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Warum Dresdens Einwohnerzahl sinkt

Das erste Mal im neuen Jahrtausend hat Dresden in einem Jahr mehr Einwohner verloren, als dazu kamen. Ist das ein Wendepunkt?

Dresdens Altstadtkulisse beeindruckt vor allem Touristen - doch die Einwohner nehmen ab. Warum?
Dresdens Altstadtkulisse beeindruckt vor allem Touristen - doch die Einwohner nehmen ab. Warum? © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Das Jahr 2020 war in so mancher Hinsicht besonders. Und auch die Bevölkerungszahlen für Dresden entwickelten sich in eine ungewohnte Richtung - nämlich abwärts. Erstmals seit 20 Jahren sank die Einwohnerzahl. Ende 2020 lebten mehr als 1.000 Menschen weniger in der Stadt als im Jahr zuvor. Was hat zu dem plötzlichen Bevölkerungsschwund geführt? Ein Blick in die Zahlen.

Dresden wächst immer langsamer

Tatsächlich prognostizieren die Statistiker der Stadt, dass Dresden in den kommenden Jahren deutlich langsamer wachsen wird als in den Jahren seit der Jahrtausendwende. Das liegt unter anderem daran, dass in Dresden in Folge der geringen Geburtenzahlen in den 90er-Jahren weniger Frauen im gebärfähigen Alter leben und viele Dresdner ins Umland ziehen. Auch die Zahl der Asylsuchenden wird in Dresden abnehmen.

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Während Leipzig die 600.000er-Marke bereits überschritten hat, wird Dresden diese Marke in naher Zukunft nicht knacken können. Ende 2020 lebten in Dresden 561.942 Einwohner. Der unvorhergesehene Abfall der Einwohnerzahl im vergangenen Jahr - den es in Leipzig beispielsweise nicht gab - ist damit aber noch nicht erklärt.

Corona sorgte für hohe Todeszahlen im Dezember

Im Jahr 2020 starben in Dresden auffällig viele Menschen. Im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 verzeichnete die Stadt im vergangenen Jahr 12,3 Prozent mehr Todesfälle.

Die Marke von 6.000 Toten pro Jahr wurde erstmals seit 1991 wieder durchbrochen. Ausschlaggebend war vor allem der Monat Dezember: In den vergangenen Jahren waren im letzten Monat des Jahres durchschnittlich 425 Menschen gestorben, im Dezember 2020 dagegen 764 - das sind fast 80 Prozent mehr.

Lässt sich dieser starke Anstieg auf die Corona-Pandemie zurückführen? Die Zahlen des Gesundheitsamts scheinen dies zu bestätigen. Bei fast der Hälfte der im Dezember Gestorbenen wurde der Tod mit oder durch Covid-19 festgestellt. Eine verlässliche Aussage über die Sterbegründe kann die Stadt bisher jedoch noch nicht treffen, "Verbindungen zur aktuellen Pandemielage" seien aber erkennbar.

Dresdner bekommen weniger Kinder

Die Auswirkungen der hohen Sterbezahlen auf die Bevölkerungszahl werden noch dadurch bestärkt, dass in Dresden seit Herbst 2018 deutlich weniger Kinder zur Welt kommen. Im Jahr 2020 waren es 5.747, Tendenz weiter sinkend. Damit sind im vergangenen Jahr sogar erstmals seit 2006 mehr Menschen gestorben als geboren worden.

Offensichtlich vorbei ist der Babyboom, der Dresden viele Jahre begleitete. Ein Grund: Derzeit leben weniger Frauen im gebärfähigen Alter in Dresden, insbesondere die Frauen zwischen 25 und 34 Jahren werden infolge des Geburtenknicks der 1990er-Jahre weniger, erklärt die Stadt. Mitte 2018 bekam eine Frau in Dresden noch durchschnittlich 1,54 Kinder, Mitte 2020 waren es nur noch 1,43.

Erst ab 2030 wird ein neuer leichter Babyboom erwartet, der aber den negativen Saldo aus Geburten und Sterbefällen wohl nicht ausgleichen wird. Die geringere Geburtenrate fällt für die sinkende Einwohnerzahl allerdings weniger ins Gewicht als die hohen Corona-Todeszahlen.

Deutlich weniger Immigranten

Ein weiterer Faktor, der sich im Bevölkerungsrückgang niederschlägt, ist die Ab- und Zuwanderung. Bisher waren Menschen, die Dresden als ihren neuen Heimatort entdeckten, der Hauptgrund für die wachsende Bevölkerung.

