartete der erste Einsatz. Die kleine Mia war in der Uniklinik tot auf die Welt gekommen. Die Sternchen-Zentrale fragte, wer das übernehmen kann. Jana Maiwald konnte und wollte.

"Mia war ein dankbares erstes Sternchen. Ein komplett fertiges Baby, das aussah, als ob es nur schlafen würde", erinnert sie sich. Berührungsängste habe ich keine gehabt, wohl aber schwirrten ihr anfangs viele Fragen durch den Kopf. Was sagt man den Eltern? Wünscht man Beileid? "Das habe ich bis jetzt nie, weil es mir zu floskelhaft erscheint. Manchmal braucht man keine Worte, sondern muss einfach nur da sein."

Manchmal braucht es keine Worte: Novas Eltern verabschieden sich von ihrer Tochter.
Manchmal braucht es keine Worte: Novas Eltern verabschieden sich von ihrer Tochter. © Jana Maiwald

In welches Krankenhaus sie in den vergangenen Monaten auch gekommen ist, stets sei sie herzlich empfangen worden. "Auch die Hebammen unterstützen uns sehr. Man fühlt sich willkommen, wird geradezu erwartet."

Einmal hatte es sich Jana Maiwald gerade daheim mit ihrer Familie auf dem Sofa gemütlich gemacht und einen Film gestartet. Dann kam der Alarm. Sie schaute auf ihr Handy, dann zu ihrem Mann. Der wusste sofort Bescheid und sagte: "Na los, geh schon."

Beim Fotografieren versucht Jana Maiwald, wenn möglich, dem Augenblick die Schwere zu nehmen. "Darf man sagen, dass ein Sternenkind süß aussieht? Ja, natürlich darf man das." Auch Lachen ist erlaubt. Vor allem bei den Detailfotos betone sie gern, wie viele Haare das Kind hat oder fragt, von wem wohl die Nase sei. "Für mich ist das Ausdruck einer Bewunderung für dieses kleine Wesen", sagt sie. Zu jedem Einsatz bringt sie kleine Mützchen und Decken mit, die ihre Schwiegermutter und Schwägerin selbst gestrickt haben.

Das Schlimmste für die Eltern seien Kommentare wie: "Vielleicht war es ja das Beste für das Kind" oder "Ihr seid ja noch jung". "Wie kann man so etwas sagen? Das ist ein Leben, das sehnlichst erwartet wurde, und das die Mutter unter dem Herzen getragen hat."

"Unheimlich geerdet"

Wie schafft sie das nur? Mütter erleben, die sich an ihre toten Babys kuscheln, gestandene Männer, die auf einmal so zerbrechlich wirken. "Ich bin ein sehr emotionaler Menschen, aber ich bin mir bewusst, dass ich den Familien etwas geben möchte. Beim Einsatz musste ich bis jetzt noch nicht weinen." Manchmal erlaube sie sich aber zu Hause bei der Bearbeitung der Bilder am Computer noch eine Träne.

Ihr Tochter ist zwölf und fragt öfter nach, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, ob das Sternchen niedlich ausgesehen hat und warum es sterben musste. "Sie beschäftigt sich damit, das ist okay für mich."

Sie selbst versuche, rasch mit den Schicksalen abzuschließen und sie nicht ewig mit sich herumzutragen. Manchmal helfe es ihr auch, wenn sie ihre Erlebnisse mit einem Sternenkind und seiner Familie aufschreibe.

Vor ihrem ersten Einsatz hatte ihr Mann Bedenken, die Herausforderung könnte sie womöglich zu sehr belasten. Jana Maiwald verlor selbst mal ein Kind in der sechsten Schwangerschaftswoche. Trotzdem sagt sie, die Einsätze hätten keinen Einfluss auf ihr eigenes Leben. Zumindest keinen negativen.

"Kleine Laira, leuchte hell für deine Familie."
"Kleine Laira, leuchte hell für deine Familie." © Jana Maiwald

"Die Begegnungen in den vergangenen Monaten haben mich unheimlich geerdet. Die Aufgabe erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Stolz." Seit vergangenem Herbst hat sie bereits 15 Sternenkinder fotografiert: Mia, Julius, Mulan, Laira, Angelina, Freyr, Nova, Emma, Joey, Elias, Lukas, Esther, Erwin, Simeon und Hermine. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte.

Laira ist das erste Kind, das sie zweimal fotografiert. Lebend und nach seiner Reise zu den Sternen. Nach den Bildern mit den bunten Händen und Füßen fällt ihr der Weg ins Krankenhaus am nächsten Tag noch ein bisschen schwerer. Inzwischen haben die Eltern für Laira noch Kleidung passend zur Decke gekauft.

Beim Abschied fragt sich Jana Maiwald: "Was ist mit der Decke? Ich kann sie Laira jetzt nicht wegnehmen. Also lass ich sie da. Du bist es wert." In ihren Bericht wird sie später schreiben: "Kleine Laira, leuchte hell für deine Familie. Du Glücksmoment von kurzer Dauer."

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