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Modernes Wohnen: Besuch bei sensiblen Sanierern

Arlett Wilhelm und Stefan Dirlich aus Dresden haben ihr Haus aus den 30er-Jahren ökologisch saniert. Nicht nur beim Bau brauchte das viel Fingerspitzengefühl.

Aus drei Zimmern im Erdgeschoss ist ein Lebensraum mit offener Küche für die ganze Familie geworden. Der Lieblingsplatz von Arlett Wilhelm und Stefan Dirlich.
Aus drei Zimmern im Erdgeschoss ist ein Lebensraum mit offener Küche für die ganze Familie geworden. Der Lieblingsplatz von Arlett Wilhelm und Stefan Dirlich. © Christian Juppe

Dresden. Wieder schrillt die Klingel, und Stefan Dirlich eilt zur Tür. Mit so viel Interesse hatte er nicht gerechnet. Doch beständig treten neue Besucher ein. Anlässlich des Tages der Architektur an diesem Wochenende öffnen er und seine Frau Arlett ihr Haus, in dem sie erst seit kurzem wohnen.

Neben all den großen und modernen Dresdner Bauprojekten, die an diesem Tag Gäste empfangen, finden sich nur wenige privat genutzte. Das Paar jedoch hat guten Grund, sein Heim vorzustellen. In enger Zusammenarbeit mit der Architektin Katrin Schweiker haben die beiden ihre Doppelhaushälfte aus dem Jahr 1936 Jahren auf besonders behutsame und ökologische Weise saniert.

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Die Entscheidung, es zu kaufen, fiel förmlich über Nacht. In das Häuschen im Südosten der Stadt hatte sich das Paar schon bei der ersten Begehung verliebt, und als sich tatsächlich die Chance bot, sagten sie sofort zu.

Dabei brauchte es reichlich Fantasie, um sich vorzustellen, wie daraus ein Zuhause für die Patchworkfamilie mit zwei fast erwachsenen Jungs werden könnte. "Das Haus war sozusagen im Originalzustand", sagt Stefan Dirlich. Bis eine Immobilienfirma es übernahm, hatte dort eine hochbetagte Frau gewohnt, die mit über 90 Jahren in ein Pflegeheim zog.

Auf insgesamt 46 Quadratmetern haben Wohnzimmer, Esstisch und Küche Platz. Rechterhand wird demnächst der originale Ofen wieder aufgebaut werden.
Auf insgesamt 46 Quadratmetern haben Wohnzimmer, Esstisch und Küche Platz. Rechterhand wird demnächst der originale Ofen wieder aufgebaut werden. © Christian Juppe

"Hier im Erdgeschoss gab es drei sehr kleine Räume", erklärt die Architektin Katrin Schweiker. Sie steht in einem Wohnzimmer mit offener Küche, Kochblock, Esstisch, Sofa, Sessel, Bücherwand und Klavier. Dass aus den Stübchen ein solch lichter, geräumiger Lebensraum geworden ist, verdankt die Familie auch ihr.

"Uns war gleich klar, dass wir die Sanierung nicht alleine stemmen", sagt Stefan, der bereits ein historisches Fachwerkhaus saniert und restauriert hat. Von einem anderen Bauprojekt, für das sich das Paar zunächst interessiert hatte, kannte es die freie Architektin. Die Chemie stimmte, und das stellte sich schnell als extrem wichtig heraus.

"Es lag uns am Herzen, so ökologisch und sensibel wie möglich zu sanieren", sagt Arlett Wilhelm. Einmal alles raus und neu wieder rein, das kam für sie nie infrage. Der Zustand des Gebäudes verlangte regelrecht danach, das Alte weitgehend zu erhalten: Böden, Fenster, Beschläge, Türen und Treppen, ein alter Ofen.

Im Oktober 2019 kauften die Mediendesignerin und der Ingenieur das Haus, im Januar starteten die ersten Beratungen, Planungen und Ausschreibungen der Aufträge für die Baufirmen. "Zur Vorbereitung der Sanierung haben wir selbst alte Tapeten von den Wänden geholt, einige Wände eingerissen, den Dielenboden abgeschliffen."

Das Farbkonzept des Hauses zieht sich in Türkies- und Grüntönen durch alle Räume. Im Bad schaffen ein neues Dachfenster mehr Licht und eine versetzte Wand mehr Bewegungsfreiheit.
Das Farbkonzept des Hauses zieht sich in Türkies- und Grüntönen durch alle Räume. Im Bad schaffen ein neues Dachfenster mehr Licht und eine versetzte Wand mehr Bewegungsfreiheit. © Christian Juppe

Bevor der Bau richtig losging, luden Arlett und Stefan die Nachbarn und Handwerker zum Grillen ein. "So konnten sich alle kennenlernen, und das Miteinander wurde dadurch leichter und schöner", erzählen sie. Mit den Sorgen vor Lärm und Unbequemlichkeiten in der Enge des Viertels ließ sich auf diese Weise charmant umgehen.

Vor einem Jahr rollten die ersten Baumaschinen an, Wände wichen, die Grundrisse nahmen neue Formen an und ergeben nun insgesamt rund 85 Quadratmeter. Auf der Suche nach biologisch nachhaltigen Baumaterialien unterstützte Katrin Schweiker das Bauprojekt. "Wir haben uns ganz genau informiert, welche Substanzen im Putz, in den Farben und Produkten für die Behandlung des Holzes stecken", erzählt Arlett Wilhelm.

Heute kann sie sagen: Die Familie lebt umgeben von fast ausschließlich Metall, Stein, Kalk, Holz, natürlichem Öl und Wachs. In diesem Sinne entschieden sich die Besitzer auch für Erdwärme und Wandheizungen, die im Winter für ausgewogene Wärme und im Sommer für Kühlung des Mauerwerkes sorgen.

Das Obergeschoss wurde um den Dachspitz erweitert, alte Balken erhalten, bis hin zu jedem, den in der Bombennacht 1945 eine Brandbombe traf.
Das Obergeschoss wurde um den Dachspitz erweitert, alte Balken erhalten, bis hin zu jedem, den in der Bombennacht 1945 eine Brandbombe traf. © Christian Juppe

Im Obergeschoss, zu dem die leise quietschende, originale Holztreppe führt, hat sich die Familie Bad, Schlaf- und Jugendzimmer eingerichtet. Um dort Platz und Licht im zuvor viel zu kleinen Badezimmer zu schaffen, ließen Stefan und Arlett eine Wand versetzen und ein Dachfenster einbauen. "Das neue Fenster, das das vorherige, winzige Gaubenfenster ersetzt, ist der einzige Eingriff, der einen Bauantrag nötig gemacht hat", erklärt Katrin Schweiker.

Ihr ist auch zu verdanken, dass die Handwerker den Minimalismus in der Erneuerung verstanden und mitgetragen haben. "Es war manchmal schwierig zu erklären, dass wir beispielsweise den Dachstuhl nicht komplett ersetzen, sondern nur an den entscheidenden Stellen ertüchtigen wollen."

Reparieren vor Austauschen - das macht Mühe und braucht seine Zeit. Darin aber sahen Arlett und Stefan zusammen mit ihrer Architektin den Auftrag, den sie für dieses 85 Jahre alte Haus mit Leidenschaft übernommen haben.

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