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"Tränen muss ich mir verbieten"

Als Trauerredner ist Martin Hertrampf täglich mit dem Schmerz des Abschieds konfrontiert. Wie er seine Gefühle bändigt, ohne die Empathie zu verlieren.

Die Grabplastik "Anklopfender Pilger" auf dem Friedhof in Loschwitz ist für Martin Hertrampf ein besonderes Symbol für die Vergänglichkeit.
Die Grabplastik "Anklopfender Pilger" auf dem Friedhof in Loschwitz ist für Martin Hertrampf ein besonderes Symbol für die Vergänglichkeit. © Sven Ellger

Dresden. Wenn es an der Tür klingelte, und jemand weinend davor stand, dann kannte der kleine Martin schon den Grund dafür. Er wuchs in einem Pfarrhaus in Schönfeld auf. "Als Dorfpfarrer war man damals ja nicht nur Pfarrer, sondern auch Seelsorger", sagt Martin Hertrampf. "Die Leute kamen zu uns, um Beerdigungen anzumelden." Deswegen war ihm das Thema Tod von klein auf nie fremd.

Dass es eines Tages aber sein Beruf und seine Berufung sein würde, den letzten Weg eines Menschen mit Worten zu begleiten, das hat er nie geplant. Trauerredner zu sein, darauf arbeitet man nicht hin. Davon träumt man nicht in der Schule. Darin lässt man sich nicht ausbilden. Man wird es einfach, wenn viele Dinge zusammenpassen.

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Zwar studierte Hertrampf nach seiner Lehre zum Baufacharbeiter noch vor der Wende Theologie, allerdings eher aus Mangel an Alternativen, wie er sagt. Da er nicht gerade zu den sozialistischen Mustermenschen gehörte, gar den Wehrdienst verweigerte, blieb ihm das Abitur verwehrt. Dabei war er stets Klassenbester gewesen. "Die Theologie war die einzige Tür, die mir offen stand. Ich habe das nicht studiert, um Pfarrer zu werden. Es war schlicht Bildungshunger."

Parallel zum Studium setzte er als Baufacharbeiter Stein auf Stein, baute unter anderem die Semperoper mit auf. Schon früh entdeckte er außerdem die Fotografie für sich und arbeitet bis heute als freiberuflicher Fotograf. Aber nicht nur.

Der Mann mit dem melancholischen Blick und der sanften Stimme hält seit 2007 Trauerreden, nachdem er merkte, dass er allein mit seiner Fotografie kein verlässliches Familieneinkommen liefern konnte. Zunächst hatte er seine Idee zu Hause besprochen und dann einem alten Schulfreund davon erzählt, der inzwischen Friedhofsmeister war. "Bei ihm habe ich damit offene Türen eingerannt", erinnert er sich. Zwei Wochen nach diesem Gespräch habe er seine erste Rede gehalten.

Statt einer Ausbildung brachte er Leidenschaft und Talent mit. Auf die Art des Sprechens legt Hertrampf großen Wert. Jeder Satz, der aus seinem Mund kommt, wurde vorher in Gedanken geschliffen, um dann rhetorisch veredelt zu werden. Und das nicht nur während seiner Reden. Seine Stimme trainiert Hertrampf im Kirchenchor der Loschwitzer Gemeinde.

Aber warum hat er, geboren in Thüringen und aufgewachsen in Dresden, keinen Dialekt? "Meine Eltern kommen aus verschiedenen Ecken des Landes. Bei uns im Pfarrhaus wurde immer Hochdeutsch gesprochen." Für seine Arbeit hilft ihm das heute, wenngleich er als Maurer auf der Baustelle auch anders konnte.

Die Fähigkeit, sich artikulieren zu können, sei heute für seinen Beruf genauso wichtig, wie die Fähigkeit zum Zuhören. "Und damit meine ich kein Zuhören wie bei Radiomusik, sondern ein verstehendes, empathisches Zuhören."

