merken
PLUS Dresden

Vier Gründe, warum Dresden wieder schrumpft

Das gab es seit 1999 nicht mehr: Dresdens Bevölkerung wird kleiner. Ist die Stadt nicht mehr so attraktiv?

Dresden schrumpft - das erste Mal seit mehr als 20 Jahren.
Dresden schrumpft - das erste Mal seit mehr als 20 Jahren. © dpa/Sebastian Kahnert

Dresden. Eigentlich sollte Dresden auf dem Weg sein, die 600.000-Einwohner-Marke zu knacken. Das sagten zumindest die Statistiker vor fünf Jahren. Inzwischen musste die Wachstumsprognose aber nicht nur mehrmals nach unten korrigiert werden. Sachsens Landeshauptstadt ist im vergangenen Jahr sogar geschrumpft, teilt die Stadtverwaltung nun mit.

Insgesamt 561.942 Menschen haben ihren Hauptwohnsitz in Dresden - reichlich 1.000 weniger. Wie konnte man sich vor fünf Jahren so irren? Was ist passiert, dass Dresden nicht mit florierenden Städten wie Leipzig Schritt halten kann?

Anzeige
Eintrittsfreie Konzerte, Kunst & mehr
Eintrittsfreie Konzerte, Kunst & mehr

Dresdens neues Kunstfestival NIB ART findet noch bis Sonntag an verschiedenen Orten der Stadt mit einem unterhaltsamen Programm statt.

Ursache 1: Corona durchkreuzt Umzugspläne

Die Mischung war eigentlich perfekt: eine neue Chipfabrik im Norden, neue Wohnquartiere von Mickten bis zur Johannstadt, und ein Image, das nicht mehr von Pegida beherrscht wird - die Zeichen standen auf Wachstum. Tatsächlich sind aber im Krisenjahr deutlich weniger Menschen nach Dresden gezogen. Wurden 2019 noch 31.641 Neu-Dresdner gezählt, so entschieden sich 2020 nur 26.497 Menschen für ein Leben hier. Holger Oertel von der städtischen Statistikstelle macht die Pandemie dafür verantwortlich.

"Beispielsweise wurden zwischenzeitlich Grenzen und Bürgerbüros geschlossen." Sprich: Fachkräfte aus dem Ausland, aber auch ausländische Studierende haben ihre Umzugspläne womöglich abblasen müssen. Andere machten sich möglicherweise bereits in Dresden sesshaft, hatten 2020 aber nicht die Möglichkeit, ihren Wohnsitz umzumelden, da Ämtergänge schwer möglich bis unmöglich waren. Sie konnten 2020 somit nicht in die Statistik einfließen.

Und nicht zu vergessen: Dresden ist eine Hochschulstadt. Die Aussetzung des Präsenzstudiums dürfte viele Erstsemester dazu bewogen haben, erst einmal bei Mama und Papa zu bleiben. Untermauert wird diese Vermutung durch einen Blick auf die Stadtteile. So haben insbesondere die Südvorstadt, in der sich zum Beispiel der TU-Campus befindet, aber auch die Friedrichstadt sowie Löbtau, wo viele Studenten leben, Einwohner verloren.

Aus all diesen Gründen könne man nicht ausschließen, dass ein Teil der bereits geplanten Umzüge nachgeholt wird und 2021 in die Statistik fließen wird, so Oertel weiter. Möglicherweise. "Eine abschließende Bewertung dieser Entwicklungen wird erst in ein paar Jahren möglich sein."

Ursache 2: So viele Todesfälle wie seit der Wende nicht

Zuletzt zählte Dresden im Jahr 1991 mehr als 6.000 Verstorbene. 2020 verloren insgesamt 6.061 Menschen in der Stadt ihr Leben. "Gewisse Schwankungen sind bei der Anzahl der Sterbefälle normal", so Oertel. Das habe immer auch damit zu tun, wie groß die Gruppe der älteren und alten Menschen gerade ist. Eine Zunahme an Sterbefällen habe vor allem in der Altersgruppe der über 80-Jährigen stattgefunden. Bei den 90- bis 94-Jährigen zum Beispiel. Hier sind fast ein Viertel mehr Tote gezählt worden als im Jahr zuvor.

