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Vergessenes Handwerk: Der Dresdner Maßschuhmacher

Im Dresdner Barockviertel steht die Zeit still. Nicht nur wegen des Lockdowns. Hier wirken Handwerker, die Vergangenes schätzen und ins Heute retten.

Schuhmacher Alexander Preiss an seinem Lieblingsplatz. Hier, in seiner Werkstatt im Barockviertel vernäht er von Hand Sohlen und Schäfte.
Schuhmacher Alexander Preiss an seinem Lieblingsplatz. Hier, in seiner Werkstatt im Barockviertel vernäht er von Hand Sohlen und Schäfte. © Sven Ellger

Dresden. Wie viele Boots, Stiefeletten, Ballerinas werden Versandhäuser wohl innerhalb zweier Wochen an Dresdner Kunden ausliefern? Hunderte? Tausende?

Diese beiden Wochen würde Alexander Preiss zusammen mit seinem Partner Christian Legler brauchen, um ein einziges Paar Schuhe herzustellen. Maßgeschneidert und handgefertigt.

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Die Zeitrechnung ginge nur auf, wenn der Schuhmacher und der Schäftemacher unausgesetzt an diesem Paar arbeiteten. Realistisch ist das nicht. Braucht ihr Handwerk doch Zeiten der Besinnung.

Als Alexander Preiss mit beinahe 30 auf seine innere Stimme lauschte, sagte sie ihm etwas, was zu wenige Menschen ernst genug nehmen: So wie bisher will ich nicht weitermachen.

Der studierte Theaterwissenschaftler arbeitete als Dramaturg an verschiedenen Theatern und haderte immer stärker mit dem, was der Beruf ihm gab und was er anderen damit geben wollte.

Der Schäftemacher Christian Legler fertigt jene Teile der maßgefertigten Schuhe an, die von oben besehen sichtbar sind. Das Handwerk des 34-Jährigen ist ein eigener Beruf.
Der Schäftemacher Christian Legler fertigt jene Teile der maßgefertigten Schuhe an, die von oben besehen sichtbar sind. Das Handwerk des 34-Jährigen ist ein eigener Beruf. © Sven Ellger

"Schon als Student habe ich nebenbei Geld auf dem Bau verdient und auch später hier und da Aufträge angenommen", erzählt der 50-Jährige. Der Nebenjob führte ihn nach Ibiza, wo er einen Berliner kennenlernte, der auf der Insel eine Schuhmacherwerkstatt betrieb.

Fasziniert von dieser ganz anderen Tätigkeit, die sich fühlen, riechen, hören ließ und ein Produkt für beinahe die Ewigkeit schuf, kam Alexander Preiss ins Grübeln.

Was blieb hingegen nach dem Applaus des Publikums? Er verhallte, ein bisschen wie die Zeitung von gestern zum Ausstopfen von nass gewordenen Schuhen taugt.

"Da habe ich mich entschlossen, noch einmal ganz von vorn anzufangen und einen neuen Beruf von der Pike auf zu lernen", erzählt er.

In Meißen fand Preiss eine Ausbilderin, die ihm nicht nur zur wichtigen Wegbegleiterin geworden ist. "Sie hat mich auch dazu bewogen, mein Können an junge Leute weiterzugeben und auszubilden."

Schuhreparaturen und orthopädisches Schuhwerk bieten viele Kollegen in Dresden an. Von einem weiteren Maßschuhmacher in der Stadt weiß Alexander Preiss nicht. Soll sein Beruf weiterbestehen, müssen Schuhmacher Nachfolger begeistern und ihren Wissensschatz in ebenso geschulte wie geschickte Hände legen.

Leisten aus Holz bezieht Alexander Preiss als Rohlinge. Im Nachgang passt er sie an die Fußform und die gewünschte Schuhform an. Für ähnliche Schuhe kann er immer wieder darauf zurückgreifen.
Leisten aus Holz bezieht Alexander Preiss als Rohlinge. Im Nachgang passt er sie an die Fußform und die gewünschte Schuhform an. Für ähnliche Schuhe kann er immer wieder darauf zurückgreifen. © Sven Ellger

Deshalb hat er bereits zwei Lehrlinge ausgebildet und eine junge Sattlerin angelernt. Eine Schuhmacherin auf Wanderschaft ist nach drei Monaten in Dresden gerade weitergezogen und eine neue Auszubildende hat begonnen.

Wer durchs Königstraßenviertel spaziert, kann durch die große Schaufensterscheibe der Werkstatt zusehen, wie Schuhe Form annehmen. Seinen Lieblingsplatz hat Alexander Preis nahe am Tageslicht.

Schuhe kosten über 2.000 Euro das Paar

Eintreten darf im Moment kein Kunde. Der Werkstatt ist der Betrieb erlaubt, doch Maßnehmen ist verboten. Zu nah wäre der Kontakt, während Schuh- und Schäftemacher Füße vermessen. Beides sind unterschiedliche Berufe.