"Wie passt der Opa denn in diese Dose rein?"

Nicht immer sei es anschließend einfach, die richtigen Worte über einen Verstorbenen zu finden. Manchmal erfahre er wenig über das Leben, manchmal erfahre er Dinge, die den Menschen in einem schlechten Licht erscheinen lassen. "Ich habe den Anspruch, in jede Biografie etwas Positives hineinzubringen", sagt er. "Wenn jemand ein schwieriger Mensch war, dann werde ich das auch benennen. Aber niemals in einer Weise, die verletzend ist."

Anfangs sei er bei den Formulierungen noch sehr unsicher gewesen. Bald jedoch habe er erkannt: Bei der Rede auf einer Trauerfeier geht es zu einem großen Teil ums Zuhören. Wie reagieren die Menschen? Was wollen sie hören? Was wollen sie nicht hören? Ist es Zeit, die Rede abzukürzen? Um auf all das reagieren zu können, formuliert Hertrampf seine Reden nie aus, sondern notiert sich nur Stichpunkte.

Und was ist, wenn ein Kind dazwischenruft? "Darüber würde ich mich total freuen." Ausdrücklich setzt er sich dafür ein, Kinder zur Beerdigung mitzubringen. Egal welchen Alters. "Die Endlichkeit gehört zum Leben dazu. Wo kann man das besser lernen, als bei der Beerdigung von Oma oder Opa?" Er warte regelrecht auf die Frage: "Wie passt der Opa denn in diese Dose rein?"

Zu Hause in Pappritz wohnen Martin Hertrampf und seine Frau derzeit noch mit ihrem jüngsten Sohn zusammen, der gerade 18 geworden ist. Als der Junge noch ein Kind war, hat er ihn mal zu einer Beerdigung auf dem Dorf mitgenommen. "Er sollte das mal sehen. Für ihn war das aber nichts besonders Dramatisches oder Emotionales. Es war normal, dass ich das mache."

"Macht etwas mit einem": Als Trauerredner hat Martin Hertrampf seine Berufung gefunden.
"Macht etwas mit einem": Als Trauerredner hat Martin Hertrampf seine Berufung gefunden. © Sven Ellger

Martin Hertrampf erinnert sich noch gut an seine erste Trauerrede. Ein hochbetagter Mensch, ein offenes Vorgespräch. "Trotzdem habe ich natürlich Blut und Wasser geschwitzt, das ist klar." Auch heute gebe es noch manchmal Situationen, in denen es ihm schwer fällt, sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. "Am extremsten ist es, wenn ich Kinder zu beerdigen habe.“

Doch die Grenzen sind klar. "Tränen verbiete ich mir, das muss ich mir auch verbieten." Es brauche einen emotionalen Abstand, und dafür mache er sich immer wieder bewusst, dass er kein unmittelbar Betroffener des Trauerfalls ist. "Das ist eine Grundvoraussetzung, um diese Arbeit machen zu können." Deswegen käme es für ihn auch nicht infrage, die Rede für ein enges Familienmitglied zu halten.

Klettern für den freien Kopf

Wenn man selbst mitleide, dann nehme man das schnell mit in sein eigenes Leben hinein. "Irgendwann wird diese Last zu groß." Schon so seien die vergangenen 14 Jahre nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. "Das macht schon etwas mit einem", sagt er. Angst vor dem Tod habe er allerdings keine. Eher Angst vor schweren Krankheiten.

Um den Kopf freizubekommen hält sich Hertrampf, wenn möglich, einen Tag in der Woche frei und beklettert die Berge der Sächsischen Schweiz. "Wenn ich einen Tag lang draußen an den Felsen war, dann ist die nächste Woche schon wieder gesichert." In Lockdown-Zeiten – in denen auch die Zahl der Beerdigungen stark gestiegen ist - läuft er stattdessen morgens durch den Wald oder fährt wenigstens mit dem Fahrrad zum Termin. "Das ist ja auch eine Art Altersvorsorge."

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