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"Warum ist der Alkohol wichtiger als ich?"

Tina Albrecht hat eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken ins Leben gerufen. Deren Bedürfnisse und Ängste seien zu lange ignoriert worden, sagt sie.

Tina Albrecht weiß, was es bedeutet, mit Suchtkranken unter einem Dach zu leben. Nun gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige.
Tina Albrecht weiß, was es bedeutet, mit Suchtkranken unter einem Dach zu leben. Nun gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. © Christian Juppe

Dresden. Wenn sie sich genau erinnert, dann hat sie ihren Vater nie anders gekannt. Alkoholismus hat in der Familie von Tina Albrecht immer eine große Rolle gespielt. "Da gab es auch Gewalttätigkeiten", sagt die 33-Jährige. "Die Zusammenhänge habe ich aber erst als Erwachsene so richtig realisiert."

Zu ihrem Vater hat Tina Albrecht schon seit längerem keinen Kontakt mehr. Dennoch hat sie das Thema bis heute nicht losgelassen. Während den Suchtkranken selbst heutzutage viele Möglichkeiten geboten werden, sich Hilfe zu suchen, bleiben die Angehörigen oftmals sich selbst überlassen. "Lange Zeit wurde gar nicht beachtet, was eine Suchterkrankung mit den Menschen macht, die dem Betroffenen nahestehen", sagt sie. "Dabei kommen auf einen Suchtkranken im Schnitt vier bis fünf enge Angehörige."

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Ihre Ängste und Sorgen unterscheiden sich von denen der Betroffenen. Sie müssen hautnah mit ansehen, wie sich ein Mensch verändert. Wie er aggressiv wird oder völlig emotionslos. Viele könnten nicht verstehen, warum dieser Mensch nicht einfach aufhört. Er sehe doch, wie weh er anderen damit tue. Oft fragten sich die Angehörigen dann: "Warum ist der Alkohol wichtiger als ich?"

Gesellschaftlich etablierte Droge

Problematisch sei vor allem, dass Alkohol im Vergleich zu anderen Drogen gesellschaftlich etabliert sei. Es wundere sich doch kaum jemand, wenn einer jeden Abend sein Feierabendbier trinkt oder dreimal in der Woche mit seinen Freunden in die Kneipe geht. "Man merkt auch als Angehöriger nicht, wann die Grenze überschritten ist. Und wenn, dann ist es schon zu spät."

Selbst wenn die Sucht endlich überwunden ist, bedeute das keineswegs, dass auch die Familie mit einem Mal wieder intakt ist. Womöglich wurden über Jahre Gefühle verletzt und es gab sogar körperliche Angriffe, die schwer zu verzeihen sind. "Oftmals braucht es viel Zeit, um das zu reparieren", sagt Tina Albrecht.

Um Angehörigen von Suchtkranken die Möglichkeit zum Austausch miteinander zu geben, hat die Dresdnerin Ende vergangenen Jahres eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen. "Dabei geht es vor allem um das Gemeinschaftsgefühl. Wir sind keine Therapeuten, aber wir wollen offen über unsere Sorgen reden."

Viele fühlen sich hilflos

Der Name "Hirschgruppe 20" leitet sich von der 2007 gegründeten "Hirschgruppe 7" ab, deren Kern damals aus Menschen bestand, die sich in der Suchtklinik am Weißen Hirsch kennengelernt hatten. Die Gruppe existiert bis heute und steht sowohl Betroffenen als auch Angehörigen offen.

Tina Albrecht war zunächst selbst Mitglied in dieser Gruppe, merkte jedoch, dass sie dort mit ihren Themen unterrepräsentiert war. "Eine gemischte Gruppe hat sicher ihre Vorteile, aber ich habe einen großen Bedarf gespürt, sich nur unter Angehörigen austauschen zu können. Ihr Angebot richte sich nun an aktuell Betroffene, genauso aber auch an Menschen, die schon einen Schritt weiter sind oder ein Kindheitstrauma aufzuarbeiten haben.

Neben der Furcht um ihre eigene psychische Gesundheit sei stets eine wichtige Frage für die Angehörigen: Wie kann ich dem Suchtkranken helfen? Viele fühlten sich hilflos. "In erster Linie geht es wohl darum, Verständnis zu zeigen, dem anderen keine Vorwürfe zu machen und ihm Zeit zu geben", sagt Tina Albrecht. Aktiv könne man den Betroffenen nur unterstützen, indem man auch selbst auf Alkohol verzichtet.

Treffen in Pandemie-Zeiten

Das Suchtgedächtnis bleibe ein ständiger Begleiter und es sei ein Trugschluss anzunehmen, als trockener Alkoholiker irgendwann wieder kontrolliert ein Bierchen trinken zu können. "Das ist wie bei einem Schwamm. Der kann austrocknen, sich aber auch immer wieder vollsaugen." Die meisten Rückfälle gebe es im ersten Jahr. "Den Willen und die Kraft müssen die Betroffenen letztlich selbst aufbringen."

Beim ersten Treffen der "Hirschgruppe 20" im Januar seien sie nur zu dritt gewesen, nachdem fünf andere Interessenten aus Sorge vor einer Corona-Infektion abgesagt hätten.

Die Pandemie hat auch jetzt noch großen Einfluss auf die Dresdner Selbsthilfegruppen. Statt wie geplant in den Räumen der Volkssolidarität auf der Alfred-Althus-Straße, trifft sich die Hirschgruppe 20 derzeit aller zwei Wochen unter strengen Auflagen im Gebäude der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) auf der Ehrlichstraße.

Angehörige von Suchtkranken, die Interesse an der neuen Selbsthilfegruppe haben, können sich bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen Dresden (KISS) melden: 0351 206 19 85, [email protected]

Weitere Angebote für Angehörige Suchtkranker:

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  • Al-Anon-Familiengruppe für Angehörige und Freunde von Alkoholabhängigen, KISS, Raum 3, Ehrlichstraße 3, 01067 Dresden, jeden Montag, 19 Uhr, 0176 53 62 03 40, [email protected], www.al-anon.de
  • Angehörige Suchtkranker Suchtberatungs- und Behandlungsstelle des Caritasverbandes Dresden e. V., Görlitzer Straße 18, 01099 Dresden, jeden 1. Montag im Monat, 17.30 Uhr
  • Eltern und Angehörige suchtkranker Kinder und Jugendlicher in Dresden "Anker", KISS, Raum 4, Ehrlichstraße 3, 01067 Dresden, jeden 2. Dienstag im Monat, 19 Uhr, [email protected], www.anker-dresden.de

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