Auf eine bestimmte Ursache will sich Oertel nicht festlegen. Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel betonte bereits Anfang des Jahres, verlässliche Aussagen könne man zu den Todesursachen nicht nennen. Diese würden nicht im Melderegister erfasst. Eine Verbindung zur aktuellen Pandemielage sei allerdings erkennbar, insbesondere zum Jahresende hin.

Auch indirekt könnte die Pandemie für Todesfälle verantwortlich sein. Mediziner warnten in den vergangenen Monaten immer wieder, bei Beschwerden auf Arztbesuche nicht zu verzichten. Die Befürchtung: Viele Krebserkrankungen könnten unerkannt bleiben. Ob dies der Fall gewesen ist, wird sich frühestens in einigen Monaten zeigen, wenn die Diagnosedaten statistisch aufbereitet wurden.

Ursache 3: Mütter- und Väter-Mangel

Mit 25 bis 34 Jahren befindet man sich in der Blüte seines Lebens. Viele Paare entscheiden sich in dieser Zeit für ein Kind. In Dresden ist diese Altersgruppe im vergangenen Jahr geschrumpft, von knapp 90.000 auf rund 85.000. Das hat zum einen damit zu tun, dass vor 25 bis 34 Jahren in Dresden weniger Kinder zur Welt gekommen sind, zum anderen zogen weniger junge Menschen nach Dresden. Das könnte mit der Pandemie zu tun haben, wie bereits im vorherigen Punkt beschrieben. Der Effekt: Es sind auch weniger Babys geboren worden. Ganz genau waren es 5.727, rund 150 weniger als ein Jahr vorher.

Ursache 4: Attraktives Umland

Ja, auch die Zahl der gemeldeten Wegzüge hat abgenommen, was Oertels These bestätigen würde, wonach Umzugspläne verschoben oder Umzüge schlichtweg nicht dem Amt mitgeteilt wurden. Dennoch: Es haben etwa 700 mehr Menschen der Stadt den Rücken gekehrt, als nach Dresden zogen. Die meisten entschieden sich in den vergangenen Jahren für die Nachbarkreis Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Bautzen.

Dieser Trend konnte selbst im Krisenjahr nicht gestoppt werden. Zwei Hauptursachen, so geht es sowohl aus der Kommunalen Bürgerumfrage als auch aus der Familienkompass-Befragung der SZ hervor, sind günstigere Wohnkosten und ein größeres Wohnungsangebot.

Gründe für den Umzug ins Dresdner Umland:

  • Platz 1: Zu hohe Kosten (Miete oder Wohneigentum)
  • Platz 2: zu hohe Umwelt- und Lärmbelastung, zu wenig Natur
  • Platz 3: Arbeit, Ausbildung, Schule
  • Platz 4: familiäre Bindungen
  • Platz 5: Woanders lebt es sich schöner oder interessanter.

Quelle: Kommunale Bürgerumfrage Dresden 2020

Weiterführende Artikel

Bevölkerungszahl in Deutschland stagniert

Bevölkerungszahl in Deutschland stagniert

Die Anzahl der Deutschen ist im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 2011 nicht gewachsen. Allerdings legt die Zahl der Hochbetagten zu.

Das sind Dresdens attraktivste Stadtbezirke

Das sind Dresdens attraktivste Stadtbezirke

Meistgelesen: Eine neue Studie zeigt, wo es sich in Dresden am besten lebt - für Studenten, Familien, Sport- und Kulturfans. Dabei gibt es Überraschungen.

Wo die Dresdner am meisten verdienen

Wo die Dresdner am meisten verdienen

Wo wohnen die meisten Menschen mit hohem Armutsrisiko, wo die meisten Reichen? Und wie viel lassen die Dresdner für Restaurantbesuche springen?

Wo sich die Dresdner am unsichersten fühlen

Wo sich die Dresdner am unsichersten fühlen

Mehr als 6.000 Menschen sollten in einer Bürgerbefragung sagen, welche Orte sie in Dresden meiden und warum. Drei Stadtteile werden besonders oft genannt.

Immerhin liegen bereits die Umzugszahlen aus dem ersten Quartal 2021 vor. Demnach sind bis Ende März 6.008 Menschen nach Dresden gekommen – rund 30 mehr als Anfang 2020. Zugleich haben 6.349 Menschen die Stadt verlassen. Das sind fast 250 mehr als im ersten Quartal 2020. Somit ergibt sich nur aus den Weg- und Zuzügen abermals ein Verlust für die Landeshauptstadt.

Mehr zum Thema Dresden