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Straßenfest-Organisatoren in Dresden: "Die Stadt sägt am eigenen Ast"

Festveranstalter kämpfen in Dresden mit immer neuen Auflagen. Die neueste drohte, den "Neustädter Frühling" am kommenden Wochenende zu kippen.

Von Christoph Springer
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Etwa 500.000 Besucher kommen zum Dresdner Stadtfest. Geht es mit Auflagen und Zahlungsbescheiden so weiter wie bisher, ist auch die Zukunft des größten Dresdner Festes gefährdet.
Etwa 500.000 Besucher kommen zum Dresdner Stadtfest. Geht es mit Auflagen und Zahlungsbescheiden so weiter wie bisher, ist auch die Zukunft des größten Dresdner Festes gefährdet. © René Meinig

Dresden. Sie sitzen alle an einem Tisch, obwohl sie doch Konkurrenten sind - zumindest dann, wenn es um das beste Konzept, um die Zahl der Besucher, um spektakuläre Inszenierungen und namhafte Künstler geht. Denn die Dresdner Festveranstalter sind in Sorge. Mehr noch, sie fühlen sich gegängelt und fürchten um die Zukunft ihrer Veranstaltungen. Stadtfest, Bunte Republik Neustadt (BRN), Elbhangfest, Hechtfest - alles das und noch mehr steht auf der Kippe oder ist schon gekippt, mindestens für dieses Jahr. Wie bisher kann es nicht weitergehen, sind sich die Veranstalter einig, die sich vor zwei Wochen zusammengetan haben, um gemeinsam Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Update Freitag, 28. April: Die Stadtverwaltung rudert zurück, wenigstens für den "Neustädter Frühling" auf der Hauptstraße. Die Veranstalter um Frank Schröder, den Geschäftsführer der Dresdner Agentur Schröder, hatten Widerspruch eingelegt gegen die Auflage, das Wasser für Imbiss- und Getränkestände an jeder Zapfstelle von einem Labor untersuchen zu lassen. Das sei allein zeitlich nicht machbar, argumentierte Schröder gegen die neue Auflage aus dem Rathaus, die ihn Anfang April per Post erreicht hatte. Allein drei Tage brauche das Labor für die Untersuchung, dann sollte das Fest aber schon zu Ende sein.

Am Donnerstag bekam er daraufhin eine neue Nachricht von der Stadtverwaltung: Die Laboruntersuchungen sind nicht nötig, es reicht, wenn die Drewag für für das Wasser bürgt, das über ihre sogenannten Standrohre gezapft wird. Dabei handelt es sich um wasserhahn-ähnliche Konstruktionen, die auf Entnahmestellen im Boden aufgesetzt werden und aus der die Standbetreiber dann per eigener Schlauchverbindung Wasser bekommen. Der Verbrauch wird dabei gemessen, das Wasser kommt aus normalen Trinkwasserrohren. Schröder und seine Mitstreiter können damit die Vorbereitungen für das Fest weiter vorantreiben, wie ursprünglich geplant. Es soll am Sonnabend um 11 Uhr eröffnet werden und endet am Montagabend.

So haben wir am Donnerstag berichtet

Zu dem Veranstalter-Bündnis, angesiedelt bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), gehören etwa Matteo Böhme und Holger Zastrow, die unter anderem Weihnachtsmärkte organisieren, Konzertveranstalter Rodney Aust und Elbhangfest-Geschäftsführer Jörg Ullrich, berichtet Frank Schröder. Er ist auch Geschäftsführer der "Dresdner Stadtfest GmbH" und damit derjenige, der mit seinen Mitarbeitern hinter dem größten Dresdner Straßenfest steht. Veranstalter ist die Stadt und die säge gerade am eigenen Ast, bestätigen er und Hagen Stieglitz, einer seiner zwei Co-Geschäftsführer in der Agentur.

Vor jedem Fest gebe es eine Koordinierungsberatung im Rathaus, berichtet Schröder. Dort wird geklärt, woran alles gedacht werden muss, was erledigt werden muss, um ein Fest regelgerecht und problemlos über die Bühne zu bekommen. "Da saßen vor etwa fünf bis sieben Jahren noch zehn Leute am Tisch. Heute sind es 40 bis 50", sagt Schröder. "Und jeder hat irgendwas an Forderungen, die ein Veranstalter umzusetzen hat, jede Forderung ist natürlich auch mit Geld verbunden."

Neue Forderung macht Fest unmöglich

Die neueste Forderung will er nicht akzeptieren. Sie droht gerade, den "Neustädter Frühling" auf der Hauptstraße zu kippen. Das Familienfest soll am kommenden Wochenende stattfinden, geplant sind unter anderem Tanzdarbietungen auf einer Bühne am Goldenen Reiter, eine "Vereinsmeile", auf der sich Sport- und Kunstvereine präsentieren können, Konzerte, ein Kindersachenflohmarkt, es soll Speisen und Getränke geben. Doch es droht ein Wasserproblem.

