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"Die Volkshochschule hat aus der Krise gelernt"

Die monatelange Corona-Zwangspause brachte der Dresdner Einrichtung Millionenverluste aber auch neue Ideen, wie der Direktor im Interview erklärt.

"Die Vielfalt war nie größer", sagt Jürgen Küfner, Direktor der Dresdner Volkshochschule.
"Die Vielfalt war nie größer", sagt Jürgen Küfner, Direktor der Dresdner Volkshochschule. © Marion Doering

Herr Küfner, haben Ihnen die Menschen zum Neustart am 1. Juni die Bude eingerannt?

Das vielleicht nicht, aber wir spüren, wie sehr sich die Dresdner darauf freuen, mit der Volkshochschule ein Stück Normalität wiederzugewinnen und ein Stück Freiheit, die wir alle vermisst haben. Für uns war es ja auch kein Kaltstart, da wir im Haus schon seit einigen Wochen wieder Deutsch-Kurse anbieten konnten. Außerdem waren wir die ganze Zeit über durch unsere Online-Angebote präsent.

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Werden die Online-Kurse künftig noch nötig sein?

Wir sehen diese virtuellen Angebote längst als Weiterentwicklung und Ergänzung an. Diesen Schwung wollen wir mitnehmen. Es werden auch nicht alle Kurse, die jetzt im Sommer starten, in Präsenz stattfinden. Ein gutes Beispiel ist unsere Reihe "Grundfragen der Zeit", die am 1. Juli mit dem Thema "Vereinigtes Land - geteilte Meinung?" fortgesetzt wird. Damit bleiben wir bewusst im Livestream, weil wir damit gute Erfahrungen gemacht haben.

Aber ein Kochkurs, bei dem jeder seine Zutaten in denselben Topf wirft, ist schon etwas anders.

Das ist klar. Volkshochschule lebt von der Begegnung und dem Miteinander. Das kann man im Netz ein Stück weit abbilden, aber es wird nie das gleiche sein.

Julia Klesse bietet für die Volkshochschule Yoga auf dem Wasser an.
Julia Klesse bietet für die Volkshochschule Yoga auf dem Wasser an. © Christian Juppe

Wie weit wurde der Betrieb zuletzt heruntergefahren?

Viele unserer Mitarbeiter waren in Kurzarbeit und sind es zum Teil noch immer, bis wir absehen können, wie schnell wir wieder Fahrt aufnehmen. Durch den permanent hohen Verwaltungsaufwand, das stetige Konzipieren, Ändern und Verschieben von Angeboten, ist es uns nie langweilig geworden. Der Verwaltungsaufwand war gewaltig, vor allem, da wir immer versucht haben, das maximal Mögliche für unsere Kunden rauszuholen. Das war kräftezehrend. Wir hätten auch sagen können, wir machen den Laden einfach zu und warten ab.

Wie haben Sie die Zwangspause noch genutzt?

In unserem Kollegium hat sich in dieser Zeit ein außergewöhnlicher Teamgeist entwickelt - geprägt von Kreativität und Innovationsfreude. Viele Mitarbeiter sind bei der Konzeption neuer, insbesondere digitaler Veranstaltungsformate über sich hinausgewachsen. Außerdem haben wir die Zeit genutzt, um unsere Räume zu renovieren. Da wir sonst nie Leerlauf haben, war das eine gute Gelegenheit dafür. Unsere Dachterrasse haben wir zu einem grünen Klassenzimmer umgestaltet, mit Pflanzen und einem wetterfesten Bildschirm.

Das hört sich ja fast gar nicht nach Krise an.

Das liegt wahrscheinlich an meiner optimistischen Grundhaltung. Natürlich mussten wir alle im vergangenen Jahr eine hohe Frustrationstoleranz entwickeln. Der Neustart im Sommer 2020 hatte das ganze Team aufgebaut. Auch das Herbstsemester lief großartig an. Um so größer war die Enttäuschung, als wir im November wieder alles dicht machen mussten.

War das der psychologische Tiefpunkt?

Ja, zusammen mit dem März 2021, als wir realisieren mussten, dass wir trotz aller Hoffnungen und fertigen Hygienekonzepte auch im April und Mai nicht wieder starten dürfen. Alles in allem waren die vergangenen Monate für die Volkshochschule eine enorme Herausforderung mit Umsatzverlusten in Millionenhöhe in beiden Jahren. Jetzt hoffen wir, dass möglichst viele nun der angebotenen Kurse auch stattfinden können. Und das sind allein im Juni über 100.

Das neue VHS-Magazin Exkurs erscheint in wenigen Tagen.
Das neue VHS-Magazin Exkurs erscheint in wenigen Tagen. © Marion Doering

Wie glauben sie, die Menschen so schnell zurückgewinnen zu können?

In erster Linie mit einem attraktiven Programm. Nachdem der Juni veranstaltungstechnisch eher ein Übergangsmonat zum Reinkommen ist, wollen wir im Juli und August richtig durchstarten und die Dresdner auch mit ungewöhnlichen Formaten überraschen. Junge Leute werden wir künftig noch mehr auf Facebook und Instagram abholen. Im Sommer gibt es viele Angebote für Ferienkinder, von der Nachtwanderung durch die Dresdner Heide übers Kochen bis hin zum gemeinsamen Zaubern.

Von welchen ungewöhnlichen Formaten sprechen Sie konkret?

Die Vielfalt war noch nie größer. Neben unserem klassischen Veranstaltungsangebot bieten wir beispielsweise Stadtrundgänge in englischer Sprache an, Yoga auf dem Wasser und Ausflüge auf die Dächer der Stadt. Auch ein Gitarrenkurs am Lagerfeuer ist dabei. Wir wollen neue Perspektiven bieten und neue Räume erschließen, um damit näher zu den Leuten zu kommen. Das hat auch etwas mit Bildungsgerechtigkeit zu tun. Wir wollen eine Volkshochschule für alle sein und haben in dieser Hinsicht auch aus der Krise gelernt.

Fürchten Sie, die Zurückhaltung der Leute könnte noch lange spürbar bleiben?

Im vergangenen Jahr haben wir nach dem ersten Lockdown schnell 80 Prozent der Kundschaft zurückgewonnen. Auf einen ähnlichen Effekt hoffen wir jetzt auch, wenngleich wir das nicht voraussetzen können. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, über den Sommer hinaus recht strikte Hygieneregelungen beizubehalten, um den vorsichtigeren Menschen ihre Ängste nehmen zu können. Damit sind wir auch für einen möglichen leichten Anstieg der Fallzahlen im Herbst gewappnet.

Wie können sich die Menschen über Ihre neuen Angebote informieren?

Bisher waren wir es gewohnt, in Semesterrhythmen zu denken und zu planen und die Kurse langfristig in den Programmheften auszuschreiben. In den vergangenen Monaten mussten wir allerdings lernen, viel flexibler zu sein. Aus diesem Prozess heraus ist unser kostenloses Magazin Exkurs geboren, dessen zweite Ausgabe in den kommenden Tagen erscheint. Darin finden die Leser neben Interviews und Porträts von Dozenten auch Appetithäppchen aus unserem Angebot.

Kann solch ein Magazin das Programmheft ersetzen?

Nein, und das wird es auch nicht. Ab dem Herbst werden wieder wie gewohnt die Programme erscheinen, wobei wir auch unser Magazin weiterführen wollen. Bis dahin können sich die Dresdner im Internet über das komplette und jederzeit aktuelle Kursangebot informieren.

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