Doch bereits in den vergangenen Jahren verstärkte sich der Trend, dass immer weniger Menschen neu nach Dresden zogen, besonders wenige Zuzüge verzeichneten die Stadtteile Leuben, Prohlis und Reick.

Gleichzeitig zogen aber auch immer weniger Menschen aus der Stadt fort. Dennoch übertrafen die aus Dresden Fortgezogenen erstmals seit 1999 wieder die Dazugekommenen.

Ein Grund für den besonders starken Einwanderungsrückgang 2020 dürfte erneut in der Corona-Pandemie liegen. Rund ein Drittel aller Zugewanderten kam in den vergangenen Jahren aus dem Ausland, darunter auch viele Geflüchtete. 2020 waren die Grenzen jedoch zeitweise geschlossen, Umzüge aus dem Ausland waren mit besonderen Schwierigkeiten verbunden.

Der Anteil der aus dem Ausland Kommenden nimmt in Dresden stetig ab, im vergangenen Jahr konnten durch die geltenden Reisebeschränkungen gerade einmal 6.900 Menschen aus dem Ausland nach Dresden ziehen, etwa 3.000 weniger als im Vorjahr.

Studenten mussten nicht vor Ort sein

Joachim Ragnitz, der den Dresdner Standort des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung stellvertretend leitet, vermutet, dass 2020 besonders wenige Studenten nach Dresden gezogen sind. Da an der TU ein Großteil der Veranstaltungen online abgehalten wurde, begnügten sich manche Studenten damit, für die wenigen Präsenzveranstaltungen jeweils nach Dresden anzureisen, erklärt auch TU-Sprecher Konrad Kästner.

Dazu kam, dass die städtische Umzugsbeihilfe von 150 Euro für Studenten im vergangenen Jahr auslief - ein weiterer Anreiz weniger. Zwar waren auch 2020 alle rund 6.000 Wohnungen des Studentenwerks belegt, jedoch reichen die Wohnheimplätze ohnehin nur für einen Bruchteil der 31.500 Studenten, die zum Ende vergangenen Jahres an der TU studierten.

"Auch berufsbedingte Zuzüge dürften eher nachgelassen haben", fügt Joachim Ragnitz hinzu, "weil die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen pandemiebedingt niedriger ausfällt als in den Vorjahren". Ebenso kann die zeitweise Schließung von Bürgerbüros Einfluss gehabt haben, erklärt die Stadt, wodurch es zu Verzögerungen in den Anmeldungen kommen konnte.

Dresden entlockt dem Umland weniger Zuzügler

Neben den fehlenden Zuzügen aus dem Ausland nehmen aber auch insbesondere die Zahlen derer ab, die aus Sachsen oder aus dem Umland in die Landeshauptstadt ziehen. "Das hat damit zu tun, dass die Bevölkerung in Sachsen insgesamt schrumpft, also weniger Potential für Zuzüge da ist", erklärt Ragnitz.

Außerdem werde Dresden als Wohnsitz immer teurer, sodass sich ein Umzug für Leute aus dem Umland nicht lohne. Pro Quadratmeter war die durchschnittliche Netto-Kaltmiete in Dresden zuletzt von 6,48 Euro auf 6,67 Euro gestiegen.

Kein Grund sei dagegen, dass Dresden insgesamt an Attraktivität einbüße oder sich weniger Unternehmen ansiedelten, sagt Ragnitz. Denn die Zuzüge aus dem restlichen Deutschland blieben über die Jahre mehr oder weniger stabil.

Bevölkerungsknick dürfte wieder ausgeglichen werden

Der durch Corona bedingte Einbruch im Bevölkerungswachstum wird dagegen nur kurzfristige Folgen haben. Nach erfolgreicher Eindämmung der Corona-Pandemie rechnet die Stadt wieder mit einer langsam wachsenden Bevölkerung.

Die Bevölkerungsentwicklung im laufenden Jahr wird zwar wohl noch von der Corona-Pandemie bestimmt werden, doch danach sollen sich die Folgen zunehmend abschwächen.

Dazu erwarten die Statistiker der Stadt, dass sich die bereits beschriebenen negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Bevölkerungswachstum wieder ausgleichen. Studenten, die 2020 noch nicht nach Dresden gezogen waren, würden dies 2021 oder 2022 tun.

Außerdem werden in den nächsten Jahren viele Zuzüge aus europäischen Ländern erwartet, die wirtschaftlich nicht so gut durch die Corona-Krise kamen wie Deutschland, ein ähnlicher Effekt wie nach der Finanzkrise ab 2007.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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