Laut einer neuen städtischer Auflage soll von jeder Zapfstelle eine Probe im Labor untersucht werden, bevor das Fest beginnt. Es geht um den "Vollzug der Trinkwasserverordnung", heißt es in einem Einschreiben, das Schröder aus dem Rathaus bekommen hat. Gefordert ist der "Nachweis der Trinkwasserbeschaffenheit des verlegten Leitungssystems vor der Veranstaltung", heißt es wörtlich. "Unmöglich", sagt Schröder, denn der Aufbau werde erst am Tag des Festbeginns abgeschlossen, dann müsse also die Wasserprobe genommen und ins Labor geschickt werden, das Ergebnis gebe es nach drei Tagen. Da soll das Fest auf der Hauptstraße schon vorbei sein.

Auf eine Anfrage von Sächsische.de vom Donnerstag zu der Wassertest-Forderung kam bis zum Redaktionsschluss noch keine Antwort. Schröder hat dem städtischen Bescheid widersprochen und wartet nun auf eine Reaktion aus dem Rathaus. Das kennt er eigentlich bestens, schließlich veranstaltet er seit Jahren Feste in Dresden, ist sogar ein persönlicher Freund des Oberbürgermeisters. Doch das alles hilft nicht, wenn die Verwaltung neue Ideen wie die von der Wasserprobe ins Feld führt.

Stadt überlässt Veranstalter eigene Aufgabe

Noch ein Beispiel: Vor und nach dem Weihnachtsmarkt auf der Prager Straße musste Schröder als Veranstalter alle Schleusen von einem zertifizierten Unternehmen spülen lassen, weil dort hinein auch das Abwasser von den Ständen geleitet wird. "Da haben wir Plastikstrohhalme von McDonalds rausgespült", berichtet er. Zwei Jahre gebe es die schon nicht mehr bei dem Burgeranbieter, sagt Schröder. "Wir mussten also machen, was die Stadt selbst nicht macht."

Besucherzahlen pro Quadratmeter, Rettungswege, Terrorsperren, Hygienekontrollen, Anforderungen aus dem Gesundheitsamt, Lautstärkeregeln - das sind nur einige der Vorgaben, die Veranstalter erfüllen müssen. Nicht alle sind sinnlos oder gar überflüssig, sagt Hagen Stieglitz. Und auch nicht jedes Amt im Rathaus wecke den Eindruck, es solle Veranstaltern schwer gemacht werden. Doch der Forderungskatalog in Dresden sei so groß wie in kaum einer anderen Stadt. Die Wasserproben-Kontrolle, die jetzt nötig sein soll, sei "nicht bis zu Ende durchdacht, ein Schildbürgerstreich".

Erinnerung ans Elbhangfest - so schön sah es noch vor einem Jahr am Elbufer neben dem Blauen Wunder aus. Wenigstens vorübergehend ist so etwas dort Geschichte.
Erinnerung ans Elbhangfest - so schön sah es noch vor einem Jahr am Elbufer neben dem Blauen Wunder aus. Wenigstens vorübergehend ist so etwas dort Geschichte. © Archiv/Jürgen Lösel

Mehr Partner sollen Stadtfest-Kosten tragen helfen

Ob nun das Konzept des Elbhangfestes problematisch ist, ob die BRN wirklich nicht so stattfinden kann, wie es sich die Bewohner der Neustadt wünschen, und ob beim Hechtfest nur ein paar Umstände besser passen müssten, damit es stattfinden kann, kann und will Veranstaltungsprofi Schröder nicht beurteilen. Fakt ist für ihn: Das Stadtfest muss laut Konzession eintrittsfrei stattfinden, Auflagen - wenn mitunter auch widerwillig - müssen erfüllt, die Kosten gestemmt werden. "Wir setzen auf mehr Partner, Sponsoren", sagt Schröder mit Blick auf die steigenden Ausgaben, nicht zuletzt für den Strom.

Fest steht für ihn und Hagen Stieglitz aber: Jedes Straßenfest, das ausfällt, ist ein echter Verlust. "Das ist negativ für die Wirtschaft und die Branche", sind sie überzeugt. Und obendrein ein Verlust kultureller Vielfalt. Dann sei "das Kind in den Brunnen gefallen", sagt Stieglitz, das sei ein Zeichen von Resignation.

Dass auch ihnen das passieren kann, schließen sie nicht aus. "Man schaut jeden Tag in den Briefkasten und fragt sich, was dort wieder für ein neuer Bescheid liegt", beschreibt Schröder die Situation. "Möchte die Stadtverwaltung die Veranstaltung in Dresden haben und damit auch eine Unterstützung für die Einzelhändler, den Tourismus, die Hotellerie und die Gastronomie", sei die entscheidende Frage, "Hat es Sinn?" Wenn nicht, "dann müssen wir uns ein anderes Betätigungsfeld suchen".