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"Es gibt kaum queerfreundliche Orte in Dresden"

Die SZ befragt Dresdner vor der Bundestagswahl, welche Probleme es gibt und was sie von den Politikern erwarten. Heute: Mitarbeiter des Dresdner Gerede e.V.

Alexander Bahr ist Mitarbeiter im Gerede e.V. in der Dresdner Neustadt.
Alexander Bahr ist Mitarbeiter im Gerede e.V. in der Dresdner Neustadt. © René Meinig

Dresden. Hier haben die Dresdner das Wort: Wenige Wochen vor der Bundestagswahl möchte die SZ in einem für alle gleichen Fragenkatalog wissen, wo der Schuh drückt - in Deutschland, in Dresden, im jeweiligen Stadtteil. Die Befragten antworten und sagen, was sie sich von den Politikern, die ihre Stadt im Bundestag vertreten, erwarten.

Sarah Benkhardt und Alexander Bahr sind Mitarbeiter im Gerede e.V. - Verein für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Dresdner Neustadt.

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Wo sehen Sie aktuell die größten Probleme in Deutschland?

Es gibt viele große Problemstellungen in Deutschland, die seit Jahren offensichtlich sind und nur schleppend angegangen werden: Beispiele sind der Klimawandel, ein erschreckendes Ausmaß an unter anderem antisemitischen, rassistischen und heterosexistischen sowie queerfeindlichen Entwicklungen innerhalb unserer Gesellschaft. Außerdem eine stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und nicht zuletzt mangelnde Bereitschaft, über die Grenzen von Deutschland hinaus solidarisch zu handeln. Dazu kommt seit eineinhalb Jahren die Corona-Pandemie und der an vielen Stellen unbefriedigende politische Umgang mit ihr. Das sind nur einige Beispiele zur Untermalung.

Aus unserer Sicht haben wir ein eindeutiges Gerechtigkeitsproblem in Deutschland. Wenn wir als Verein gebeten werden, Stellung zu beziehen, dann ist es uns natürlich ein Anliegen, den Blick insbesondere auf Problemlagen hinsichtlich sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zu richten. Davon gibt es in Deutschland aktuell mehr als genug: angefangen bei homo-, trans*- und inter*feindlichen Angriffen und der Erfassung derer als eben solche, über fehlende Gleichstellung beim Blutspenden für Männer, die Sex mit Männern haben, oder Ungleichbehandlungen im Adoptionsrecht bei Regenbogenfamilien bis hin zu intergeschlechtlichen Kindern, die ohne medizinische Indikation und ohne eigene Einwilligungsfähigkeit irreversible Operationen an ihren Genitalien mit jahrelanger medizinischer „Begleitung“ erleiden müssen. Zugespitzt formuliert: Das, was wir in anderen Ländern als Genitalverstümmelung zu Recht verurteilen, rechnen wir in Deutschland bei den Krankenkassen ab.

Wichtig ist uns, die in Deutschland bestehenden Probleme nicht gegeneinander aufzuwiegen. All diese Missstände sind wichtig zu benennen, anzuerkennen und dringend anzugehen. Sie erfordern politische Handeln. Unverzüglich. Es muss möglich sein, das Viele gleichzeitig anzupacken und für mehr Gerechtigkeit auf allen Ebenen einzutreten.

Wo sehen Sie aktuell die drängendsten Probleme in Dresden und in Ihrem Kiez?

Wir arbeiten im Großraum Dresden und Ostsachsen. Unser Vereinssitz ist in der Dresdner Neustadt. Wenn wir uns auf diese Stadt beziehen, dann stellen wir fest, dass es in Dresden an sicheren Räumen für die verschiedensten Personengruppen fehlt. Außer uns und ein paar wenigen Bars und Locations, die einen gewissen Freiraum bieten, gibt es kaum queerfreundliche Orte - und selbst diese sind voller Barrieren und so längst nicht allen Menschen zugänglich. Nicht-kommerzielle Gruppen, die etwas Neues austesten, etwas organisieren oder sich einfach nur treffen wollen, haben so gut wie keine Möglichkeiten dazu. Das verdeutlicht das Motto der diesjährigen Tolerade treffend: „Keine Räume, keine Träume!“ Gleiches gilt auch für Ostsachsen, wo es an vielen Stellen an sozialer Infrastruktur als auch an Räumen zur freieren Gestaltung fehlt. Menschen kommen zum Teil über 100 Kilometer zu uns gefahren, um in Beratung und / oder Kontakt mit anderen LSBTIAQ* zu kommen.

Gleiches gilt für queere Menschen in akuten Notlagen – egal ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene – wir brauchen Schutzwohnungen für LSBTIAQ*, ein gendersensibles medizinisches Versorgungssystem und Anlaufstellen, die sich der spezifischen Problemlagen bewusst sind.

