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Vanillekipferl für den Kampf am Krankenbett

Schüler des Gymnasiums Dresden-Bühlau haben spontan Weihnachtsplätzchen für eine Intensivstation gebacken. Pflegekräfte werden zu wenig gewürdigt, finden sie.

Von Nadja Laske
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Schwester Tessa (l.) hat sich ein paar Minuten Zeit für die Überraschung genommen, die Amelie (r.) und ihre Mitschüler ins Dresdner Uniklinikum gebracht haben. Dann eilte sie zurück auf ihre Station, wo schwer kranke Corona-Patienten behandelt werden.
Schwester Tessa (l.) hat sich ein paar Minuten Zeit für die Überraschung genommen, die Amelie (r.) und ihre Mitschüler ins Dresdner Uniklinikum gebracht haben. Dann eilte sie zurück auf ihre Station, wo schwer kranke Corona-Patienten behandelt werden. © René Meinig

Dresden. Nur für wenige Minuten ist Tessa aus dem Gebäude geeilt. Im kurzärmeligen, blauen Kasack begrüßt die Gesundheits- und Krankenpflegerin eine Gruppe Jugendlicher, die vor der neuen Notaufnahme auf sie warten. Zwei große Plastikboxen haben sie dabei - bis oben hin gefüllt mit kleinen weißen Tüten. Die haben sie voller Plätzchen gefüllt, mit buntem Band und Weihnachtsschmuck verziert.

"Uns stört, dass die Leistung der medizinischen Mitarbeiter in der Pandemie nicht genug beachtet wird", sagt Amelie. Sie besucht wie ihre Mitschüler die zehnte Klasse des Gymnasiums Dresden-Bühlau und weiß, wovon sie spricht. Ihre Mutter arbeitet im Centrum für Orthopädie und Unfallchirurgie des Dresdner Uniklinikums und erlebt dort die Dramen um schwer an Corona erkrankte Patienten täglich mit. Wieder musste eine der Stationen für deren Behandlung umgewidmet werden. Die Corona-Intensivstation ist überlastet, nicht nur am Universitätsklinikum. Am Wochenende wurden Schwerstkranke aus Dresden in andere Bundesländer ausgeflogen.

Die Pandemie dauert schon so lange und bei zu vielen Menschen sei eine Art Gewöhnung eingetreten, kritisiert Amelie. Die Krankenpfleger und Ärzte kämpfen sich ab, und so richtig bekomme das draußen gar keiner mit.

Gebetsmühlenartiger Aufruf

Was kann man tun? Wie können sie das Signal senden: Für uns ist das gar nicht gewöhnlich, wir denken an euch und haben großen Respekt? Das fragten sich die Zehntklässler. Immer wieder haben sie vor allem im Gemeinschaftsunterricht über die Lage in den Krankenhäusern gesprochen und sind auf eine Idee gekommen.

"Wir wollen einfach eine kleine Freude machen und haben in der Schule Plätzchen gebacken", erzählen sie. Dabei unterstützte sie ihre Lehrerin Christine Schrader. Fast 90 Säckchen füllten die Schüler mit Vanillekipferl, Butterplätzchen und Schokotalern. Auch gebrannte Mandeln wanderten mit hinein.

Sonderschichten, Überstunden, schwere Überlastung - das gehört zum Arbeitsalltag der Klinikmitarbeiter auf den Corona-Stationen. Darunter leidet bei vielen Kollegen die Zeit für Besinnung im Advent. Es fehlt ihnen schlicht die Muße und Kraft für all die schönen weihnachtlichen Rituale. Plätzchen zu backen gehört dazu. Gut möglich, dass die Tradition in diesem Jahr in etlichen Familien auf der Strecke bleibt.

Intensivpflegerin Tessa könnte vielleicht davon erzählen. Doch es fehlt ihr die Ruhe. Rasch bedankt sie sich bei Amelie und ihren Mitschülern, dann eilt sie wieder zurück ins Gebäude. Auf Station wird jede Hand gebraucht. Das kann Amelies Mutter Grit Rau nur bestätigen. Auch sie hat die Aktion der Jugendlichen unterstützt. Wie hart die Schichten ihrer Kollegen sind, das ist auch zu Hause in ihrer Familie oft Thema.

Amelie hält das jedoch nicht ab, sich auch für einen medizinischen Beruf zu interessieren. Zwar hat die 15-Jährige noch mehr als zwei Schuljahre vor sich. Doch in einem Praktikum verschaffte sie sich bereits einen kleinen Einblick in eine Welt, die für die meisten anderen weit weg erscheint - jedenfalls, so lange sie gesund sind und nicht auf Pflegekräfte und Mediziner angewiesen sind. "Ich würde gern Gesundheits- und Pflegewissenschaft studieren", sagt Amelie. Auf diese Weise lässt sich der Pflegeberuf mit einem akademischen Abschluss und weiteren Entwicklungsmöglichkeiten verbinden.

Das Wichtigste zu Corona aus Dresden:

Über den Dank der jungen Leute freut sich auch die Klinikleitung. Sie wird in diesen Wochen und Monaten nicht müde, die Leistungen der Kollegen des Dresdner Uniklinikums zu betonen. Gebetsmühlenartig ruft Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Uniklinikums, zahlreiche Mediziner und Wissenschaftler die Bevölkerung zum Impfen und Einhalten der Coronaregeln auf. Plätzchen können Freude machen. Entlasten wird die Pflegekräfte und Mediziner nur ein rückläufiges Infektionsgeschehen mit deutlich weniger schweren Krankheitsverläufen.