"Der Schäftemacher fertigt alles, was von oben betrachtet vom Schuh zu sehen ist", erklärt Preiss. Seine Sache sind die Leisten und verschiedenen Sohlen.

Über die Zeit hat sich herausgestellt, dass die Spezialisierung Sinn macht, um die hohe Qualität, die die Handwerker bieten und die Kunden bei der Anschaffung ihres Unikats erwarten können, zu sichern.

"Unsere Schuhe kosten ab 2500 Euro", sagt Preiss. Zwischen 60 bis 80 Stunden Arbeit stecken darin. Auch 150 Stunden hat er schon an besonders aufwändigen Exemplaren gesessen.

Auf diesem Stuhl nimmt der Kunde Platz, damit ihm der Schuhmacher exakt die Füße vermessen kann. Für die spätere Passform ist dabei absolute Präzision gefragt.
Auf diesem Stuhl nimmt der Kunde Platz, damit ihm der Schuhmacher exakt die Füße vermessen kann. Für die spätere Passform ist dabei absolute Präzision gefragt. © Sven Ellger

Beispielsweise an Knopfstiefeletten. Jeder Knopf ein Knopfloch, jedes Knopfloch zig Stiche. Sie werden von Hand umnäht und benötigen größtes Fingerspitzengefühl.

"Leder verzeiht keinen falschen Stich. Es bleibt immer eine Beschädigung zurück", sagt Alexander Preiss. So braucht jedes Knopfloch mindestens eine halbe Stunde Arbeitszeit.

Doch bis es soweit ist, hat der Schuhmacher mit seinem Kunden dessen Wünsche besprochen, seinen Fuß vermessen, einen Leisten angepasst. "Wir bestellen Rohlinge und bearbeiten das Holz entsprechend."

Gegebenes und Gewünschtes muss im Leisten eine Liaison eingehen. Die Beschaffenheit des Fußes und die Schuhform finden darin ihr allererstes Abbild, Grundlage auch für weitere Maßschuhe. Zwischen beiden jedoch entsteht ein Probeschuh, den der Kunde trägt, um die optimale Passform zu finden.

Überwiegend fertigen Preiss und Legler Herrenschuhe. Oxford oder Derby, Chelsea Boots oder Loafer. Feines Schuhwerk fürs Business genau so wie derbe Arbeitstreter, die schon lange nicht mehr nur für harte Jobs, sondern den lässigen Stil gefragt sind.

Vom Leisten zum Probeschuh zum Schaft (v.l.) Schließlich folgen die verschiedenen Sohlen, und ein Maßschuh fügt sich zum Ganzen.
Vom Leisten zum Probeschuh zum Schaft (v.l.) Schließlich folgen die verschiedenen Sohlen, und ein Maßschuh fügt sich zum Ganzen. © Sven Ellger

Wer ein Klientel bedient, dass sich von Hand genähte Schuhe komplett aus Leder leistet, braucht langen Atem. Seit vier Jahren ist Alexander Preiss in der Rähnitzgasse ansässig, seit elf Jahren selbstständig.

Nach der Lehre war dieser Weg klar. Wo hätte er auch angestellt sein sollen? "Wir haben uns über die Jahre einen Kundenstamm erarbeitet, der unser Geschäft trägt", sagt Preiss. Dass er seit Wochen keine Kunden bei sich empfangen darf, folglich keine neuen Aufträge annehmen kann, belastet wirtschaftlich und seelisch.

Dazu die Sorge um die künftige Kaufkraft. Luxus hängt von florierender Wirtschaft und Wohlstand ab. "Früher hatten die Menschen je nach Geldbeutel entweder maßgefertigte Schuhe, Holzpantinen oder sie gingen barfuß", sagt Alexander Preiss.

Schuhmacher produzierten aus einem konkreten Bedarf heraus, während die heutige Schuhindustrie mit ihrer Produktion Bedarfe erst schafft.

Kurzlebiges Schuhwerk für schnell wechselnde Moden haben seiner Ansicht nach durchaus ihre Berechtigung. Er selbst jedoch ist ein Mann des Bestandes, der etwas schafft, das praktisch nicht kaputt gehen kann und kaum der Mode unterliegt.

"Schuhmacherei ist ein kreatives, beständiges, besinnliches Handwerk." Dafür liebt es Alexander Preiss und hofft darauf, dass ihm die aktuellen Folgen der Schnelllebigkeit eine Chance lassen.

Alexander Preiss' Werkstadt ist ein Ort zum Wohlfühlen und Entdecken - nicht nur für Kunden, sondern auch für alle Kollegen, die dort arbeiten. Bei ihnen sind selbst Schnürsenkel aus Leder.
Alexander Preiss' Werkstadt ist ein Ort zum Wohlfühlen und Entdecken - nicht nur für Kunden, sondern auch für alle Kollegen, die dort arbeiten. Bei ihnen sind selbst Schnürsenkel aus Leder. © Sven Ellger

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