Darüber hinaus kommen wir nicht umhin, Rassismus, Antifeminismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit als ein Problem auch und insbesondere in dieser Stadt zu benennen. Im Oktober letzten Jahres wurde ein Mensch aufgrund seiner Homosexualität auf dem Altmarkt ermordet. Reaktionen darauf blieben fast gänzlich aus. Jeden Tag erleben Menschen hier vor Ort Gewalt. Menschenfeindliche Einstellungen, Äußerungen und Verhaltensweisen scheinen geduldet, sogar salonfähig zu sein. Wir brauchen eine Stadtgesellschaft, die sich positioniert, die hinsieht und zusammensteht – nicht nur, aber ganz besonders auch in Politik und Verwaltung.

Was muss sich ändern?

Es muss sich Vieles auf unterschiedlichen Ebenen ändern und Einiges haben wir bereits benannt. Die Sichtbarkeit von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gehört unbedingt gestärkt. Diskriminierende Strukturen müssen abgebaut, sowie die damit zusammenhängende Umsetzung gerechterer Lösungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen vorangetrieben werden. Wie genau das im Detail und auf die verschiedenen Missstände bezogen aussehen kann, ist bereits an vielen Stellen als konkrete Forderung formuliert. Dabei wünschen wir uns eine mutigere und experimentierfreudigere Haltung in Politik und Verwaltung. Dabei können wir alle etwas tun, womit wir auch die Lesenden ermutigen wollen, denn Veränderungen fangen schon im Kleinen und im alltäglichen Handeln an.

Was sollten Politiker dafür tun bzw. ändern?

Es braucht ein klares Verbot von medizinisch nicht indizierten Operationen an intergeschlechtlichen Kindern. Verstöße dagegen müssen strafrechtlich verfolgt werden.

Außerdem muss das sogenannte Transsexuellengesetz, das vollkommen veraltet ist, dringend durch eine andere gesetzliche Regelung wie einem Selbstbestimmungsgesetz für trans- und intergeschlechtliche sowie für non-binäre Personen ersetzt werden. Dieses entspräche den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnissen, schütze die Grundrechte der betreffenden Menschen und schütze, dass deren Selbstbestimmung und Bedürfnisse in Mittelpunkt stellt. Das 2020 erweiterte Personenstandsgesetz muss den Eintrag “divers” auch Menschen aufgrund ihres Identitätsempfindens ermöglichen. Das Adoptionsrecht für queere Familien muss so angepasst werden, dass die Eltern aller Kinder selbstverständlich Anerkennung finden. Wir brauchen eine differenzierte Erfassung von Hasskriminalität gegenüber LSBTIAQ* und entsprechend sensible Behörden.

Für Organisationen wie uns wünschen wir uns eine bedarfsgerechte und langfristige Finanzierung der Maßnahmen und Projekte mit Planungssicherheit für unsere Adressat*innen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Kinder und die künftigen Generationen?

Für zukünftige Generationen wünschen wir uns sehr, dass jetzt die unterschiedlichen Probleme angegangen werden. Wir brauchen keine leere Symbolpolitik, sondern konkrete und praktische Lösungen.

Wenn Sie 100.000 Euro verteilen dürften in Dresden. Was würden Sie damit tun?

Wir plädieren und kämpfen seit Jahren mit vielen Dresdner Organisationen und Bürger*innen dafür, dass die soziale Infrastruktur der Stadt bedarfsgerecht finanziert wird. Das sind dann die Bereiche der Gleichstellung, Kinder- und Jugendhilfe, Soziales und der Kultur. Diese sind seit Jahren unterfinanziert und es immer wieder an vielen Ecken und Enden gespart. Die Investitionen, die wir heute in diesen Bereichen unterlassen, zahlen wir morgen aber doppelt und dreifach durch Folgekosten. 100.000 Euro sind daher zwar schön, reichen aber bei weitem nicht für eine Großstadt wie Dresden, wenn wir eine mittel- oder langfristige politische Perspektive einnehmen und Bedarfe ernst nehmen.

Corona hat viel verändert. Welches Problem ist Ihnen bewusst geworden und was wünschen Sie sich von Dresdner Bundestagsabgeordneten, um es lösen zu können?

Durch den politischen Umgang mit der Pandemie sind gesellschaftliche Ungerechtigkeiten noch einmal wie unter einem Brennglas offensichtlicher, als auch verstärkt worden. Es ist für uns deshalb umso wichtiger, dass die Dresdner Bundestagsabgeordneten und alle anderen politischen Entscheidungsträger*innen sowohl die Ursachen, als auch die Auswirkungen der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten in den Blick nehmen und bekämpfen. Entsprechende Forderungskataloge wurden in bundesweiten Vernetzungen formuliert und liegen vor.


Sarah Benkhardt und Alexander Bahr sind Mitarbeiter im Gerede e.V. - Verein für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Dresdner Neustadt..
Sarah Benkhardt und Alexander Bahr sind Mitarbeiter im Gerede e.V. - Verein für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Dresdner Neustadt.. © Gerede e.V.

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